Neues Tarifangebot ab Januar

Fahrgastverband kritisiert Bonner Klimaticket für 365 Euro

Bonner sollen mit dem Klimaticket für 365 Euro pro Jahr mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Stadt fahren können.

Bonner sollen mit dem Klimaticket für 365 Euro pro Jahr mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Stadt fahren können.

Bonn. Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert das Städte-Projekt "Lead City". Denn von der Einführung des Ein-Euro-Tickets werden Pendler, die man eigentlich zum Umsteigen vom Auto zu Bus und Bahn bringen will, gar nichts haben.

Es wirkt fast so, als schauten die Verkehrsplaner neidisch nach Wien. Das Klimaticket für 365 Euro pro Jahr gibt es in der Donau-Metropole schon lange, genauso wie günstige Angebote für Arbeitnehmer. Wie gut die öffentlichen Verkehrsmittel dort funktionieren, zeigt der sogenannte Modal Split – die Aufschlüsselung, wie viel Prozent der zurückgelegten Wege auf welches Verkehrsmittel entfallen. Während die Wiener auf 38 Prozent bei Bus und Bahn kommen, steht Bonn derzeit bei 17 Prozent. Durch das Projekt „Lead City“ soll der Anteil auf 20 Prozent wachsen. Das neue Tarifangebot, zu dem auch günstigere Gruppentickets gehören, startet am 1. Januar 2019.

„Die Zielgruppe sind Bonner, die sich in Bonn bewegen und noch nicht regelmäßig den ÖPNV nutzen“, sagt Veronika John, Sprecherin der Stadtwerke Bonn (SWB). Ihnen soll mit dem auf zwölf Monate begrenzten Angebot Lust auf den ÖPNV gemacht werden, damit sie dazu bereit sind, ihn auch nach Ende des Projekts zu nutzen. Selbst wenn dann die Kosten dreimal so hoch sind: Ein reguläres Jahresabo in der Preisstufe 1b, was das Klimaticket letztlich ist, kostet knapp 990 Euro. Eine Verbindung von Klimaticket und Monatsticket des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS) ist nicht vorgesehen, somit endet es an der Bonner Stadtgrenze.

Angebot gibt es nur für Neukunden

Wer glaubt, sein bisheriges Abo kündigen zu können, um als Neukunde wieder einzusteigen, wird enttäuscht: „Wir gleichen jeden Antrag mit unseren Stammdaten ab“, erklärt John. Das Kontingent umfasst 17.000 Tickets für zwei Jahre. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass diese Anzahl für die Nachfrage von Neukunden „durchaus großzügig“ ist. Dennoch gelte das Prinzip „so lange der Vorrat reicht“. Die Menge der Tagestickets für fünf Personen, die jeweils zum Preis eines Einzelfahrscheins erhältlich sein werden, ist ebenfalls begrenzt. Auch beim Verkehrsnetz will Bonn es den Wienern nachmachen. Dort erreicht jeder mit wenigen Schritten eine Haltestelle, die rund um die Uhr angefahren wird. Plan der SWB ist es, den Zehn- oder 20-Minuten-Takt von Montag bis Freitag um eine Stunde bis 20.30 Uhr zu verlängern. Samstags sollen Busse und Bahnen von 9.30 bis 20.30 Uhr künftig ebenfalls alle zehn beziehungsweise 20 Minuten fahren. Mehr Gelenkbusse und Taktverdichtungen sind für einige Regionalbuslinien vorgesehen, die noch nicht feststehen.

Zudem sollen neue Verbindungen von Bornheim über Roisdorf nach Tannenbusch sowie vom Venusberg über Poppelsdorf, Endenich und die Nordstadt nach Beuel entstehen. Das alles funktioniert laut SWB, ohne zusätzliche Fahrzeuge einzusetzen und Stellen für Fahrer zu schaffen – obwohl die Personaldecke dünn sei und zuletzt Verbindungen wegen defekter Bahnen ausfielen.

Tropfen auf den heißen Stein

Beim „betrieblichen Mobilitätsmanagement“ ist der VRS ein wichtiger Partner. An Arbeitgeber gerichtet, sollen neue Angebote entwickelt werden: etwa Fahrgemeinschaften oder flexiblere Arbeitszeiten, um Verkehrsspitzen zu entzerren. „Das dazu nötige Projektteam könnte Anfang 2019 seine Arbeit aufnehmen“, sagt Stadtsprecherin Monika Hörig. Rund zwei Millionen Euro Fördermittel stehen dafür zur Verfügung.

„Was Bonn nun umsetzen will, ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Hans-Werner Ignatowitz vom Fahrgastverband Pro Bahn Rheinland. Das Klimaticket bezeichnet er als „plakativ-spektakulär“, weil nur wenige davon profitierten. „Wir haben einen hohen Anteil von Menschen, die in die Stadt pendeln und das Klimaticket nicht nutzen können.“ Die Taktverdichtungen und zusätzlichen Linien seien „halbherzig“, weil lediglich die verkehrsschwachen Zeiten am Wochenende und in den Abendstunden gefördert würden. Die Millionen, die der Bund nun anlege, sollten besser langfristig investiert werden – für alle Menschen im gesamten VRS.

Wie es nach 2020 weitergeht, ist indes unklar. „Wenn die Förderung ausläuft, wird auf Basis der Auswertung zu entscheiden sein, ob Maßnahmen – eventuell modifiziert oder ergänzt – fortgesetzt werden“, sagt Hörig. Dabei werde es auch um die Frage gehen, wer weitere Angebote bezahlt und welche Rolle der Rhein-Sieg-Kreis spielt.