Häuserbau in Bonn

Für Flüchtlinge fehlen bis zu 4000 Wohnungen

In Bonn werden zu wenig Wohnungen gebaut. Das Bild aus dem November zeigt eine Baustelle an der Frascatistraße.

In Bonn werden zu wenig Wohnungen gebaut. Das Bild aus dem November zeigt eine Baustelle an der Frascatistraße.

01.02.2016 BONN. In Bonn fehlen Tausende von Wohnungen, weil die Einwohnerzahl immer weiter wächst. Zwei Modellrechnungen zeigen, wie stark der Zustrom von Ausländern den Bedarf steigert.

Was kommt nach der Notunterkunft? Während die Stadtverwaltung noch mit der akuten Bewältigung des Flüchtlingszustroms beschäftigt ist, liegen jetzt erste Berechnungen vor, wie viele zusätzliche Wohnungen für die Menschen gebaut werden müssen, die in Deutschland bleiben dürfen. Die Zahlen schwanken je nach Quelle, zeigen aber die Dramatik der Lage.

Die NRW-Bank errechnet für Bonn bis Ende 2016 einen Zusatzbedarf von 2000 bis 4000 Wohnungen. Unter der Prämisse, dass Flüchtlinge vor allem dorthin ziehen wollen, wo bereits Zuwanderer leben, liege die Zahl für Bonn sogar bei 8000 Wohnungen. Die Bank hat gemeinsam mit dem NRW-Bauministerium eine Modellrechnung erstellt.

Diese beruht auf Annahmen zur Zahl der Flüchtlinge, die 2015 und 2016 nach NRW kommen, zur Bleibewahrscheinlichkeit, zum Familiennachzug und zur durchschnittlichen Haushaltsgröße. „Die Unwägbarkeiten sind also groß“, sagt Banksprecherin Caroline Gesatzki – nicht zuletzt auch nach den jüngsten Äußerungen der Bundeskanzlerin zur Bleibeperspektive für Kriegsflüchtlinge.

Das Hannoveraner Pestel-Institut hat die Situation im Auftrag der Baubranche analysiert. Nach den Berechnungen von Institutsleiter Matthias Günther hatte Bonn 2015 einen rechnerischen Gesamtbedarf von rund 3240 Wohnungen, 1500 davon entfielen auf Flüchtlinge. 2013 wurden aber nur 593 Wohneinheiten geschaffen, 98 davon waren Sozialwohnungen. 2014 liegen die Zahlen mit 675 und 121 etwas höher. Die Zahl für 2015 war von der Stadtverwaltung kurzfristig nicht zu erfahren.

 

Klar ist aus Sicht der Verwaltung aber: Der Neubaubedarf für preisgünstigen Wohnraum liegt „deutlich über dem bisher realisierten Niveau“. Denn schon ohne Flüchtlinge geht man im Stadthaus von einem durchschnittlichen Bevölkerungswachstum von etwa zehn Prozent bis zum Jahr 2030 aus – das wären etwa 30.000 Neu-Bonner. Zum Vergleich: Im Moment bringt die Stadt rund 3700 Flüchtlinge unter, weitere 1000 leben in Bonner Unterkünften des Landes. Bleibt der Zustrom ungebremst, erwartet Stadtdirektor Wolfgang Fuchs bis Jahresende einen Anstieg auf rund 7000 Flüchtlinge.

Beim Neubau klemmt es

Um die Mieten durch preisgünstige Unterkünfte zu dämpfen und somit die Grundversorgung von Haushalten mit geringen bis mittleren Einkommen zu sichern, sollte der Anteil geförderter Wohnungen am kompletten Bestand zwischen zwölf und 14 Prozent liegen. Nach Stadtangaben beträgt der Anteil in Bonn aber nur etwa sieben Prozent, es fehlen folglich knapp 10.000 geförderte Wohnungen. Dieser Bedarf könne nur durch zusätzlichen Neubau gedeckt werden, was bereits jetzt die sehr niedrige Leerstandsquote zeige.

Doch beim Neubau klemmt es. „Zum einen wurde in den vergangenen Jahren das Baurecht nicht ausreichend verfolgt und entwickelt“, sagt Michael Kleine-Hartlage, Geschäftsführer der städtischen Vebowag. Es gebe veraltete Baupläne, Baugenehmigungen dauerten zu lange. „Außerdem hat Bonn kaum große freie Flächen, die bebaut werden können.“

Eine große Chance sieht er deshalb im Paragrafen 34 des Baugesetzbuches. Der regelt die Genehmigung von Bauvorhaben im „unbeplanten Innenbereich“, also auf innerstädtischen Flächen, für die kein Bebauungsplan existiert. Ein Bauvorhaben muss demnach genehmigt werden, „wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist“.

"Dann ist Bonn vielleicht nicht mehr Bonn"

Die sogenannte Nachverdichtung, wie sie auch die Ratsfraktionen diskutieren, ist allerdings umstritten. Denn darunter fällt auch, hochgeschossige Häuser zu bauen, die das Stadtbild verändern. „Dann ist Bonn vielleicht nicht mehr Bonn“, sagt Georg Fenninger (CDU). Für „verantwortungsbewussten Wohnungsbau“ schaut er auch auf den Rhein-Sieg-Kreis: Dort gebe es genügend Freiflächen, die für soziale Neubauprojekte ausgewiesen werden könnten. Dann müsste allerdings auch der öffentliche Nahverkehr stark ausgebaut werden, um die Straßen zu entlasten.

Vorschläge für Baugebiete in Bonn gibt es einige: die Freiflächen zwischen Friesdorf und Dottendorf, die für den Bau des Venusbergtunnels reserviert sind; den Bereich zwischen dem Heizkraftwerk Süd und der Reuterbrücke entlang der Bahnstrecke, der überwiegend Eigentum der Stadt ist sowie der Entwicklungsbereich Roleber. Neue Sozialwohnungen könnten auch in Kessenich auf dem stadteigenen Grundstück am neuen Bahnhaltepunkt Regierungsviertel entstehen; weitere anteilsmäßig in Buschdorf „Im Rosenfeld“, im Bereich des „Stadttors Beuel“ und bei der geplanten Umwandlung der Ermekeil- sowie der Gallwitzkaserne in Wohngebiete.

Trotz vieler Ideen scheitert der geförderte Wohnungsbau oft an der „Verfügbarkeit von (bezahlbaren) Grundstücken“, wie es die mittlerweile ausgeschiedene Sozialdezernentin Angelika Maria Wahrheit vor einigen Wochen formulierte. „Die Schaffung beziehungsweise Änderung von Baurecht für Nachverdichtungen trifft regelmäßig auf starken Widerstand in der Anwohnerschaft“, erklärte sie. Innerhalb der nächsten zwei Jahre sei eine weitere Verschärfung der Situation zu erwarten.

Die Lösung, so Wahrheit damals, könne nur ein Zusammenspiel aller denkbaren Maßnahmen sein: feste Quoten bei der Schaffung von Baurecht oder dem Verkauf städtischer Grundstücke, Reduzierung von Stellplatzforderungen im geförderten Wohnungsbau und Beschleunigung der Genehmigungsverfahren. (Nicolas Ottersbach, Andreas Baumann)