Abschied von Hans-Dietrich Genscher

Erinnerungen an einen Großen

Das Grab von Hans-Dietrich Genscher auf dem Rheinhöhenfriedhof in Ließem.

Das Grab von Hans-Dietrich Genscher auf dem Rheinhöhenfriedhof in Ließem.

BONN/WACHTBERG. Auch die Bürger haben Abschied vom Staatsmann und Nachbarn Hans-Dietrich Genscher genommen. Er ist auf dem Rheinhöhenfriedhof in Ließem beerdigt worden.

Vielleicht ist es das ungemütliche Wetter, dass am Sonntagmorgen so wenige Zaungäste verfolgen, wie sich die Politikprominenz in schwarzen Limousinen vorfahren lässt. Dicke graue Wolken ziehen träge am Himmel, ein teilnahmsloser Wind lässt die Europa- und Deutschlandflagge vor dem Alten Plenarsaal nur mäßig aufblähen. Die Polizeipräsenz rund ums Bundesviertel und unmittelbar am Ort des Staatsaktes ist beachtenswert. Uniformierte halten das Szenario von den Dächern des WCCB-Hotels, der Deutschen Welle und des Plenarsaals aus im Auge.

Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan und seine Vorvorgängerin Bärbel Dieckmann, die gemeinsam kommen, gehören zu den ersten Gästen. Da stehen gerade einmal eine Handvoll Bürger an der Absperrung auf dem Platz der Vereinten Nationen. Um diese Zeit sind es vor allem die Jogger, die die Polizisten von ihren gewohnten Runden abhalten müssen.

„Hans-Dietrich Genscher war Teil dieser Stadt“, sagt Dieckmann, die auch in den vergangenen Jahren noch regen Kontakt zum früheren Außenminister hielt. „Er war ein ganz besonderer Mensch. Auch wenn er damals in der Debatte um Parlaments- und Regierungssitz für Berlin gesprochen hatte, so blieb er seiner Heimat Bonn und Pech stets verbunden.“

Für sie gehörte Genscher zu den Politikern, die bis zuletzt auch noch etwas zu sagen hatten. Er sei ja regelmäßig Gast und Referent im Willy-Brandt-Haus in Berlin gewesen. Da habe er eine so eindringliche und kluge Rede gehalten, „dass am Ende der ganze Saal stehend Applaus spendete“.

Ehrensache, zum Staatsakt zu kommen

Rita Niesel schmiegt sich an ihren Mann Peter. Die beiden Bonner haben zwar nie FDP gewählt, aber für sie, die in der Gronau leben, ist es Ehrensache, zum Staatsakt zu kommen – wenn auch nur als Zuschauer von außen. „Schade, dass nicht auch ein paar Bonner Bürger als Ehrengäste dabei sein können“, meint Peter Niesel. Schließlich habe Genscher viel für Bonn getan. Sie finden es schon bemerkenswert, dass der Staatsakt hier in der alten Hauptstadt stattfindet und nicht in Berlin. „Genscher war eine ganz große Persönlichkeit.“

„Er hat ein Stück unseres Lebens begleitet“, sagt Bianca Meyer zu Hücker, die mit ihrem Mann Dirk und den beiden Kindern Mirja, 17, und Marc, 15, in der ersten Reihe der Absperrung steht. Die Familie kommt aus Bielefeld und hat den Besuch mit einer Familienfeier verbunden. „Ich werde nie vergessen, wie ich damals als 19-jährige Studentin die Liveschaltung aus der Prager Botschaft miterlebte“, sagt sie. Immer mehr offizielle Gäste gehen an der Absperrung vorbei. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles zum Beispiel oder Norbert Röttgen aus Königswinter, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses.

Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, steigt aus dem Wagen, als in der Ferne schon das Blaulicht der Polizei die Ankunft von Bundeskanzlerin Angela Merkel ankündigt. Da ist es 11.30 Uhr. Im Wagen dahinter sitzt Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Beide gehen zügig hinein in den Alten Plenarsaal. Denn gleich dahinter fahren zwei schwarze Busse vor den Eingang. Schwarze Fenster. Polizeiwagen halten dicht davor und dahinter. Nur kurz ist Barbara Genscher zu sehen. Es ist die Familie des verstorbenen Staatsmannes, die abgeschirmt in den Saal gehen kann.

Frank Asbeck, Chef der Solarworld AG, kommt lässig im Trachtenjanker. Genscher, sagt er schmunzelnd, sei ja Gast aller seiner Hochzeiten gewesen, zuletzt bei der Feier der silbernen Hochzeit im vergangenen Sommer.

„Abschied vom Helden von Prag“ steht auf dem bunten Karton, den Achim von Almrich vor sich hält. Ein paar weiße Rosen hat er auch dabei. Der 80-Jährige ist die ganze Nacht durch mit dem Fernbus aus Leipzig gefahren, um Genscher die letzte Ehre zu erweisen. Genscher, meint er, sei die „Erlösung“ für die Menschen in der DDR gewesen.

Tobias ist neun Jahre alt und weiß genau, dass es „sehr schade ist, dass der berühmte Mann gestorben ist“. Und dass Genscher den Mauerfall vorbereitet hat, weiß er auch. Das hat er im Haus der Geschichte gesehen. „Und er war mal genauso wichtig wie Angela Merkel.“ Jetzt sitzt er auf der Absperrung und wartet mit seiner Mutter Christiane Doms darauf, dass die Kapelle spielt.

Auch ein „Promi-Jäger“ verabschiedet sich

Theo Brenig ist 75 und hätte es am liebsten wieder versucht, ohne Einladungskarte hineinzukommen. Doch sein Freund hat ihn diesmal davon abgehalten. Früher wäre ihm das nicht passiert. Brenig war mal einer der bekanntesten Unbekannten in der alten Bundeshauptstadt. Als „Promi-Jäger“ beschrieben ihn die Boulevards. Nein, Autogramme hat er nicht gesammelt. Er ließ sich nur fotografieren, mehrmals mit Genscher, mit PLO-Chef Jassir Arafat, mit der Queen im Brühler Schloss, die Sicherheitsleute von Bill Clinton ließen ihn sogar bis zur Air Force One vor.

„Ich sah eben immer so seriös aus“, sagt Brenig und zeigt eine Reihe von Fotos, die er aus der Jackentasche zieht. Natürlich ist auch ein gemeinsames Bild mit Bundespräsident Joachim Gauck dabei. Einmal, so erzählt er stolz, habe er sich bei einem hohen Staatsbankett so weit hineingemogelt, dass er zunächst sogar am Tisch mit den Genschers gesessen habe. Und weil Frau Genscher ihn nicht gekannt habe, sei sie davon ausgegangen, er sei einer der Sicherheitsleute: „Und Sie passen also heute Abend auf uns auf?“, habe sie ihn gefragt.

Hans-Peter Lange, pensionierter Soldat aus der Südstadt, treibt nicht nur die Neugierde her. Als politisch-interessierter Bürger bezeichnet er sich, der aber auch zur Ehre für einen verdienten Politiker gekommen sei. „Auch wenn ich eine kritische Haltung zu Genscher habe“, sagt er. In der Balkankrise, findet er, habe der frühere Außenminister keine so gute Figur gemacht. Die Position Deutschlands sei damals doch zu freundlich gegenüber Kroatien gewesen.

Christa Kreutz, 70, hält drei gelbe Nelken mit purpurnem Rand in den Händen. „Ich war Vozida damals bei der FDP-Fraktion“, erzählt sie. „Vozida“ – Vorzimmerdame. Sie kennt Genscher schon seit den 1960er Jahren aus dem Arbeitskreis Innen und Recht. „Und als der Kanzlersturz war, da hatte ich Spätdienst.“ Die Blumen will sie am liebsten auf den Bestattungswagen werfen. „Wenn’s nicht klappt, gehe ich zum Auswärtigen Amt und werfe sie da in den Rhein.“ Es wird aber klappen.

Mehr als hundert Bürger an der Absperrung

Gegen 13 Uhr kämpft sich die Sonne durch die Wolken und erwärmt den Platz. Mittlerweile sind wohl mehr als hundert Bürger an der Absperrung. Von der Ferne ertönt ein monotones Trommeln. Die Ehrenformation der Bundeswehr marschiert von Norden aus auf den Platz. Grüne Baretts, grau-schwarze Uniform. Eine Viertelstunde später kommt die Trauergesellschaft aus dem Plenarsaal, zunächst Barbara Genscher, gestützt von Bundespräsident Gauck, der sie während der ganzen Zeremonie festhalten wird.

Das Musikkorps spielt „Ich bete an die Macht der Liebe“. Während noch die Melodie vom „Lied vom guten Kameraden“ ausklingt, wird der Sarg mit der Deutschlandflagge in den schwarzen Wagen getragen. Wieder hallt ein Trommelwirbel. Dann ist es plötzlich ganz ruhig. Der Sargwagen wendet auf dem Platz und fährt im Schritttempo an der Trauergemeinde vorbei in südlicher Richtung ab. Gelotst wird er von der Bonner Polizei.

Während im Foyer des Plenarsaals noch der Empfang des Bundespräsidenten läuft, bereiten Friedhofsarbeiter auf dem Rheinhöhenfriedhof in Wachtberg-Ließem die Grabstätte vor. Vereinzelt kommen Menschen aus den umliegenden Orten, um sich in das Kondolenzbuch einzutragen, das dort ausliegt. Währenddessen wird der Vorplatz der Gnadenkirche in Pech mit etlichen, prachtvollen Kränzen geschmückt: von der Bundeskanzlerin, dem Bundespräsidenten, den Botschaften von Polen und der Ukraine und auch von der GSG 9.

Am späten Nachmittag hält Pfarrerin Kathrin Müller den Gottesdienst – sehr persönlich und im Blick auf den Familienmenschen Genscher. „Egal wo er war, ein Anruf musste sein. Und dass in Zeiten in denen es noch keine Handys gab“, sagt Müller. Sie spricht von seinem „geliebten Wachtberg“ aber auch der großen Verbundenheit zu Halle – dem wird ganz besonders Rechnung getragen: Die Trauergäste singen das Saale-Lied und Mitglieder der Halloren tragen den Sarg Genschers in den Leichenwagen und begleiten diesen bis zum Rheinhöhenfriedhof nach Ließem.

Nach der Beerdigung am frühen Abend werden die zahlreichen Kränze, Gestecke und Blumengebinde auf und rund um das Grab mit dem schlichten Holzkreuz gelegt. Einige Bürger legen noch Blumen nieder, darunter gelbe Rosen – in Erinnerung an den Mann mit dem gelben Pullunder.