Überall Jammer, Brand und Verwüstung

Erinnerung an den Bombenangriff auf Bonn von 1944

Bonn. Am Donnerstag jährt sich der große Bombenangriff auf Bonn zum 74. Mal. Drei Überlebende erinnern sich an jenen schicksalhaften Tag im Zweiten Weltkrieg.

„Ich erlebte den ersten großen Bombenangriff auf Bonn am 18. Oktober 1944 als Achtjähriger im Keller unter meinem Elternhaus“, erinnert sich Günther Gratzfeld aus Bad Godesberg. Als die Sirenen heulten, hatten sich alle Mitbewohner dorthin geflüchtet und hörten nun voller Angst, wie die Einschläge so nah wie nie zuvor kamen. Die Erwachsenen hätten nur noch gebetet. „Für Sie Nachgeborene ist das nicht zu verstehen, was es heißt, wenn man da unten sitzt und völlig hilflos ist“, sagt Gratzfeld.

Das gehe durch Mark und Bein. Bis Godesberg hätten die Bomben der Briten an diesem sonnigen Oktobermorgen jedoch noch nicht gereicht. „Aber dann hörten wir später, dass die Bonner Altstadt in Flammen aufgegangen war. Furchtbar.“ Ein Feuersturm war durch die dortige Innenstadt gefegt. Kaum ein Gebäude war verschont geblieben. Universität, Rathaus, Krankenhäuser, Schulen und Kirchen, alles war zerstört.

Liebesbriefe an Soldaten

Das Flammeninferno selbst hatten andere erlebt – und überlebt. Sie waren an diesem so friedlich scheinenden Morgen durch einen Fliegeralarm aufgescheucht worden, weil die britischen Bomber, die zuvor Richtung Rheinland-Pfalz weitergedonnert waren, völlig überraschend zurückdrehten. Ellen Klandts Mutter Annelie war damals als junge Frau im Bonner Postamt gewesen, hat Klandt nach dem Tod der Mutter plötzlich im Nachlass gelesen.

Es sind Liebesbriefe der jungen Frau an ihren späteren Ehemann, der als Soldat an der Front in Russland kämpft. Klandt hat sie unter dem Titel „Zwei schöne Fensterplätze in den Krieg“ herausgegeben. „In der Stadt ist es an diesem 18. Oktober schrecklich, direkt grausig“, schrieb also die junge Annelie ihrem Franz an die Front.

 

Selbst die Bunker schwankten

Sie selbst ist im Postamt als Telefonistin im Dienst und kann von Glück reden, dass das Amt nur einen Dachstuhlbrand abbekommt. Schnell begreift Annelie dann aber doch die Dimension dieses ersten direkten Bombardements auf Bonn: „Die ganze Altstadt brennt.“ Mehr will sie dem Verlobten nicht direkt schreiben. „Sie wollte ihn wohl nicht zu sehr beunruhigen“, meint die Tochter heute. „Wir erwarten einen weiteren Angriff, der Engländer gibt sich damit bestimmt nicht zufrieden“, vermutet die junge Frau in ihrem Brief noch. „Doch was hilft alles“, fügt sie dann noch resignierend hinzu.

„Hoffentlich ist das ganze Leid bald vorbei.“ Denn auch Annelie dürfte, als sie ihr Postamt verließ, die lichterloh brennenden Häuser gesehen haben, den Brand, der auch nicht vor den Luftschutzkellern Halt machte, in denen sich Alt und Jung aneinanderdrückten. Selbst die Bunker schwankten an diesem schwarzen Oktobertag 1944.

"Überall Jammer und Elend, Brand und Verwüstung"

Zeitgleich schrieb die junge Rosi Gollmann, die später die bekannte Andheri-Hilfe aufbaut, entsetzt in ihr Tagebuch, dass an diesem 18. Oktober Bonn einem schrecklichen Bombardement zum Opfer gefallen sei. „Ein schauerliches Bild bot sich mir, als ich nach dem Angriff, der nur 20 Minuten dauerte, aus dem Luftschutzkeller ins Freie trat.“ Die junge Gollmann war damals bei einem Arzt beschäftigt. Jetzt sah sie „überall Jammer und Elend, Brand und Verwüstung“. In der Praxis war sie nun „mit den schrecklichsten Verletzungen konfrontiert“.

„Der Krieg ging seinem Höhepunkt entgegen, und er wurde mehr und mehr in den Städten ausgetragen“, sinnierte Gollmann. Später habe sie erfahren, dass an diesem Tag allein 400 Bonner gestorben waren, schreibt Gollmann, die Friedensstifterin, später in ihrem Buch „Einfach Mensch“. Und es sollten mit den kommenden Angriffen mehr werden. „Nie werde ich diese Bilder vergessen. Bilder von brennenden Straßenzügen, von Menschen, die eben noch gesund und lebendig waren wie ich und nun als zerstückelte Leichen zwischen den Trümmern lagen.“

Bonn damals und heute

Hier können Sie sehen, wie das moderne Bonn im Vergleich zu den Kriegsjahren aussah. Die Farbfotos stammen aus dem Jahr 2015. Bewegen Sie den weißen Schieber in der Mitte des Bildes nach rechts oder links und sehen Sie die Bilder im direkten Vergleich.

Maximilianstraße, Ecke Gangolfstraße mit Blick aufs Münster:

Kennedybrücke:

Friedensplatz mit Blick auf die Friedrichstraße:

Friedensplatz mit Blick auf die Sterntorbrücke:

 

In der Gertrudiskapelle im Frauenmuseum, Im Krausfeld 10, gibt es am Donnerstag, 18. Oktober, ab 11 Uhr ein Gedenken der Zerstörung der Bonner Altstadt 1944 mit fast 300 Toten.