Sparvorschläge in Bonn

Ende fürs erste Frauenmuseum der Welt?

Das Lachen ist ihr noch nicht vergangen: Marianne Pitzen inmitten ihrer Matronen.

Das Lachen ist ihr noch nicht vergangen: Marianne Pitzen inmitten ihrer Matronen.

BONN. Das Haus in der Bonner Altstadt soll kein städtisches Geld mehr bekommen, doch Marianne Pitzen gibt lange nicht auf.

Bis 2018 soll das Frauenmuseum Im Krausfeld eine städtische Förderung bekommen, dann soll Schluss damit sein. So lautet jedenfalls der Vorschlag der Bonner Verwaltungsspitze, die Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch kürzlich präsentierte. Museumsdirektorin Marianne Pitzen greift den Bonner Kulturdezernenten Martin Schumacher hart an: "Wenn der nicht für die Kultur in Bonn kämpft, hat der seinen Job verfehlt", sagt sie und fügt charmant lachend hinzu: "Die Zeit für damenhafte Wohlanständigkeit ist vorbei." Pitzen hat jedenfalls nicht vor, das Frauenmuseum kampflos aufzugeben.

Um welche Summe geht es?
120.000 Euro erhält das Frauenmuseum, das jährlich rund 30.000 Besucher zählt. Doch von dieser Summe fließen laut Pitzen 100.000 Euro praktisch von einer Hosentasche in die andere: Da das Gebäude der Stadt gehört, zahlt das Kulturamt die Mietkosten an das Städtische Gebäudemanagement. Die restlichen 20.000 Euro frisst die Stromrechnung, so Pitzen. Zum Vergleich: Der Kunstverein (rund 7000 Besucher inklusive Artothek) erhält 156.000 Euro Zuschuss, dazu kommt die von der Stadt bezahlte Miete plus Nebenkosten in Höhe von rund 200.000 Euro.

Warum will die Stadt den Zuschuss streichen?
"Frau Pitzen und die Mitinitiatorinnen haben in über 30 Jahren hervorragende Arbeit geleistet", sagt Kulturdezernent Martin Schumacher. "Das Frauenmuseum hat wesentlich dazu beigetragen, dass Künstlerinnen heute ganz selbstverständlich ihre Werke in den großen Kunsthäusern präsentieren können. Damit hat das Frauenmuseum sein eigentliches Ziel erreicht." Andererseits könnten die Ausstellungen auch in anderen Häusern, etwa im Kunstverein oder im Künstlerforum durchgeführt werden. Indes sei das Frauenmuseum auch ein "wichtiger Knotenpunkt im internationalen Netzwerk. Deshalb fällt mir die Entscheidung, den Zuschuss zu streichen, besonders schwer". Aber das 3000 Quadratmeter große Haus befinde sich in einer wertvollen Lage. Es gehöre auch zu den Aufgaben seines Amtes, zu überlegen, wie Geld in den Haushalt kommen könne.

Bekommt das Frauenmuseum in Zukunft keinerlei Unterstützung durch die Stadt?
"Selbstverständlich ist es für mich ein sehr schmerzlicher Schritt, eine Einrichtung aufzugeben, aber vor dem Hintergrund der prekären Haushaltslage halte ich es für vertretbar, das sehr kostenintensive Museumsgebäude aufzugeben und die Arbeit des Vereins künftig Projekt bezogen zu unterstützen", so der Kulturdezernent. Auch die Kultur müsse ihren "angemessenen Beitrag" zur Haushaltskonsolidierung leisten, "und der Job des Kulturdezernenten liegt darin, die Kulturlandschaft so zu gestalten, dass sie auf Dauer finanzierbar ist. Dabei beziehe ich mich auch auf das 2012 mit 150 Kulturschaffenden erarbeitete Kulturkonzept."

Ein paar Fakten zur Immobilie:
Das Frauenmuseum wurde 1981 durch den Verein "frauen formen ihre stadt" im ehemaligen Kaufhaus Bernartz, Im Krausfeld 10, gegründet. Die etwa 3000 Quadratmeter verteilen sich auf drei Etagen mit Hof. Mit Landesmitteln wurde es 1988 renoviert, 2003 wurde der Brandschutz - ebenfalls finanziert durch das Land - auf den neuesten Stand gebracht. Für rund 60.000 Euro ließ das Land außerdem die Lampen runderneuern.

Warum soll das Frauenmuseum weiter bestehen?
"Weil sich unsere Arbeit lange nicht erledigt hat", so Pitzen. "Das Frauenmuseum ist das Gedächtnis für Frauen-Kunst und Geschichte." Es ist Anlauf- und Kontaktpunkt für national und international arbeitende Künstlerinnen und NGOs. Im Übrigen habe das Gros der Künstlerinnen auch heute noch bei öffentlichen Ankäufen und in großen Ausstellungshäusern das Nachsehen. Bei den Ankäufen für Museen lag der Frauenanteil bei 28 Prozent, heißt es in einer aktuellen Studie des Frauenkulturbüros NRW. In den vom Land geförderten Museen lag der Frauenanteil bei den Einzelausstellungen lediglich bei 22 Prozent. Bei Gruppenausstellungen ist der Anteil 32 Prozent.

Es gehe aber um mehr als bloß die Präsentation von Kunst. Pitzen: "Die vielfältige Arbeit von Frauen in Kunst, Kultur, Geschichte und Politik, in Familie und Arbeitswelt soll in angemessener Weise sichtbar gemacht werden. Wir wollen die reichhaltige Kunst und die komplexe, oft widersprüchliche Geschichte der Frauen erforschen, sichtbar machen und bewahren." Letztlich besteht unter dem Dach des Frauenmuseums neben einem umfangreichen Archiv auch die Möglichkeit zur historischen und soziologischen Forschung. So gibt es etwa die Renate-Wald-Stiftung, die 2005 von den Erben der Wuppertaler Soziologieprofessorin angeregt wurde. Sie unterstützt Historikerinnen bei ihrer Forschung.

Wie sieht es mit der internationalen Ausrichtung aus?
Das Frauenmuseum hatte Vorbildcharakter. Es war das erste weltweit. In den vergangenen 33 Jahren sind Frauenmuseen auf allen Kontinenten nach dem Bonner Vorbild entstanden: in Dänemark wird es staatlich betrieben, in Schweden hat schon das dritte eröffnet, und auch in der Türkei gibt es drei. "Die Gründung der International Association of Women in Museum mit Sitz im Bonner Frauenmuseum war ein wichtiger Meilenstein" so Pitzen. Die jährlichen Kongresse - demnächst in China -, der inhaltliche Austausch und die Kooperationen bei internationalen Ausstellungsprojekten gewinnen für das Museum zunehmend an Bedeutung. Zudem gibt es zahlreiche Kooperationsprojekte mit den in der UN-Stadt Bonn ansässigen internationalen NGOs. "Wir sind eine Bonner Marke - und werben für die Stadt weltweit", sagt Pitzen. "Die Sparvorschläge von Herrn Schumacher sind so gesehen von ihrer Ideenlosigkeit auch besonders gefährlich, weil er nicht sieht, welch wichtiger Wirtschaftsfaktor die Kreativen in Bonn sind."

Wie geht es weiter?
"Wir werden unser Netzwerk mobilisieren", sagt Pitzen und lacht. "Wir sind es ja gewohnt, immer weiter nach finanziellen Ressourcen Ausschau zu halten." Und konzeptionell? "Das Frauenmuseum sah sich von Beginn an als ?Labor?, als ein Museum, das nicht nur im klassischen Sinne Ausstellungen konzipiert und zeigt", erklärt Klaudia Nebelin, für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. "Es ist ebenso ein Ort, wo in Ateliers Kunst produziert wird und an dem wir Künstlerinnen ehren. Wir planen, neben dem Valentine-Rothe-Preis für Nachwuchskünstlerinnen auch wieder den Gabriele-Münter- Preis auszuloben. Und das Frauenmuseum bleibt eine Talentschmiede: Der Kooperationsvertrag mit der Alanus-Hochschule ist vor diesem Hintergrund einer stringenten Nachwuchsförderung ebenfalls ein wichtiges Signal. Ein Erfolgskonzept, das unbedingt weiterhin Bestand haben wird, sind Themenausstellungen, die neben dem Kunstteil auch die Historie präsentieren. Die Tatsache, dass zahlreiche Ausstellungen von anderen Häusern ausgeliehen werden, zeigt, dass das Frauenmuseum qualitativ erstklassige Arbeit leistet und stets am Puls der Zeit agiert."

Und nun, Herr Schumacher?
"Das, was das Frauenmuseum macht, können andere auch", so der Kulturdezernent. Ausstellungen könnten in den zahlreichen Ausstellungshäusern Bonns durchgeführt werden. Und frauenhistorische Forschung und Bildung werde auch im Haus der FrauenGeschichte der Historikerin Annette Kuhn betrieben. "Ich möchte nicht mit der Rasenmähermethode bei allen Kultureinrichtungen fünf bis zehn Prozent streichen. Das würde viele in ihrer Existenz gefährden. Ehrlicher ist es, sich von einigen zu trennen, damit die anderen überleben können." Bonn könne eben nicht so weiter machen wie bisher. 38 Zuschussempfänger gebe es in der freien Szene: "Das sind Kulturstrukturen aus alten Bundeshauptstadtzeiten. Das können wir uns nicht mehr leisten."