Bouvier in Bonn

Ende der Traditions-Buchhandlung ein "Kulturverlust"

Die 16-jährige Kim schmökerte am Mittwoch in der Buchhandlung Bouvier in einem Kunstband für Jugendliche.

BONN. Der Weg vom Germanistischen Seminar der Bonner Universität in die nächste Buchhandlung ist nicht weit. Ein Student der Literaturwissenschaft - oder der Theologie, der Philosophie, der Sprachen und Kunstwissenschaften - muss lediglich den Fuß über die Straße setzen und findet sich von einem überwältigenden Sortiment an Literatur umgeben.

Es ist ein Paradies für den Geist. Die Tage der großen Bonner Institution sind freilich gezählt. Die zur Thalia-Gruppe gehörende Bouvier-Buchhandlung hat die Schließung ihrer Filiale Am Hof bekanntgegeben. Nach Ende August 2013 würden die Mitarbeiter, so erläuterte eine Sprecherin, intern bei Thalia oder "woanders bei der Douglas-Holding" untergebracht.

Vergegenwärtigt man sich, dass Douglas für Parfüm steht, ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht. Auch dass Douglas wiederum kurz vor der Übernahme durch den US-Investor Advent International zu stehen scheint, macht die Sache nicht besser. Bei diesem Deal ist Douglas-Sorgenkind Thalia ohnehin ein Klotz am Bein.

Das Sterben der Buchhandlungen vis à vis der Uni hat nicht erst jetzt begonnen. In den 70er Jahren gab es hier insgesamt sieben Buchläden, darunter die Buchhandlung Lempertz, die 2005 von der Bildfläche verschwand. Hier hatte immerhin der junge Heinrich Böll 1937 eine Lehre als Buchhändler begonnen. Bücher Berendt auf der selben Straßenseite wie die Uni bleibt nun die letzte Bastion des Buchwesens im unmittelbaren Umfeld des Hauptgebäudes.

Trauer über das Verschwinden von Bouvier trägt man an der Bonner Universität nicht. Pressesprecher Thomas Archut: "Wir möchten uns da nicht einmischen." Thalia wird sich nun auf das Geschäft im ehemaligen Metropol-Kino am Bonner Marktplatz konzentrieren. Der Markenname Bouvier wird in einer kleinen Filiale in Bonn-Duisdorf weiterleben.

Noch vor zwanzig Jahren zählte die Bonner Buchhandelsgruppe Bouvier zu den vier größten deutschen Buchhandelsunternehmen. In Köln firmierte sie unter dem Namen Gonski, auch im wiedervereinigten Berlin wollte Unternehmenschef Thomas Grundmann Fuß fassen. Doch die ehrgeizigen Expansionspläne scheiterten. Die Folge war der wirtschaftliche Ruin des Unternehmens, das 2003 Konkurs anmelden musste. 2004 übernahm Nachfolger Thalia das Ruder.

Nicht nur in Bonn stehen die Buchläden seit einiger Zeit unter enormem wirtschaftlichen Druck. Sie bekommen besonders stark zu spüren, dass die gesamte Branche sich in einem Umbruch befindet. Bücher können längst ganz bequem im Internet bestellt werden und liegen in der Regel binnen 24 Stunden nach dem Mausklick im Briefkasten. Das lässt sich von zu Hause aus oder sogar im Vorlesungssaal schnell, unkompliziert und bargeldlos erledigen. Oder man lädt sich gleich das E-Book herunter.

Ein Verlust ist das Aus für Bouvier auch für die Musikstadt Bonn. Denn mit den Büchern verschwindet auch das sehr gut sortierte CD-Sortiment, das vor allem Klassik-Liebhaber anzieht. Die werden künftig wohl ausschließlich übers Internet bestellen müssen.

Der frühere Bouvier-Chef Thomas Grundmann hält die Schließung für einen "Kulturverlust für Bonn". Grundmann, der nach wie vor den von der Buchhandlung unabhängigen Bouvier-Verlag leitet, sieht hier ein besonders sichtbares Symptom für das langsame Verschwinden der Kulturtechnik des Lesens. Er bedauert, dass die "Stöberer" unter den Buchkäufern kaum noch die Möglichkeit haben, ihrer Leidenschaft nachzugehen. "Das sind solche Leser, die keine Beratung wollen, aber viel Zeit damit verbringen, Bücher in die Hand zu nehmen", sagt er. "In einer kleineren Buchhandlung ist das nicht möglich. Hier sucht der Kunde Beratung. Aber dennoch werden diese Läden von der Schließung vielleicht ein bisschen profitieren können", meint er.

Grundmann sieht in der Bonner Entwicklung durchaus Parallelen zu den Schließungen der Mayerschen Buchhandlung in der Kölner Schildergasse oder zu Hugendubel in der Berliner Tauentzienstraße in den vergangenen Monaten. Trotz dieser Beispiele ist Grundmann davon überzeugt, dass auch größere Buchhandlungen mit einem entsprechenden Konzept profitabel geführt werden könnten. Im Falle von Bouvier sieht er die Ursache für das Aus denn auch nicht in der Führung der Bonner Filiale: "Die Mitarbeiter haben sehr gute Arbeit geleistet."

Jetzt freilich muss er erst einmal einen Nachmieter suchen. Denn die Familie von Grundmann ist Miteigentümerin der Bouvier-Immobilie. Dass nach dem Auszug von Thalia wieder Bücher die 2000 Quadratmeter Grundfläche füllen werden, scheint aber eher unwahrscheinlich.