Sarah Connor auf dem Kunst!Rasen

Emanzipierte Klänge

Bonn. Dass Sarah Connor auch mit deutschen Songs Erfolg haben kann, ist inzwischen längst keine Überraschung mehr. Am Donnerstagabend trat sie vor rund 4500 Zuschauern in Bonn auf.

14 Monate ist ihr erstes nicht-englisches Album „Muttersprache“ jetzt schon alt, mit dem sich die 36-jährige Sängerin nach einer kleinen Schaffenspause zwar nicht unbedingt neu erfunden, wohl aber neu orientiert hat. Und zwar offenbar in die für sie richtige Richtung.

Auf dem Kunst!Rasen, auf dem an diesem Donnerstagabend zusammen mit Max Giesinger im Rahmen ihrer aktuellen Tour Station gemacht hat, bejubeln die gut 4500 Fans sie auf jeden Fall mit unbändiger Begeisterung. Und Sarah Connor? Bleibt trotzdem auf dem Boden. Oder tut zumindest so. Keine Glitterkanonaden, nur eine rudimentäre (und leider auch ziemlich schwache) Choreographie, nichts, was zu sehr von der kraftvollen Stimme der Blondine ablenkt, die sich zwar inzwischen eher irgendwo zwischen Deutsch-Pop und Schlager als in den früheren Soul-Gefilden räkelt, dafür aber um so besser in den deutschen Mainstream passt.

Die einstige Antwort auf Britney Spears (in den angedeuteten Tanzbewegungen noch immer spürbar) gibt sich inzwischen deutlich vielseitiger, vielleicht auch tatsächlich authentischer. Doch auch wenn Sarah Connor großen Wert darauf legt, ihre Songs selbst geschrieben zu haben, ist der Einfluss des produzierenden Rosenstolz-Trios Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Daniel Faust samt der im Hintergrund ratternden Phrasendreschmaschine für massentaugliche Herz-Schmerz-Lyrik unüberhörbar.

Statt Britney Spears dient jetzt also Helene Fischer als Vergleich. Manchen gefällt das ja, zumal die Sängerin, die bald ihr viertes Kind erwartet, die Songs ohne Zweifel äußerst professionell präsentiert, nicht zuletzt dank ihrer souverän den Mischmasch aus Disco und Schlager-Pop bedienenden Band. Vor allem die alten Songs, die natürlich weiterhin ihren Platz im Repertoire haben („Deutsch ist zwar meine Muttersprache, aber Englisch meine Vatersprache“, sagt Connor), lassen das Publikum in mal rockiger, mal funkiger Form springen und jubeln. Selbst die hyper-schmalzige Ballade „From Sarah with Love“ bekommt einen leichten Swing verpasst; „der Song ist mit mir erwachsen geworden“, sagt die 36-Jährige lachend.

Kein Zweifel, der Klang hat sich zu emanzipieren begonnen. Jetzt fehlen noch die Inhalte. Doch auch hier sind die ersten Schritte bereits getan, insbesondere bei „Augen Auf“, der ein deutliches Statement gegen Terror und Fremdenhass setzt. Ein ganz großer Moment. Einer von vielen für das Publikum, das mit leuchtenden Augen Richtung Bühne blickt, Sarah Connor mitunter ganz nah ist und ohnehin jeden Song enthusiastisch mitsingt, ob von Sarah („Kommst Du mit Ihr“), den Jackson 5 („Rock With You“) oder von Gregor Meyle, dessen Lied „Keiner ist wie Du“ der Blondine die Augen für die deutsche Sprache geöffnet hat. Zumindest ihrem Erfolg hat dieser Schritt gut getan. Wohin ihr Weg sie nun auch immer führen mag.