Auf der Suche nach schwarzem Gold

Eine Rundreise durch drei Bonner Plattenläden

BONN. Sie ist einfach nicht totzukriegen. Vielmehr erlebt sie ein vor Jahren nie erwartetes Comeback: die gute alte Schallplatte. Ende der 90er-Jahre galt sie endgültig als überholt und überlebte oftmals nur bei Liebhabern, auf Dachböden, in Kellern oder bei handverlesenen Händlern.

Neuerscheinungen wurden oft nur in Kleinstauflagen gepresst, wenn überhaupt. Doch seit gut fünf, sechs Jahren wachsen die Vinyl-Absätze beständig an. In der Nische zwar, aber immer mehr Musikfans lernen den warmen, natürlichen Klang und die Haptik des Materials zu schätzen oder haben diese Eigenschaften für sich wiederentdeckt.

Mittlerweile wird in vielen Genres jede Neuerscheinung auch wieder auf Vinyl gepresst, Klassiker erscheinen als Neuauflagen. Davon profitieren auch die klassischen Plattenläden, von denen es in Bonn drei Stück gibt. Bei einem Besuch wird schnell klar, dass diese zwar grundverschieden sind, aber immer dieselbe Klientel ansprechen: Menschen mit Leidenschaft für Musik, deren Interesse weit über beliebiges Radiogedudel hinausgeht.

"Es ist schön, etwas in der Hand zu haben, das nach Musik riecht", sagt Bernie Gelhausen. Seit 1992 gehört ihm Mr. Music in der Maximilianstraße. Fast sein ganzes Berufsleben hat er in Plattenläden verbracht. Sein Sortiment ist derzeit noch überwiegend auf CDs ausgerichtet. Doch seit einiger Zeit führt er auch wieder Neues auf Vinyl. "Ich habe in meiner Freizeit meine Plattensammlung wiederentdeckt und gleich angefangen, Sammlungen anzukaufen, um Alben, die ich zwischenzeitlich verkauft hatte, wieder zu besitzen", sagt er.

Und weil Gelhausen nicht wusste, wohin mit den ganzen Platten aus den Sammlungen, die ihn persönlich nicht interessieren, verkauft er sie in seinem Laden. Die Abteilung mit gebrauchtem Vinyl ist noch überschaubar, soll aber ausgebaut werden. "Vinyl holt die Einbrüche bei den CD-Verkäufen zwar nicht wieder rein, aber die Nachfrage steigt." Bei Mr. Music gibt es alles - außer Klassik. "Dafür haben wir einfach nicht die Experten", sagt Gelhausen. Und er verkauft nichts, wovon nicht zumindest einer seiner sechs Mitarbeiter Ahnung hat. Da müssen selbst die Aushilfen einen Fragebogen mit 100 Fragen rund um das Thema Musik mit hoher Trefferquote beantworten, bevor sie anfangen dürfen.

"Es ist schön, etwas in der Hand zu haben, das nach Musik riecht", Bernie Gelhausen, Mr. Music

Befragungen in diesem Stil gibt es bei Norbert Schumacher nicht. Er hatte noch nie einen Mitarbeiter. Vor 19 Jahren hat der damals Arbeitslose sein Hobby zum Beruf gemacht und mit null Startkapital Nobbis Plattenladen in der versteckten Marienstraße in Beuel eröffnet. Und seitdem scheint die Zeit stehen geblieben - bei ihm und im Laden. Schumacher verkauft in dem bis in den letzten Winkel vollgestopften Raum ausschließlich Vinyl aus zweiter Hand zu fairen Preisen. Der Schwerpunkt liegt auf Rock, Pop und Metal. Aber auch Klassikplatten hat er in einer Art Abstellkammer gebunkert - für zwei Euro das Stück. Zu denen kann auch Schumacher keine Expertise beisteuern. "Aber sonst kann ich zu jeder Platte in meinem Laden etwas sagen."

Und das sind rund 30.000 Stück. Darunter auch Raritäten wie die Erstpressung des ersten Kraftwerk-Albums - zu haben für schlappe 75 Euro. Doch es gibt auch Schnäppchen, die in gutem Zustand unter zehn Euro kosten. Man muss nur die Zeit mitbringen, sie auszugraben. Doch nicht alle Kunden kommen wegen der Musik zu Nobbi. "Ich bin auch eine kleine Sozialstation", sagt er. "Viele kommen zum Quatschen vorbei." Im kommenden Jahr wird sein kultiger Laden 20 Jahre alt. "Ich habe noch einen Vertrag über fünf Jahre. Vielleicht sattel ich danach auf Internetverkauf um", sagt Schumacher, der am Wochenende oft auch auf Plattenbörsen verkauft. "Das ganze Schleppen wird mir langsam zu viel." Und der Internetverkauf hätte noch einen weiteren Vorteil: Er hätte mehr Zeit, um sich seiner privaten Sammlung zu widmen. 15 000 Scheiben stehen zu Hause im Regal.

Im Regal stehen die Platten auch bei Hifi Linzbach, allerdings ist die Umgebung das komplette Gegenteil von den vorher beschriebenen Läden. Schon allein der Begriff Laden wäre eine Beleidigung für das noble Ambiente der alten Stadtvilla an der Adenauerallee, in der Hifi Linzbach sich ausgebreitet hat. Hauptsächlich verdienen die beiden Geschäftsführer Christian Breil und Benno Salgert ihr Geld mit High-End-Audio-Komponenten, sprich Stereoanlagen und hochwertigem Zubehör. In zehn Vorführräumen, die wie großzügige Wohnzimmer eingerichtet sind, lassen sich Anlagen probehören, deren Wert schnell im sechsstelligen Bereich liegen kann.

Zwar sind auch CD-Player im Sortiment, "doch wenn man richtig Musik hören will, dann greift man zur Schallplatte", sagt Breil. Umgeben von den nicht gerade Geldbeutel-schonenden Anlagen, Kunst an den Wänden und gestützt von einem Holzdielen-Boden stehen mehrere meterhohe und -lange Regale, voll mit Klassik.

30.000 Platten sind vorrätig. "Ganz exklusive Exemplare und auch Ausgefallenes ist dabei", sagt Breil. Sein Kompagnon Salgert sagt, dass alle Exemplare nahezu im Neuzustand seien. Das hat dann mitunter seinen Preis. Doch es gibt auch einen Raum mit neuen Platten. Dort findet man neben audiophilen Neupressungen alter Klassiker auch die neuesten Scheiben von Michael Jackson oder Jake Bugg. Und womöglich werden die beiden bald auch wieder 20.000 Rock- und Pop-Platten aus zweiter Hand anbieten. Der Ankauf einer großen Sammlung ist fast perfekt. Das wird das Herz der Sammler höher schlagen lassen, die stetig auf der Suche nach schwarzem Gold sind, sprich rare Pressungen oder alte Platten im Neuzustand. "Damit haben wir uns einen Namen gemacht", sagt Salgert.