Schädlinge überleben im milden Winter

Eine Borkenkäferplage droht in Bonn und der Region

Bonn. Die Hälfte der Fichten im Kottenforst ist vom Borkenkäfer befallen. Die Lage ist katastrophal. Nun beginnt nach Einschätzung von Waldschutzexperten ein Wettlauf mit der Zeit.

Die Borkenkäfer haben den milden und niederschlagsarmen Winter massenhaft überlebt, und nur ein nasser, kühler April kann eine noch größere Katastrophe als im vergangenen Jahr verhindern. Das ist das Ergebnis eines im Herbst gestarteten Forschungsprojekts über die Fichtenfresser, das der Landesbetrieb Wald und Holz NRW am Donnerstag im Forstamt in Röttgen vorstellte. Ein Team um den Waldschutz-Experten Mathias Niesar hat die Borkenkäfer im Waldboden und Baumrinden mit einer speziellen Methodik gezählt und in den Proben vor allem nach Ips typographus, dem Buchdrucker, gesucht.

„Im vergangenen Jahr haben sich die Käfer extrem vermehren können, es sind also sehr viele in den Winter gegangen und, das zeigen unsere Untersuchungen, leider kommen wohl auch sehr viele gesund bis ins Frühjahr, um dann wieder auszuschwärmen“, sagte Niesar. Aktuelle Ergebnisse zeigten, dass nur neun Prozent der Schädlinge dem Winter zum Opfer gefallen seien. Im Schnitt überwintern 90 Prozent der Buchdrucker in der Rinde und nur zehn Prozent im Boden.

Laut Niesar beginnt nun ein Wettlauf mit der Zeit: „Es besteht nur noch ein kleines Zeitfenster von etwa vier Wochen, um möglichst auch jetzt noch viele befallene Fichten einzuschlagen und aus dem Wald zu entfernen, bevor die Käfer im April stehende, gesunde Fichten attackieren. Wir werden nicht alles schaffen können, aber jeder Schritt zählt, um die Käferpopulation vor dem Schwärmbeginn zu verkleinern.“

Uwe Schölmerich, Leiter des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft, bewertet die Lage als katastrophal. Schon jetzt sei mindestens die Hälfte der 50.000 Fichten im Kottenforst von Borkenkäfern befallen. „Wir sind landesweit seit Ende Herbst dabei, die befallenen Bäume aus dem Wald zu schaffen. Das ist bei der riesigen Zahl eine echte Herausforderung für unsere Mitarbeitenden, die Forstunternehmer und Fuhrleute. Die Sägewerke arbeiten an der Kapazitätsgrenze“, sagte Schölmerich.

Weitere Witterung wird entscheidend sein

Der Preis für Käferholz hat sich laut Schölmerich fast halbiert, und ein Teil der toten Bäume werde wohl nicht rechtzeitig absetzbar sein. „Alles hängt vom weiteren Witterungsverlauf ab.“ Dort, wo der Borkenkäfer den Fichtenwald schon stark gelichtet oder ganz zerstört hat, soll ein Mischwald entstehen, um den Kottenforst fit zu machen für Extremereignisse und Unwägbarkeiten im Klimawandel. „Im Kottenforst nutzen wir die Katastrophe, dort, wo sie schon eingetreten ist, um die Licht liebenden Eichenwälder neu zu pflanzen, wie es schon Generationen vor uns getan haben“, sagte Schölmerich. Es sei höchste Zeit, den Wald fit für den Klimawandel mit seiner Hitze, Dürre und Stürmen zu machen.

Viele Millionen Käfer überwinterten im Boden oder hinter den Rinden von Fichten, weiß Michael Blaschke, Sprecher des Landesbetriebs Wald und Holz. „Wir wissen, es sind richtig, richtig viele Käfer da. Wenn das Wetter in den nächsten Wochen schmuddelig wird - knapp unter zehn Grad und feucht - sind das ideale Bedingungen für Pilze. Die würden dann die Käfer befallen und abtöten.“ Je weniger Käfer den Winter überlebten, desto besser sei das für den Wald. Die Vermehrung beginnt im April mit dem Flug der Käfer, die sich dann in die Baumrinden einbohren.

Nach einem Bericht der „Task Force Käfer“ des NRW-Umweltministeriums besteht ein Drittel des Waldes in NRW aus Fichten, die damit auch das wirtschaftliche Rückgrat vieler Forstbetriebe sind. Mit Hochdruck werden zur Zeit befallene Fichten eingeschlagen. Das Expertengremium unter anderem aus Forstverwaltung, Waldbesitzern und Naturschützern schätzt, dass bis März rund zwei Millionen Kubikmeter Schädlingsholz bei der Fichte eingeschlagen sein werden.

Die Waldbauern in NRW rechnen damit, dass sie mit Fichten 2019 kein Geld verdienen werden. „Die Kosten werden die Einnahmen aufzehren“, sagte Vorstand Eberhard von Wrede. Wegen des Überangebots von Fichtenholz durch das Sturmtief Frederike 2018 und durch den Borkenkäfer auch schon im vergangenen Jahr seien die Preise eingebrochen. Das Holz lasse sich höchstens noch als Industrie- oder Brennholz vermarkten.