Der Mordfall Rosemarie Nitribitt

Ein kurzes Leben auf der Überholspur

BONN. Affäre: Mit 21 Jahren wurde Rosemarie Nitribitt aus der Fürsorgehaft in die Freiheit entlassen, mit 24 Jahren erwürgt. Den Mörder der Prostituierten hat die Kripo nie ermittelt. Nun zeigt das Bonner Haus der Geschichte ihr Notizbuch, in dem sie ihre Termine, Einnahmen und Ausgaben festhielt. Die bizarre Geschichte ihrer Kindheit und Jugend in der Eifel erhellt auch ein Stück deutscher Nachkriegszeit.

Die Putzfrau wundert sich über die Brötchentüten vor der Tür und darüber, dass die Bewohnerin nicht öffnet. Dabei ist das Fräulein Nitribitt doch immer so zuverlässig. Die Putzfrau alarmiert die Polizei.

Die Streifenbeamten lassen die Tür von einem Schlosser öffnen und finden die vollständig bekleidete Leiche vor dem Sofa des Wohnzimmers. Nebenan, im Schlafzimmer, kratzt ein kleiner, weißer Hund an der Tür und winselt erbärmlich. Wer hat ihn dort eingesperrt? Das Opfer? Der Täter? Wenig später halten sich an diesem 1. November des Jahres 1957 in der Zwei-Zimmer-Wohnung an der Frankfurter Stiftstraße 36, im vierten Stock des gesichtslosen Nachkriegs-Neubaus am Eschenheimer Tor in der Frankfurter City, fast so viele Reporter wie Polizeibeamte auf. Denn die Tote verspricht dicke Schlagzeilen: "In ihrem luxuriösen Appartement wurde gestern die 24-jährige Lebedame Maria Rosalie Auguste Nitribitt, genannt Rosemarie, mit einem Nylonstrumpf erdrosselt aufgefunden."

In Wahrheit wurde sie mit bloßen Händen erwürgt. Aber das mit dem Nylonstrumpf klang so schön schlüpfrig in dieser bigotten Nachkriegszeit. Wann genau sie gestorben ist, ist nach den Stümpereien und Schlampereien bei den Ermittlungen nicht mehr festzustellen. Vielleicht will es auch niemand so genau wissen.

Der Täter hatte die Heizkörper voll aufgedreht, damit die Leiche schneller verweste. Die Beamten öffnen sämtliche Fenster, statt die Raumtemperatur zu messen, und vergessen, die vor der Wohnungstür abgestellten Brötchentüten zu sichern und zu zählen.

Der Mordfall Nitribitt 

Das vermutlich erste Callgirl der Wirtschaftswunder-Republik hinterlässt außer der Eigentumswohnung und dem Zwergpudel ein Bankguthaben in Höhe von 120.000 Mark, einen Pelzmantel, ein Mercedes-Cabrio 190 SL und eine Heerschar nervöser Ex-Kunden. Denn die Beamten finden Rosemarie Nitribitts Terminkalender. In dem schmalen, blauen Notizbuch hat die Prostituierte fein säuberlich und in Schönschrift ihre Ausgaben, Einnahmen und Termine festgehalten.

Die prominenten Kunden tragen Codenamen - mal nüchterne Ziffern, mal Kosenamen. Nicht wenige zahlten bis zu 1000 Mark für einen Besuch in dem Apartment am Eschenheimer Tor. Das Notizbuch wird von höherer Stelle in Gewahrsam genommen und spielt im Verlauf der weiteren Ermittlungen keine große Rolle mehr, ebenso wenig wie die im Kühlschrank der Toten befindlichen Weinflaschen aus der Hauskellerei des Krupp-Konzerns.

Geheimnisvoller Männerhut in Rosemarie Nitribitts Wohnung gefunden

Dafür aber wird fieberhaft der Besitzer eines geheimnisvollen Männerhutes gesucht. Und später auch gefunden: ein Kriminalhauptkommissar, der ihn nach der ersten Tatortbesichtigung in der Wohnung vergessen hat.

Die wenigen ermittelten Kunden werden mit Samthandschuhen angefasst: "Nach zehn Minuten interessierten sich die Herren mehr für die Direkteinspritzung meines Mercedes 300 SL Flügeltürers", amüsierte sich Gunter Sachs Jahrzehnte später im Interview mit der Illustrierten "Bunte". Der Fabrikantensohn ist noch Mathematikstudent, arbeitet aber bereits hart an seinem Image als Playboy und macht nie ein Geheimnis aus seiner Affäre mit der Nitribitt.

Andere sind da deutlich empfindlicher: Gunters Bruder Ernst-Wilhelm Sachs etwa, oder Harald Quandt, Millionen-Erbe und Ziehsohn von Joseph Goebbels, ferner der Krupp-Erbe Harald von Bohlen und Halbach, Porsche-Rennleiter Huschke von Hanstein - und vor allem diverse ranghohe Politiker aus Bonn. Auf die Überprüfung der Alibis wird verzichtet. "Pure Zeitverschwendung", meint der Leiter der Frankfurter Mordkommission. Das Notizbuch verschwindet im Hessischen Hauptstaatsarchiv.

Der wahre Mörder des Callgirls wird nie zur Rechenschaft gezogen

Statt dessen präsentiert man dem Frankfurter Schwurgericht einen treuen Freund der Nitribitt, einen homosexuellen Handlungsreisenden und Kleinkriminellen. Leichtes Spiel für Verteidiger Alfred Seidl, späterer bayerischer Innenminister, der als junger Anwalt in Nürnberg Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß vor dem Henker bewahrte. Denn der nun wegen Mordes angeklagte Betrüger droht, auszupacken über die prominenten Kunden seiner toten Freundin. Der Mordprozess endet bald mit einem Freispruch. Der wahre Mörder wird nie zur Rechenschaft gezogen.

Die Nitribitt. Geboren am 1. Februar 1933 in Düsseldorf. Vater unbekannt. Rosemaries Mutter bringt drei Töchter von drei verschiedenen Männern zur Welt. Ein Fall für die Fürsorge. Im Eifel-Dorf Mendig unweit des Laacher Sees sind 1939 zwei Pflegeplätze frei. Die Kreisfürsorgerin des Landratsamtes der benachbarten Kleinstadt Mayen ist nun behördlich zuständig für die beiden Mädchen "Rosemarie und Irmgard Nitribitt, uneheliche Töchter der noch minderjährigen und als schwachsinnig begutachteten Maria Rosalie Nitribitt, überstellt vom Kinderheim Düsseldorf".

Die vierjährige Irmgard wird auf einem Bauernhof untergebracht, die sechsjährige Rosemarie bei Nikolaus und Anna Elsen. Pflegeeltern, die ihre Großeltern sein könnten. Die bessern so ihre spärliche Rente auf und verbringen die Tage vorwiegend damit, ihrem einzigen Kind, dem gleich im ersten Kriegsjahr gefallenen Sohn Felix nachzutrauern.

Pflegekinder sind beliebte, weil billige Arbeitskräfte

Der 69-jährige Frührentner bekommt vom Jugendamt 30 Mark monatlich für das Pflegekind Rosemarie, damals viel Geld für die meisten der 3000 Einwohner, fast alle Nebenerwerbsbauern, die seit Generationen als Steinhauer von den Basaltbergwerken gelebt hatten, bis sie die Weltwirtschaftskrise arbeitslos machte. Pflegekinder waren damals beliebte, weil billige Arbeitskräfte.

"Vom Tod ihres Sohnes hat sich die Anna Elsen nie mehr erholt", erzählen Nachbarn in Mendig. "Sie wurde bald ganz verbittert. Eine herbe Frau, die ihre Liebe zu Rosemarie nicht so zeigen konnte." Hin und wieder versucht Anna Elsen, Rosemarie zuliebe Kontakt zu deren Mutter aufzunehmen. Doch die hat kein Interesse, ihr Kind zu sehen.

Das Mädchen hätte seine Mutter auch gerne zur Kommunionfeier eingeladen, doch die sitzt da gerade wieder mal eine Haftstrafe in Düsseldorf ab. Eine ehemalige Schulfreundin schildert Rosemarie als "lieben Menschen, sehr vertrauensselig. Sie glaubte immer alles, was man ihr erzählte. Auf dem Schulhof wurde sie viel hin und her geschubst." Rosemarie lernt allerdings schnell, lässt sich nicht mehr schubsen.

Als ein Pater sie schlägt, boxt Rosemarie zurück

"Später war sie immer bei denen, die am meisten in der Ecke stehen mussten. Die konnte ja nichts besser als den Kopf so trotzig in den Nacken werfen." Die erste Radtour endet nach einer Schussfahrt mit einem Salto in einer Panzersperre. "Das Fahrrad war total im Eimer. Aber die Rosemarie, die ist aufgestanden und hat sich geschüttelt wie eine Katze. Keine Träne, kein Mucks."

Keine Träne, kein Mucks. Auch nicht, als ihr der Pater aus dem nahen Kloster Maria Laach im Religionsunterricht eine schallende Ohrfeige verpasst: "Da hat sie ihn zurückgeboxt. Man hat sie nie mehr ängstlich gesehen."

Sie muss in ihrem kurzen Leben allerdings noch mindestens zweimal ganz furchtbare Angst haben. Das letzte Mal beim Kampf mit ihrem Mörder. Und 13 Jahre zuvor, als sie im Alter von elf Jahren vergewaltigt wird, am hellichten Tag in einem Wäldchen, nur knapp 100 Meter vom Elsen-Haus entfernt. Jeder in Mendig kennt ihn, den Vergewaltiger. Er wird nur Tage später zur Wehrmacht eingezogen. Strafe genug, sagen die Nachbarn, und: Die war bestimmt selber schuld, bei der Mutter. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Diese Schande für die armen Elsens.

Bastard ist zu der Zeit auch Mario Adorf gerufen

Ende 1944 gibt es Wichtigeres, als sich um eine verletzte Kinderseele zu kümmern, noch dazu um die eines "Bastards". Diese Vokabel benutzt man damals in der Eifel ohne Scheu und Skrupel. "Bastard" wird auch der 14-Jährige im Nachbarort Mayen gerufen, den seine alleinerziehende, als junge Gastarbeiterin in Italien von ihrem Arbeitgeber, einem Arzt, geschwängerte und dann zurück in die Eifel geschickte Mayener Mutter auf den Namen Mario taufen ließ: Mario Adorf, der später, 1958, den Jugendfreund der Nitribitt in Luggi Waldleitners Kinofilm spielt.

1945 ist der Krieg aus. Und Rosemarie lernt wieder dazu. Zum Beispiel das Fringsen. Und dass man sich um Sperrstunden nicht kümmern muss, wenn man nett ist zu den Franzosen auf dem angrenzenden Militär-Flugplatz Mendig. Rosemarie lernt schnell in den nächsten Jahren: Wärme und Zuneigung gibt dir niemand umsonst, Sex hat nichts mit Liebe zu tun, aber mit Geld, und dafür kann man sich etwas Glück kaufen: schöne Kleider zum Beispiel, Nylonstrümpfe und Parfum.

Psychologen bezeichnen dies als "Symptom der eigenen Zuwendung". Haste was, biste was, und dafür braucht man keine Schule. Rosemaries kleines, privates Wirtschaftswunder.

Mit elf vergewaltigt, mit 14 schwanger

Mit 14 Jahren hat sie eine Abtreibung. Die wird im Hause des inzwischen 78-jährigen Nikolaus Elsen ebenso verdrängt wie drei Jahre zuvor die Vergewaltigung oder das ständige Fernbleiben von der Schule. Aber der Pfarrer alarmiert das Kreisjugendamt, und das Amtsgericht Mayen stellt bald fest: "Das frühreife Kind spricht öffentlich von seinen Erlebnissen geschlechtlicher Art und pflegt Verkehr mit fragwürdigen Personen. Es scheint von seiner Mutter erblich sehr belastet. Die Einweisung in ein Heim ist unumgänglich, um ein Abgleiten in die Prostitution zu verhindern."

Sieben Jahre verbringt das Mädchen Rosemarie nun hinter Gittern: Dormagen, Hagen, Pirmasens, Trier, Koblenz. Mehrere kurze Unterbrechungen inbegriffen: "Es gibt kein Heim, aus dem ich nicht rauskomme", sagt sie trotzig und stellt es unter Beweis, schlägt sich nach Düsseldorf durch, um ihre Mutter zu suchen, einmal nach Frankfurt und auch einmal nach Bonn, als dort der Parlamentarische Rat seine Arbeit aufnimmt.

Stets wird sie nach ein paar Tagen von der Polizei aufgegriffen und ins nächste "Heim für entwurzelte Halbwüchsige" verfrachtet. Endstation ist schließlich die Provinzialanstalt Brauweiler, das ehemalige Kölner Gestapo-Gefängnis, nun ein Heim für besonders renitente Jugendliche. Hochsicherheitstrakt. Tütenkleben. "Bei Verstößen gegen die Hausordnung gilt Isolier- und Dunkelhaft unter Entzug der Kost und der Schlafstätte" . Singen ist zum Beispiel ein solcher Verstoß. "Entlassung erst bei Volljährigkeit", steht in ihrer Akte.

Mythos Nitribitt: Sie bringt die Männer um den Verstand

Die Freiheit beginnt mit 21 Jahren und endet mit 24 Jahren. Dazwischen entsteht der Mythos Nitribitt. Am Tag ihrer Volljährigkeit geht sie nach Frankfurt, die Stadt, die schon 1950 in einem Kino-Werbefilm von sich behauptet, dass "hier das Leben wieder lebenswert" sei. Sie zieht zunächst in die preiswerte Pension Noell. Ihr Zimmernachbar, der Ex-GI und Jazzsänger Bill Ramsey, beklagt sich, dass sie ständig und stundenlang das Gemeinschaftsbad blockiert. Symptom der eigenen Zuwendung.

Rosemarie liebt die Jazzkeller in der jungen Jazz-Hauptstadt Europas, und sie liebt den noch völlig unbekannten jungen Pianisten und Komponisten Joe Zawinul, späterer Weggefährte von Miles Davis und noch später Gründer der legendären Formation "Weather Report". Eine leidenschaftliche Affäre, deren Zeittakt von den Tourneepausen diktiert wird. Dann sind sie Tag und Nacht zusammen. "Ich gehe mit dir nach Amerika", verspricht sie. Er nennt sie liebevoll "meine Rose". Im November 1957 erfährt Zawinul während einer Tournee in der Schweiz von ihrem Tod.

Die Nitribitt. Sie ist keine klassische Schönheit, aber sie bringt die Männer um den Verstand. Sie ist ungebildet, aber klug genug, sich dem Schmuddel-Image des Gewerbes geschickt zu entziehen und huldvoll zum gepflegten Schäferstündchen zwischen Nippes und Schleiflack zu laden. Sie macht ihr Geld in der besseren Gesellschaft und trägt es brav auf die Bank.

Mit Vollgas durch die Nacht

Ihr Mercedes-Cabriolet kennt kein durchschnittliches Tempo. Tagsüber rollte es provozierend langsam zum Hotel Frankfurter Hof, wo sich großzügige Herren im fortgeschrittenen Alter langweilen. Nachts lenkt sie den SL auf die Überholspur, mit Vollgas und vorzugsweise blutjungen, schlanken Männern auf dem Beifahrersitz, von denen sie kein Geld nimmt, nur deren Herz.

Es ist die Zeit, als Stammtisch-Witze über Frauen am Steuer in Mode kommen und Sexualität ein Tabu-Thema ist. Drei Jahre lebt die Nitribitt auf der Überholspur - bis zu ihrem jähen Tod.

Als sie am 11. November 1957 auf dem Friedhof Düsseldorf-Nord beigesetzt wird, sind lediglich ihre 22-jährige Schwester Irmgard sowie zwei Kriminalbeamte zugegen. Keine Trauerrede, kein geistlicher Segen. Auf dem Grabstein, den Irmgard gekauft hat, steht: "Nichts Besseres ist darin denn fröhlich sein im Leben." Den Kontakt zu ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester, die in Mendig heiratete, hatte Rosemarie nie abreißen lassen, und ihre kleine Nichte liebte sie über alles. "Irmgard soll alles erben, wenn ich mal tot bin. Damit es dem Kind immer gut geht."

Und plötzlich taucht die Mutter wieder auf

Doch daraus wird nichts. Wenige Tage nach der Beerdigung taucht die verschollen geglaubte leibliche Mutter beim Nachlassgericht auf, im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und in Begleitung zweier Rechtsanwälte. Erfolgreich macht sie ihrer Tochter und ihrer Enkelin das Erbe streitig. Als die Mutter 1992 stirbt, findet Irmgard kein einziges Erinnerungsstück mehr, nicht einmal ein Foto Rosemaries. Alles verscherbelt an Illustrierte.

Den würdelosen Umgang mit dem Mordopfer machen sich auch die Ermittlungsbehörden zu eigen. In ihrer Geburtsstadt Düsseldorf wird die Leiche der Rosemarie Nitribitt ohne Kopf beigesetzt. Angeblich wegen ungeklärter Blutspuren blieb der in der Rechtsmedizin abgetrennte Schädel ein Beweismittel, wandert in die Asservatenkammer des Frankfurter Polizeipräsidiums, dann in die Lehrmittelsammlung für angehende hessische Kriminalisten und schließlich, im Jahr 2002, in eine Glasvitrine im frisch eröffneten Kriminalmuseum des Präsidiums.

Erst 2008, ein halbes Jahrhundert nach Rosemarie Nitribitts Tod, wird der Schädel im Düsseldorfer Grab beigesetzt, finanziert mit Hilfe privater Spenden.