Künstler Anthony DiPaola

Ein New Yorker am Rhein

In seiner Werkstatt im Atelierhaus des Bonner Kunstvereins: Der Ex-New Yorker Anthony DiPaola.

In seiner Werkstatt im Atelierhaus des Bonner Kunstvereins: Der Ex-New Yorker Anthony DiPaola.

BONN. Was macht man, wenn man neu in der Stadt ist und seine Nachbarn kennenlernen möchte? Man lädt sie zu einem Schwätzchen ein. Als Anthony DiPaola, New Yorker Künstler und Philosoph, seine Heimat aus familiären Gründen verlassen hatte und sich im fremden Bonn wiederfand, hielt er es genauso.

Inmitten der Fußgängerzone zeichnete er einen Kreidekreis auf den Boden, stellte für sich und spontane Besucher zwei Stühle hinein und fertigte während kurzer Gespräche Porträts seiner Gäste als kleine Aufmerksamkeiten an.

Fünf Jahre ist das her. "Das hat mich in die Bonner Kunstwelt gebracht", erinnert sich der zurückhaltende Mann mit dem kurzen Vollbart an die fünftägige Aktion. "Damals hatte ich überhaupt keine Kontakte. Aber bald konnte ich Führungen im Kunstmuseum abhalten. Und heute bin ich Dozent an der Uni und arbeite im Workshop-Bereich der Bundeskunsthalle." Parallel zur "New York Painting"-Schau im Kunstmuseum zeigt die Galerie Szalc in der Kurfürstenstraße bis kommenden Samstag DiPaolas Ausstellung "It's not about words".

Seine Bilder, die wegen ihrer freundlichen Farben auf den ersten Blick einladend wirken, verlangen den Nähertretenden überraschende Stellungnahmen ab - zu dem, was sie sehen, und letztlich zur eigenen Person. Worte - das machen die Werke des multimedial arbeitenden Wahlbonners deutlich - sind nicht im Geringsten so zuverlässig, wie sie vorgeben, zu sein.

"Liar", Lügner, steht in riesigen bunten Lettern auf einer seiner Arbeiten. Dabei widerspricht die eingängige Ästhetik der Werbewelt dem knapp-vernichtenden Vorwurf und führt unweigerlich zu Fragen. Wer ist eigentlich in der soeben entstandenen Beziehung zwischen Bild und Gegenüber der Lügner? Oder sind es beide? "DiPaola geht es immer um die Vermittlung und um die Kunst als Erfahrung", sagt Susanne Kleine, Kuratorin der Bundeskunsthalle. "Er vermittelt zwischen der Realität, dem Kunstwerk und dem Betrachter."

"It's not about words". Das antwortet DiPaola auch auf die Frage, ob es schwierig war, sich ohne zuverlässige Deutschkenntnisse einzuleben. "Nicht schwierig", erklärt er mit leisem Lächeln, denn: "Es geht nicht um Wörter. Es geht um die Zusammenhänge. Wir sind alle Menschen, ganz egal, welche Sprache wir sprechen." Trotzdem hat sich der 43-Jährige, dem die Namen der Philosophen Leibniz, Kant und Heidegger schon seit seinem New Yorker Zweitstudium in Philosophie bewundernswert leicht über die Lippen gehen, mit Erfolg darum bemüht, gründlich Deutsch zu lernen. Motiviert und korrigiert wird er dabei von seiner Ehefrau Kathrin und den in New York geborenen, zweisprachig aufwachsenden Kindern Oona (11)und Mac (7).

Es war ein Schock für sie alle, als der Künstler auf seiner täglichen Fahrradstrecke zwischen Kessenicher Heim-Atelier und Kita vor anderthalb Jahren einen schweren Unfall hatte. Mehrfach war sein Schädel gebrochen, fünf lange Tage verbrachte er bewusstlos auf der Intensivstation. Noch lange hatte DiPaola mit Erinnerungslücken und Konzentrationsproblemen zu kämpfen, die Auswirkungen auf sein Nervensystem spürt er bis heute. "Das war eine Kollision, die plötzlich alles verändert hat", beschreibt er die erschütternde Erfahrung. "Mein Leben stand an der Klippe wie der Wanderer bei Caspar David Friedrich." Und er hat festgestellt: "Oft sind wir so beschäftigt mit Kleinigkeiten, dass wir versäumen darauf zu achten, wie groß die Welt eigentlich ist."

Anderen seine Blickwinkel auf diese Größe anzubieten und sich mit Künstlern europaweit darüber auszutauschen, wird in Zukunft deshalb noch stärker sein Bestreben sein. Im März hat der Maler im Atelierhaus des Bonner Kunstvereins eine von der Stadt geförderte Werkstatt bezogen. Aus dem kleinen Raum an der Dorotheenstraße werden die Bonner sicher noch Spannendes zu sehen bekommen.