Kriminalität in Bonn

Ein Mann für alle Entführungsfälle


Stefan Bisanz betreibt in Bonn das Personenschutzunternehmen Consulting Plus und ist zudem der einzige amtlich bestellte Sachverständige für Personenschutz in Deutschland.

Stefan Bisanz betreibt in Bonn das Personenschutzunternehmen Consulting Plus und ist zudem der einzige amtlich bestellte Sachverständige für Personenschutz in Deutschland.

Bonn. Stefan Bisanz ist Deutschlands einziger Sachverständiger für Personenschutz. Er warnt: Donnerstage und Freitage sind besonders gefährlich.

Wer einen Mann mit schwarzer Sonnenbrille sucht, oder einen durchtrainierten Typen im dunklen Anzug mit einem Knopf im Ohr, der wird Stefan Bisanz nie entdecken. Im hellen Trenchcoat mit Schreibmappe unterm Arm und Burbury-Schal um den Hals wartet der 52-Jährige entspannt auf dem Bonner Markt auf das verabredete Interview. Bisanz sorgt lieber im Hintergrund für die Sicherheit von Leuten, denen andere womöglich nach dem Leben, aber viel eher nach ihrem Geld trachten. „Davon gibt es mehr, als die meisten glauben“, sagt der gebürtige Hamburger trocken und meint damit nicht nur Millionäre. Schließlich komme fast keiner der bundesweit rund 60 Entführungsfälle im Jahr an die Öffentlichkeit. „Die meisten Opfer zahlen und schweigen darüber“, berichtet der Personenschützer.

Bisanz spricht aus jahrzehntelanger Erfahrung. Als Gruppenführer der Personenschutzgruppe im Verteidigungsministerium kam er zu dem Job. 1992 machte er sich selbstständig, eine kaufmännische Ausbildung und ging in die freie Wirtschaft. Seit fünf Jahren ist der Rheinländer mit seinem Büro am Bundeskanzlerplatz Deutschlands einziger amtlich bestellter Sachverständiger für Personenschutz. Die IHK Bonn-Rhein-Sieg hat ihn zertifiziert. Seither schützt Bisanz mit seiner eigenen Firma nicht nur 65 Personen. Er berät bundesweit Unternehmen zu ihrem Sicherheitskonzept, Privatleute über ihre Gefährdung, testet private Vorfeldermittler auf ihren Spürsinn und begleitet Strafprozesse von aufgeflogenen Entführern.

Aus deren Vita zieht er Lehren für den Personenschutz. Viele Konzerne und Organisationen interessierten sich dafür. Die suchten in ihrem Umfeld dann nach Personen mit ähnlichen Auffälligkeiten.

Vorsicht ist für Stefan Bisanz der Schlüssel zum Erfolg. Entführt werde nicht der Reichste oder Prominenteste, sondern derjenige, der es dem Täter am leichtesten mache. Viele Entführer suchten sich regional bekannte Opfer. Entführt werde dann Donnerstag oder Freitag. Sonntag sei das Opfer nach einer erfolgreichen Verhandlung meist wieder zu Hause, fast immer erleichtert um einen einstelligen Millionenbetrag.

Profis hätten ihr Opfer oft ein Jahr und länger vorher ausgespäht und eine komplexe Infrastruktur aufgebaut. Daher rät der Personenschützer seinen Kunden, sich über ihr Vermögen und ihren Lebenswandel nicht zu wortreich zu äußern, wechselnde Wege etwa zur Arbeit zu fahren und verdächtige Begegnungen abklären zu lassen. Kommt es doch zu einer Entführung, seien Polizei und Staatsanwaltschaft wichtige Ansprechpartner. „Allerdings ist man dann nicht mehr Herr des Verfahrens.“ Während die Personenschützer vor allem das Opfer sicher nach Hause holen wollten, seien die Behörden schließlich der Strafaufklärung verpflichtet.

Der Sachverständige macht keinen Hehl daraus, dass er lieber mit Kriminellen alter Schule zu tun hat. Die seien verlässlicher. Seit einigen Jahren beobachtet er zunehmend, dass Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung Erpressungen und Entführungen wagen. Fast immer sei eine scheinbar ausweglose Lebenskrise nach einem Jobverlust oder einer Trennung der Anlass dazu. „Diese Leute sind unberechenbar.“ Insgesamt sei das Klima viel rauer geworden, sei viel schneller Gewalt im Spiel.

Die Silvester-Ereignisse in Köln haben Bisanz, der in mehreren Gremien die Stadt Köln berät, deshalb nicht überrascht. „Seit 2012 haben wir in Köln eine dramatische Vermehrung der Antanz-Delikte auf rund 4000 Fälle im Jahr.“ Köln gelte in der Szene als Großstadt, wo Verbrechen kaum geahndet würden. „Dort ist das Risiko, Opfer zu werden, doppelt so hoch wie in München.“ Beispielsweise sei der Ordnungsdienst in Köln mit 200 Personen nur halb so stark besetzt wie in Düsseldorf – bei der doppelten Einwohnerzahl. Unter anderem da die Hälfte der Silvester-Täter nach Bisanz' Überzeugung schon länger in Köln wohnt, werde es mehrere Jahre dauern, um dort dauerhaft für Sicherheit zu sorgen. Für Bonn gibt der Sicherheitsexperte hingegen relative Entwarnung. Hier sei die Kriminalitätsrate nicht höher als in einer Stadt dieser Größe zu erwarten sei.