Schicksalstag auf dem Münsterplatz

Ein Fahrradunfall in Bonn verändert zwei Leben

Bonner Innenstadt: Hier auf dem Münsterplatz ereignete sich der tragische Radunfall am 16. November 2004.

Bonner Innenstadt: Hier auf dem Münsterplatz ereignete sich der tragische Radunfall am 16. November 2004.

Bonn. Es war eine alltägliche Begegnung auf dem Münsterplatz. Ein paar Sekunden am 16. November im Jahr 2004. Zwei Menschen stießen mit ihren Fahrrädern zusammen. Seitdem ist für beide nichts mehr, wie es vorher war.

Die eine, eine Beamtin der Stadtverwaltung, ist zum Pflegefall geworden. Der andere, ein Drogensüchtiger, ist mit einer Schadensersatzforderung von 1,36 Millionen Euro konfrontiert. Er wird sie, natürlich, niemals begleichen können. „Es ist eine schlimme, tragische Geschichte“, sagt Jens Müller (Name geändert). „Ich habe oft darüber nachgedacht, wie das passieren konnte.“ Er ist jetzt 60, ein hochgewachsener, hagerer, ernsthafter Mann mit Vollbart und langen Haaren.

Sehr aufrecht sitzt er im Besprechungsraum eines Hospizvereins, der ihm seit zehn Jahren ein Zimmer zur Verfügung stellt. Müller ist HIV-positiv, hat Hepatitis und bekommt Diamorphin als Ersatz für harte Drogen. Er hat lange überlegt, bevor er dem Interview mit dem GA zustimmte. Und sich dann entschlossen, seine Version des Unfalls zu schildern.

„Mein letzter Gedanke war: Wo will sie hin?“

Für die meisten, denen er bisher davon erzählte, sei die Schuldfrage schnell klar gewesen, sagt Müller – ein Junkie-Ding eben. Aber das stimme so nicht. Damals, an diesem Schicksalstag, war er mit dem Rad auf dem Weg zur Methadon-Ambulanz an der Adolfstraße. „Und ich war völlig klar im Kopf.“ Vor der Münsterbasilika seien ihm drei Radlerinnen entgegen gekommen, rechts außen das spätere Unfallopfer.

Er habe sein Rad rollen lassen, ohne zu treten, kurzen Blickkontakt mit der Frau gehabt. „Mein letzter Gedanke war: Wo will sie hin? Dann stießen wir zusammen.“ Es sei Schicksal gewesen, wird später eine Zeugin vor Gericht sagen. Alle Radfahrer hätten sich mit ähnlichem Tempo bewegt.

Müller und die Beamtin stürzten. Er zog sich eine blutende Kopfwunde zu, stand auf und setzte sich an die Kirche. „Da war sofort ein Menschenauflauf um die Frau. Ich wollte keinen mit meinem infizierten Blut gefährden, stand aber auch unter Schock.“ Es klingt, als wolle er sich rechtfertigen. Kurz darauf traf der erste Krankenwagen ein.

Das Unfallopfer hat wohl keine Heilungschancen

Erst später vor Gericht habe er begriffen, wie dramatisch die Verletzungen der Frau waren, berichtet Müller. Nach GA-Informationen soll sie lange im Koma gelegen haben. Sicher ist, dass die frühere Stadtinspekteurin noch heute mit Pflegestufe III versorgt werden muss und die Stadt sie in den Ruhestand versetzt hat, weil wohl keine Heilungschancen bestehen. Das geht aus einer vertraulichen Vorlage der Verwaltung hervor; offiziell verweigert die Stadt aus Datenschutzgründen jede Auskunft.

Auch Müller kennt die Identität der Frau nicht. Sprechen würde er gern mit ihr, falls das ginge. Ihr sagen, was er darum geben würde, den Unfall ungeschehen zu machen. Nach der Gerichtsverhandlung, bei der er wegen Körperverletzung zu 1400 Euro Geldstrafe verurteilt wurde, versuchte er eine Entschuldigung beim anwesenden Ehemann der Schwerverletzten. Der wies ihn wütend ab. „Ich will mich von meinem Teil der Verantwortung nicht freisprechen“, betont Müller. „Es tut mir unheimlich leid für die Frau. Aber auch mein Leben ist zerstört.“

Als der Unfall passierte, versuchte er gerade, sein Leben in den Griff zu kriegen

Zumindest das, was davon 2004 noch übrig war. Müller erzählt von seiner unglücklichen Jugend in Bad Honnef. Die Ehe der Eltern mehr schöner Schein als wirkliches Glück, die ganze Welt ein „Lügenspiel“, an dem er nicht teilnehmen wollte. Vietnamkrieg, Religion, Regierung, Eltern – der sensible Junge suchte Antworten und fand keine. Mit 18 versuchte er, sich mit einem Pflanzenschutzmittel umzubringen. Danach kam das Heroin. Er wollte Steuerberater werden, brach die Ausbildung ab, schlug sich jahrelang mit Jobs für Gärtnereien und Baufirmen durch – soweit es die Sucht zuließ. Um die Jahrtausendwende landete er mit einer Psychose für vier Wochen in der LVR-Klinik. Als der Unfall geschah, sagt der 60-Jährige, war er gerade dabei, sein Leben mit Hilfe des Methadons besser in den Griff zu kriegen. Über dieses Leben denkt er seitdem intensiv nach, über Wahrheit und Lebenslügen, über „eigene falsche Reaktionen“.

Jens Müller kommt mit Erwerbsunfähigkeitsrente und Sozialhilfe auf rund 390 Euro im Monat. Gerade genug, um sich veganes Essen zu kaufen, das er in seinem Zimmer selbst kocht. Pfänden lässt sich da nichts. Trotzdem stottert er seit Jahren freiwillig 20 Euro im Monat bei der Stadt Bonn ab. Denn die zahlt unter anderem die Kosten des Heilverfahrens und das Ruhegehalt ihrer früheren Mitarbeiterin, weil der Unfall auf dem Weg zum Dienst geschah.

Da Müller die immensen Summen niemals aufbringen könne und „an einer chronischen, zum Tode führenden Erkrankung“ leide, regte die Stadtverwaltung schriftlich an, eine Forderung von 535.000 Euro unbefristet niederzuschlagen. Auf weitere 1,36 Millionen Euro verzichtet sie nur vorläufig. Der Stadtrat stimmte in nichtöffentlicher Sitzung zu.