Interview mit Baskets-Präsident Wolfgang Wiedlich

Ein Blick zurück auf zehn Jahre Telekom Dome in Bonn

BONN. Vor zehn Jahren wurde der Telekom Dome, die heutige Heimspielstätte der Telekom Baskets Bonn, in Betrieb genommen. Präsident Wolfgang Wiedlich erinnert sich an den steinigen Weg. Die neue Halle, sagt er, habe den Bundesligabasketball in der Stadt gerettet.

Wie lässt sich der Bau des Telekom Dome rückblickend bewerten?

Wolfgang Wiedlich: Der Weg war ein Abenteuer, die Tatsache, dass das Ziel erreicht wurde, schon ein kleines Wunder. Ich glaube, ein solches Projekt wäre heute in Bonn kaum mehr realisierbar.

Warum nicht?

Wiedlich: Würden Sie als Oberbürgermeister einem Sportverein das zutrauen? Formal war zwar Lidl der Vorhabenträger, aber Planung, Businessplan und den Bau haben wir selbst umgesetzt. Ein riesiger Vertrauensvorschuss, den uns OB Bärbel Dieckmann samt Stadtrat damals als „Hilfe zur Selbsthilfe“ gewährte. Die schlimmste Befürchtung dürfte gewesen sein, dass diese Laienschar Monate nach Baubeginn vor dem Rathaus steht und sagt, sie brauche noch eine Million – mindestens.

Das passiert doch eigentlich vor allem den öffentlichen Bauträgern ...

Wiedlich: Am Ende hat das Geld ja auch nicht gereicht, weil Unvorhergesehenes beim Bauen Standard ist. Aber es gab bei uns schon einen gewissen Stolz, nicht im Rathaus um mehr Geld zu betteln, sondern wir haben die Parkplätze gemeinsam mit den Fans und unter fachkundiger Anleitung selbst gepflastert. Bei einem 17-Millionen-Euro-Projekt erscheinen plus/minus 500 000 Euro als Peanuts, aber für uns war das viel Geld. Wir waren Sparfüchse, haben den Generalunternehmer manchmal bis zur Weißglut getriezt.

Hatte die lange politische Diskussion auch Vorteile?

Wiedlich: Dadurch, dass die Politik so lange brauchte, verlängerte sich unser Wissensanhäufungsprozess in anderen Hallen. Der schlimmste Fehler bei einem solchen Projekt ist es zu glauben, man wüsste alles. Mir hat das schon immer Spaß gemacht, mich auf völlig fremdem Terrain einzuarbeiten. Das war schon so, als ich mit Anfang 20 mit einigen Freunden die Sahara durchquert habe. Allerdings kann man hier wie dort leicht etwas übersehen, was dann dramatische Folgen haben kann.

Einer Expedition ähnelt auch die Entstehungsgeschichte des Domes mit vielen Wendungen und Krisen.

Wiedlich: 1999 begann das. Zunächst ging es ja um einen Kegelbau in der Gronau. Das wäre zwar aus Sicht der Stadt eine elegante Lösung gewesen, mit der viele Fliegen – Kongresszentrum, Multifunktionshalle, Hotel – mit einer Klappe geschlagen worden wären. Jedes Heimspiel im Kegel hätte uns unterm Strich aber 30 000 Euro gekostet. Das war nicht das, was wir wollten, zumal unsere Kinder- und Jugendaktivitäten damals auf 14 Hallen verteilt waren. Die hauptamtlichen Trainer standen mehr auf der B 9 im Stau als in der Halle. Das hätte der Kegel nicht gelöst.

Was Sie dann ja auch deutlich kommuniziert haben...

Wiedlich: Es ging für uns auch darum, die Risiken zu minimieren. Eine Kooperation mit den SSF Bonn am gewachsenen Standort Sportpark Nord hielten wir für eine Alternative und stadtplanerisch gute Lösung. Die SSF scheuten damals das Risiko, und die Politik hat es deshalb abgelehnt. Dann kam der Vorschlag des damaligen Hardtberger Bezirksvorstehers Gerhard Lorth, der auf eines der letzten freien Grundstücke auf dem Hardtberg hinwies. Dieser Standort setzte sich dann durch.

Wie lief die Finanzierung?

Wiedlich: Zunächst dachten wir, das Ei des Kolumbus mit der Integration eines Media Marktes und des Polizeipräsidiums gefunden zu haben, weil das den Kreditrahmen deutlich gesenkt hätte. Das ist aber am sogenannten Zentrenkonzept für den Einzelhandel gescheitert.

Vorhabenträger wurde dann Lidl. Hat die Firma mitfinanziert?

Wiedlich: Nein. Es gab Sponsoren, zu denen auch Lidl zählte und viele andere. Diese zahlten ihre Werbeleistung für mehrere Jahre im Voraus, wie auch die Deutsche Telekom für den Erwerb des Hallennamensrechtes.

Gab es öffentliche Zuschüsse?

Wiedlich: Die Stadt zahlte einen Zuschuss von drei Millionen Euro. Per Zuwendungsvertrag verpflichteten wir uns, davon das Grundstück zu kaufen und ein Ausbildungszentrum zu bauen, das zehn Jahre lang dem Nachwuchssport zur Verfügung steht. Wir hatten dann, zusammen mit den Werbegeldern, etwa zehn Millionen zusammen. Das war sozusagen unser Eigenkapital, und dieses Geld floss in Stahl und Beton. Der Rest lief über Kredit, der jedoch höher ausfiel als wir geplant hatten.

Welche Rückschläge gab es?

Wiedlich: Es gab damals im Etat des NRW-Sport- und Bauministeriums einen Förderparagrafen für überregional bedeutsame Hallen, aus dem uns 3,2 Millionen Euro fest zugesagt wurden. Eines Tages kam ein Schreiben aus Düsseldorf mit dem Inhalt: Wegen der NRW-Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele sei die Auszahlung des Zuschusses erst 2009 möglich. Man darf dann nicht einfach vorher losbauen, sondern erst zum Zahlungszeitpunkt. Das fühlte sich an wie der Todesstoß für die Halle.

Das heißt, die Landesförderung fiel ins Wasser?

Wiedlich: Richtig. Deshalb mussten wir von den 17 Millionen Euro Gesamtkosten nicht vier, sondern sieben Millionen Euro per Kredit finanzieren – und das in der Hochzinsphase. Hätten wir vier weitere Jahre gewartet, hätte irgendwer wieder eine Diskussion angezettelt, ob diese Halle wirklich notwendig sei. Es gibt diese Momente, wo der Bauch sagt: Jetzt oder nie, diese Chance kommt nie wieder. Also haben wir es gewagt.

Wie groß war die wirtschaftliche Belastung?

Wiedlich: Es gab schon Dinge, die wir zunächst nicht auf dem Schirm hatten. Der Kapitaldienst ist das eine, die laufenden Betriebskosten und kommunalen Abgaben etwas anderes. Insgesamt kamen wir anfangs auf monatlich etwa 80 000 Euro Hallenkosten, was manche schlaflose Nacht verursachte.

Wann ist der Kredit abbezahlt?

Wiedlich: Von den ursprünglich sieben Millionen Euro sind nur noch 2,5 Millionen übrig. Wir haben in den letzten Jahren etwas zu sportlich getilgt, denn parallel mussten wir auch einen in der Bundesliga konkurrenzfähigen Teametat stemmen. Künftig lassen wir es bei der Tilgung etwas entspannter angehen.

Werden nach Abschluss der Tilgung in einigen Jahren für die Baskets Milch und Honig fließen?

Wiedlich: Die Situation ist jetzt schon erfreulich. Denn es sind ja nicht nur die Schulden gesunken, sondern wir profitieren schon seit Januar 2017 auch von den Niedrigzinsen. Geholfen haben uns auch die Finaleinzüge 2008 und 2009, die uns zusätzliche Einnahmen bescherten. Nur: Jetzt beginnt allmählich die Phase der Instandsetzung und Reparaturen. Nächsten Monat kommt ein neues Holzparkett. Oder: mal eben die Halle neu streichen. Aber der wirtschaftliche Ritt auf der Rasierklinge ist vorüber.

Was hat diese Gemeinschaftsleistung für den Verein bedeutet?

Wiedlich: Die Identifizierung mit Halle und Baskets ist gestiegen, zwischenzeitlich müssen wir bei Kindern und Jugendlichen immer wieder Aufnahmestopps einlegen. Im Ausbildungszentrum schlägt täglich von 14 bis 23 Uhr der Puls der Baskets. Aber der Spagat zwischen Breiten- und Leistungssport bleibt schwierig, denn auch die Individualförderung braucht ihre Hallenzeiten.

Die Kapazität des Telekom Dome scheint passgenau eingeschätzt zu sein. Wie haben sich die Erwartungen an Zuschauerzahlen erfüllt?

Wiedlich: Dass eines Tages jedes Heimspiel live in HD-Qualität übertragen wird, hatte keiner auf der Rechnung. So kommen weniger Auswärtsfans, das ist nicht nur in Bonn so. Auch das grundsätzliche Freizeitverhalten hat sich verändert, ist spontaner geworden. Aber wenn man alle Bundesliga-Standorte vergleicht, haben wir keinen Grund zum Jammern.

Von den deutschen Basketballfans wurde der Telekom Dome zur „schönsten Basketballhalle Deutschlands“ gewählt.

Wiedlich: Dafür, dass er weitgehend von Laien und dem Architekten Jan van Dorp mit bescheidenen Mitteln entwickelt und gebaut wurde, ist das schon bemerkenswert. Das Bauwerk ist ja als Basketballhalle konzipiert, deshalb sitzen die Fans sehr nahe am Geschehen, was das Live-Erlebnis intensiver macht als anderswo. Aber die Basketball-Monostruktur hat auch Nachteile.

Weil die Halle sich nicht für alles eignet? Senkt das die Mieteinnahmen durch Fremdveranstaltungen?

Wiedlich: Eindeutig ja. Ob damals in Bonn nicht besser eine Multifunktionshalle gebaut worden wäre, steht auf einem anderen Blatt. Keiner wollte sich an dem Projekt und damit am Risiko beteiligen, die SSF Bonn nicht und die Stadt auch nicht. Also haben wir gebaut, was wir uns leisten konnten und uns auf unsere Bedürfnisse konzentriert. Heute höre ich mitunter Kritik, wenn etwa von Dritten gefragt wird, warum Dies und Jenes in der Halle nicht möglich sei. Dennoch ist es erstaunlich, wofür die Halle sich alles eignet.

Welche Defizite hat sie denn?

Wiedlich: Beispiel Tribünen. Das sind starre Stahlbeton-Fertigteile. Die können Sie nicht einfach wegschieben. Mit Teleskoptribünen wäre das möglich, die hätten aber eine Million mehr gekostet. Oder die Dachlast. Unsere Statik ist begrenzt. Andererseits erscheint mir die Halle auch wie ein Knetgummi: Mancher Messebauer hat sie so verwandelt, dass ich sie nicht wiedererkannt habe. Die Luthergala in 2017 war eine Art Ritterschlag für den Dome. Klassik, Chor, Pop, alles gemeinsam und sehr telegen. Man spürt natürlich ein wachsendes Interesse an der Halle, weil sie nicht nur im Bonner, sondern auch in einem weiteren Umkreis mit dem 6000er-Volumen ein Alleinstellungsmerkmal hat. Diese Größenordnung fehlt vielerorts.

Stichwort Alleinstellungsmerkmal: Werden Sie von anderen Bundesliga-Clubs beneidet?

Wiedlich: Manche sagen, Ihr habt es genau richtig gemacht. Andererseits hat das bislang noch keiner nachgeahmt. In jedem Falle ist hier ein beleihungsfähiger Wert entstanden. Andere Bundesligateams in Multifunktionshallen müssen hohe Mieten zahlen, dafür haben wir andere Belastungen und sind etwa bei einem Wasserrohrbruch selbst verantwortlich.

Was wäre aus den Baskets geworden, wenn diese immer noch in der Hardtberghalle spielen würden?

Wiedlich: Ich befürchte, dann gäbe es keinen Bonner Basketball-Bundesligisten mehr. Entweder wäre die friedliche Kooperation mit den Schulen gescheitert, oder die Stadt hätte sich irgendwann geweigert, für uns ständig die Zusatztribünen aufzubauen. Das war für alle Seiten nicht mehr zumutbar. Ganz zu schweigen davon, dass unser Hauptsponsor vielleicht irgendwann einmal Zweifel bekommen hätte, ob sich das Engagement für ein Team lohnt, das in einer Schulsporthalle spielt, während ringsum in der Liga moderne Arenen aus dem Boden schießen. Wir sind damals in wenigen Jahren im Ranking der Hallenkapazität von ganz vorne nach ganz hinten durchgereicht worden.

Was war für Sie die größte Überraschung in der Geschichte des Telekom Domes?

Wiedlich: Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass hier im Dezember 2020 die Gala des Beethoven-Jubiläums stattfindet.