Bonner Ratsfrau

Dorothea Paß-Weingartz macht Schluss

Dorothea Paß-Weingartz war die dienstälteste Stadtverordnete in Bonn. Jetzt hat sie ihr Ratsmandat niedergelegt.

Dorothea Paß-Weingartz war die dienstälteste Stadtverordnete in Bonn. Jetzt hat sie ihr Ratsmandat niedergelegt.

BONN. Dorothea Paß-Weingartz macht Schluss. Die dienstälteste Stadtverordnete im Bonner Rat legt nach 31 Jahren ihr Mandat nieder. Und nicht nur das. Die 64-Jährige tritt auch aus der Partei der Grünen aus.

Der Frust über ihre Abwahl als Fraktionssprecherin im vergangenen Jahr sitzt immer noch tief. Das verhehlt sie nicht. Paß-Weingartz, die 1980 zur Mitbegründerin des Grünen-Kreisverbandes in Bonn gehörte, räumt freimütig ein: Diese Niederlage nagt nach wie vor an ihr. "Was mich besonders betroffen gemacht hat, ist die Tatsache, dass vorher niemand mit mir gesprochen hat. Keiner hat gesagt: »Doro, du machst das oder jenes falsch«", sagt sie. Und es schwingt viel Bitterkeit in ihrer Stimme mit. "Es fand weder eine politische Auseinandersetzung statt, noch wurde Kritik an meiner politischen Arbeit als Spitzenkandidatin und Fraktionssprecherin geäußert."

Ihre Kritik richtet sich vor allem an ihre Nachfolgerin als Fraktionsspitze, Brigitta Poppe. Ihr wirft sie vor, die Abwahl eingefädelt zu haben, um selbst den Vorsitz zu übernehmen. Das hat Poppe damals bestritten. "Kein Wort hat sie vorher mit mir gesprochen", sagt dagegen Paß-Weingartz. Gegen Poppe hatte sie zuvor bei der Kampfabstimmung für den Listenplatz 1 zur Kommunalwahl im Mai 2014 noch obsiegt. Und mit 18,62 Prozent ihr mit Abstand bestes Kommunalwahl-Ergebnis eingefahren.

Bis dahin lief alles bestens für die Wahl-Beuelerin. Als sie 1984 mit den Grünen erstmals in den Stadtrat einzog, in dem bis dahin eine männerdominierte CDU den Ton angab, hätte sie niemals geglaubt, Jahre später, 2009, mit den Christdemokraten eine Koalition einzugehen. "Ich habe im Laufe meiner langen Ratsarbeit schon in vielen Konstellationen gearbeitet", sagt sie, "doch ich muss wirklich sagen, die Koalition mit der CDU war im Ergebnis das beste Bündnis, das wir bisher in Bonn hatten."

Erstmals im Rathaus mit ans Ruder kamen die Grünen 1994 gemeinsam mit der SPD. Die FDP war aus dem Rat geflogen, eine bürgerliche Mehrheit damit passé. Bärbel Dieckmann (SPD) wurde Oberbürgermeisterin, Paß-Weingartz erste Bürgermeisterin der Stadt Bonn. Die Grünen-Ratsfrau fühlte sich schnell wohl in ihrer Rolle als Repräsentantin der Stadt. Was nicht zuletzt am Wandel ihrer Garderobe sichtbar wurde: Die typisch "grüne" Strickjacke und Birkenstocksandalen blieben immer öfter im Schrank. Stattdessen kleidete sie sich modisch-elegant. Mit dem neuen Amt wuchs auch das Selbstbewusstsein. Das von Paß-Weingartz, aber auch das ihrer Fraktion.

Rückblickend erinnert sie sich: "Die rot-grüne Ratsmehrheit damals war nicht einfach." Zum offenen Konflikt mit der Oberbürgermeisterin kam es, als Paß-Weingartz eine Gegenrede bei einer öffentlichen Rekrutenvereidigung in Bonn hielt. Später geriet sie mit Dieckmann immer wieder einander, als sich die Grüne mehr und mehr als Kinder-, Jugend- und Schulpolitikerin in Bonn einen Namen machte. Sie löste unter anderem eine hitzige Debatte im Rathaus um Schadstoffbelastung an Bonner Schulen aus, die letztlich zur Schließung mehrerer Schulen und zu umfangreichen Sanierungen führte. Oder sie setzte gegen den anfänglichen Widerstand der Stadtspitze durch, dass das Thema Kinderarmut in Bonn ganz oben auf die Tagesordnung kam.

Nie nahm Paß-Weingartz ein Blatt vor den Mund, wenn es um die Interessen von Kindern und Jugendlichen ging. Nicht erst als Oberbürgermeister bekam Jürgen Nimptsch die Kampfeslust der langjährigen Schulausschussvorsitzenden zu spüren: Sie war auch viele Jahre in der Elternpflegschaft an seiner Beueler Gesamtschule aktiv, die Nimptsch bis zum Wechsel auf den OB-Sessel geleitet hatte. Unvergessen die Kinderwagenrallye, die die Mutter von drei inzwischen erwachsenen Kindern vor Jahren in Bonn veranstaltete. Damit wollte sie auf die vielen Hürden hinweisen, die Familien,vor allem Frauen mit Kindern, im Alltag überwinden müssen. Sie selbst, sagt sie, hat wegen ihrer Kinder ihr Lehramtsstudium abbrechen müssen. "Damals gab es so gut wie keine Betreuungsangebote, und wir hatten keine Großeltern in der Nähe."

Seit ihrer Abwahl hat sich Paß-Weingartz peu à peu aus der Stadtratsarbeit zurückgezogen. "Die Fraktion ist nicht mehr das, was sie einmal war. Sie hält nicht mehr zusammen." Mit dem Entschluss, ab- und auszutreten, habe sie aber bewusst bis nach der OB-Wahl gewartet. "Ich wollte die Debatte über den Zustand der Grünen-Fraktion nicht mit der für die Grünen doch ebenfalls sehr erfolgreichen Wahl verquicken", erklärt sie und spielt damit auf das gute Abschneiden ihres langjährigen Parteifreundes Tom Schmidt an, der als OB-Kandidat der Grünen mit dem Kandidaten der SPD, Peter Ruhenstroth-Bauer, am Ende fast gleichauf lag. "Ich habe es menschlich nicht mehr geschafft, in einer Gruppe mitzuarbeiten, in der Konkurrenz und Missgunst die gemeinsame politische Arbeit aus meiner Sicht häufig dominierten", erklärt sie die Gründe für ihren Rück- und Austritt.

Ihr Mann Hans Weingartz ist bereits kurz nach ihrer Abwahl aus der Partei der Grünen ausgetreten. Mit ihm will sie jetzt mehr Zeit verbringen, hat er doch oft wegen ihres politischen Engagements hintanstehen müssen. Viel Freude macht ihr die Ausbildung im Lighthaus zur Sterbebegleiterin, die sie zurzeit absolviert. "Das gibt mir unheimlich viel Kraft", sagt Paß-Weingartz.

Die Rücktrittserklärung finden Sie auf der Internetseite mit folgendem Link: http://www.pass-weingartz.de/