Tai-Chi-Europameister

Dieser Bonner kämpft mit einem Fächer

Träger des
5. Teng: Der Bad Godesberger Hans Lütz macht seit fast
drei Jahrzehnten Tai Chi.

Träger des
5. Teng: Der Bad Godesberger Hans Lütz macht seit fast
drei Jahrzehnten Tai Chi.

Bonn. Während Hans Lütz über Tai Chi spricht, steht er immer wieder auf und demonstriert einzelne Bewegungsabläufe der chinesischen Kampfkunst. Hans Lütz ist Tai-Chi-Europameister und trainiert 90 Schüler in der chinesischen Kampfkunst.

Wer an Tai Chi denkt, assoziiert damit erst einmal sanfte Bewegungsabläufe und Formen der Meditation. Das aber ist nur die eine Seite der Medaille. „Es ist eine Heil- und Kampfkunst“, erklärt Lütz. In der Kampfform der „Push-Hands“ gewann der 56-Jährige im Juni den Europameistertitel in seiner Gewichtsklasse. Dabei wird der Gegner durch schnelle Bewegungen und die Kraft der Hände aus dem Gleichgewicht gebracht – jeder Schritt gibt einen Punkt für den Gegner. Fast täglich trainiert und lehrt Lütz die chinesische Kampfkunst in Bonn – am liebsten unter der Rotbuche im Godesberger Redoutenpark. In Bad Godesberg lebt er mit seiner Familie in seinem Elternhaus.

Angefangen hat alles mit Rückenschmerzen. Der damals 25-Jährige spielte als Gitarrist in einer Band und klagte über Schmerzen im Rücken. Der Drummer nahm ihn daraufhin mit zum Tai-Chi-Training – gegen die Schmerzen. Lütz war die Kampfkunst bis dahin völlig unbekannt. „Ich wusste nicht, dass es da Waffen gibt oder dass es eine Form der Selbstverteidigung ist“, erinnert er sich. Der Rückenschmerz verschwand, die Faszination blieb. 1989 reiste er nach England, um den damaligen Großmeister Chee Soo zu treffen und an einem seiner Sommerkurse teilzunehmen. „Man setzt sich immer mit sich selbst auseinander“, erklärt Lütz. „Im optimalen Fall macht man es jeden Tag.“ Ein Kontrast zu seinem Beruf als Elektriker.

Ein paar Jahre später ließ er sich zum Lehrer ausbilden, erreichte den 1. Teng – vergleichbar mit dem Dan im Judo. Seitdem bildet er selbst Schüler aus. Derzeit sind es rund 90, der jüngste ist sechs Jahre, die älteste 76 Jahre, und sie haben die unterschiedlichsten Nationen.

Mit den Jahren stellte Lütz jedoch fest, dass sich Hobby und Alltag nicht vereinen ließen. „Ich wurde immer unzufriedener mit dem Alltagsleben“, erzählt er. Aber allein mit Tai Chi hätte er seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Ein Jahr vor seinem Berufsausstieg ließ er sich deshalb zum Masseur für Thai-Yoga-Massage ausbilden. Seitdem gibt er Tai-Chi-Unterricht und arbeitet als Masseur. 2012 hat er auch ein Buch über die Thai-Yoga-Massagetechnik geschrieben.

Seine Leidenschaft für die Kampfkunst teilt auch seine Familie. Seine Frau lernte er beim Training kennen. Für seine Tochter begann er schließlich, auch Übungsstunden für Kinder anzubieten. Gemeinsame Trainingseinheiten waren Teil des Familienlebens. „Das war immer sehr schön“, erinnert er sich. 2013 traten Vater und Tochter gemeinsam bei den Deutschen Meisterschaften an. Wegen des Studiums hat sie allerdings eine Trainingspause eingelegt.

Lütz bildet sich immer noch weiter. Derzeit besitzt er den 5. Teng. „Man denkt, man wäre angekommen, aber der Lehrer zeigt einem, dass es noch mehr gibt“, sagt er. Zweimal pro Jahr kommt Tony Swanson, sein britischer Lehrmeister aus der Taoist Arts Organisation, nach Bonn.

Lütz gibt zehn Trainings pro Woche. Sein Lieblingsplatz dafür ist der Redoutenpark, aber Tai Chi lasse sich überall machen. „Man braucht kein Gerät, eigentlich gar nichts. Tai Chi hat etwas Friedvolles. Man geht in seine Welt hinein“, sagt er. Macht er nicht Tai Chi, dann spielt er Gitarre oder fährt viel Fahrrad.