Flusskrebse, Halsbandsittich und Co.

Diese fremden Tierarten sind in Bonn heimisch geworden

Bonn. Trotz ihres exotischen Aussehens und Ursprungs sind sie nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken: Viele einst fremden Tierarten wie der Halsbandsittich sind in Bonn heimisch geworden. Doch das birgt auch Risiken.

Sie wurden ausgesetzt, eingeschleppt oder sind ausgebüxt. Einige exotische Tiere, die sich vor Jahren in Bonn und der Region angesiedelt haben, haben sich vermehrt und sind inzwischen heimisch geworden. Das hat in einigen Fällen jedoch negative Folgen für die einheimischen Tierarten und schadet auch der Pflanzenwelt. Doch der Kampf gegen invasive Arten ist teuer. Daher handelt man nur dort, wo besonders hohe Sach- oder Gesundheitsschäden drohen, sagen Experten des Landesinstitut für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW).

Der Halsbandsittich

Besonders vermehrt auf der Insel Grafenwerth, in den Rheinauen, nahe der Nordbrücke und in Bonn-Tannenbusch ist der Halsbandsittich, auch Kleiner Alexandersittich genannt, anzutreffen. Ursprünglich waren die Halsbandsittiche nur in den subtropischen Gebieten Afrikas und Asiens beheimatet. In den 1960er Jahren wurden zum ersten Mal wild lebende Exemplare in Köln gesichtet. Aus diesem Grund ist auch heute noch das Hauptverbreitungsgebiet der Vögel im Großraum Duisburg bis Bonn. "Vermutlich sind die Tiere damals ausgebüxt oder wurden ausgesetzt", erzählt Till Töpfer, Leiter der Ornithologie des Museum Koenig.

 Ein wildlebender Halsbandsittich.

Ein wildlebender Halsbandsittich.

 

Die Vögel fallen durch ihr grünes Gefieder und den langen Schwänzen auf. Sie sind häufig in Gruppen unterwegs, insbesondere im Winter bilden die Tiere Schlafgemeinschaften. Dadurch, dass die Halsbandsittiche Höhlenbrüter sind, bewohnen sie gerne Buntspechthöhlen. Die befürchtete Höhlenkonkurrenz und auch die Nahrungskonkurrenz sind bislang allerdings ausgeblieben. "Obwohl es inzwischen schätzungsweise 5000 Vögel gibt, stellen sie keine Konkurrenz für einheimische Vögel dar", so Töpfer.

Auch die Befürchtung, dass die "Neubürger" Erbgut einschleppen, hat sich bisher nicht bestätigt. Sollten die Vögel in Zukunft doch zu einem Problem werden, wäre die Jagd die einzige Möglichkeit zur Kontrolle. "Die Eindämmung von Brutmöglichkeiten würde auch den einheimischen Vögeln schaden, daher ist dies keine Option", fasst Till Töpfer zusammen.

Die Halsbandsittiche stellen eher für die Menschen als für die Tiere einen Störfaktor dar, da sie für Lärm und Dreck sorgen. Das Portal des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten "ornitho" zeigt eine aktuelle Übersicht der Brutverbreitung. Dort können Vogelbeobachtungen eingetragen werden, die zur Kenntnis über die Verbreitung der Vogelart beitragen. "In den letzten fünf Jahren wurden mehr als 1300 Beobachtungen von Halsbandsittichen in Bonn gemeldet", so Christopher König vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) e.V.

Amerikanische Flusskrebse

Aus Nordamerika, vermutlich 1993 von Soldaten der kanadischen Airbase eingeschleppt, stammt der Kalikokrebs. Im Gegensatz zu dem Halsbandsittich schadet dieser Flusskrebs den einheimischen Arten enorm, da sich der Krebs seitdem mehr oder minder unkontrolliert vermehrt hat. Das hat zur Folge, dass einheimische Flusskrebse und Libellen verdrängt und kleinere Stand- und Fließgewässer zerfressen werden. Der nordamerikanische Kalikokrebs verbreitet sich auch deshalb so explosionsartig, weil er sich in extrem kurzen Zyklen und riesiger Zahl vermehren kann.

Das Edelkrebsprojekt NRW wurde 2004 ins Leben gerufen und setzt sich für den Schutz der beiden heimischen Flusskrebsarten, Stein- und Edelkrebs, ein. Der amerikanische Flusskrebs ist nicht nur überlegen, sondern überträgt auch die Krebspest, die tödlich für den Stein- und Edelkrebs ist.

Der Kalikokrebs bedroht die Tierwelt im Rhein.

Der Kalikokrebs bedroht die Tierwelt im Rhein.

 

Forscher schätzen, dass die Zahl der Kalikokrebse sich inzwischen "im Millionenbereich" befindet. Ihn zu stoppen, wird kaum möglich sein. "Im Gegensatz zu Fischen sind Krebse Allesfresser. Sie vermehren sich auch viel schneller als Fische und sind schwieriger einzudämmen, weil sie graben können und Zäune sie nicht aufhalten", sagt Harald Groß, Leiter des Edelkrebsprojektes NRW. Georg Becker vom Institut für Zoologie an der Universität Köln zieht daraus ein drastisches Fazit: "Wir sind ihm quasi ausgeliefert." Die gravierenden Auswirkungen zeigen, welche Folgen das Einschleppen von Pflanzen und Tieren aus anderen Ländern haben kann.

Nutria

Sie sind inzwischen fester Bestandteil der Tierwelt im Freizeitpark Rheinaue – und doch sind die aus Südamerika stammenden Nager unbekannter und entsprechend unberechenbarer als Enten oder Schwäne. Die auch Biberratten genannten Tiere haben sich erheblich ausgebreitet. "In neun Jahren hat sich das Vorkommen in den erfassten Gebieten etwa verdoppelt", sagte Torsten Reinwald, Sprecher des Deutschen Jagdverbandes (DJV) in Berlin. Hauptursache der Zunahme seien die anhaltend milden Winter, urteilen laut DJV die Experten des Wildtier-Informationssystems der Länder Deutschlands (WILD).

Nutrias in der Rheinaue.

Nutrias in der Rheinaue.

 

Zurückhaltend sind die Tiere nicht. Das ist ein Problem, sagt Christian Montermann, Wissenschaftler des Museums Koenig. Zu viel Nähe, beispielsweise durch Füttern, sorge dafür, „dass die Nutria ihre Scheu verlieren und die Distanz zwischen ihnen und den Spaziergängern immer geringer wird. Das kann natürlich auch zu Bissen führen.“ Zudem sorgen drei Würfe pro Jahr dafür, dass sich Nutria schnell vermehren. Obwohl der Nabu ausdrücklich gegen eine reguläre Bejagung der Nutria eintritt, da sie noch keine massiven Auswirkungen auf die heimische Tier- und Pflanzenwelt haben, bleiben die Tiere Invasoren.

„Die Umwelt leidet darunter, wenn freilebende Tiere mit Lebensmitteln gefüttert werden. Es bilden sich Sedimentschichten auf dem Grund des Rheinauensees, die Wassergüte nimmt ab und letztendlich droht der See umzukippen, weil Algen sich verbreiten“, erklärt das Bonner Umweltamt. Das ist in den vergangenen Jahren auch mehrfach passiert. Das Fütterungsverbot gilt gleichwohl nicht nur für Nutria, generell sollen keine Tiere gefüttert werden.

Der Ochsenfrosch

Ursprünglich aus Nordamerika stammt der Ochsenfrosch. Vor 17 Jahren wurde der Frosch in süddeutschen Baggerseen und am Rhein gesichtet. Er vertreibt massiv einheimische Amphibien. Der Ochsenfrosch wird jährlich aktiv bekämpft, da er die einheimischen Amphibien beinahe vollständig verdrängt hatte. Erwachsene Frösche werden mit Blasrohr und Pfeil gejagt und die Eier abgesammelt, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Ochsenfrosch im Karlsruher Naturkundemuseum.

Ochsenfrosch im Karlsruher Naturkundemuseum.

 

Viele hundert Frösche und zehntausende Kaulquappen dürften es trotzdem noch immer in manchen Regionen sein. "Ich zweifle daran, dass wir ihn überhaupt noch vollständig in den Griff bekommen können", sagt Kai Höpker vom Landesinstitut für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW). Auch in Bonn und der Region werden laut Auskunft des LUBW noch vereinzelt Ochsenfrösche gesichtet. Vor einigen Jahren musste sogar Ochsenfrosch-Alarm in Meckenheim ausgerufen werden. "Die Population pflanzte sich fort, konnte dann aber durch ein umfangreiches Maßnahmenpaket bis 2003 vernichtet werden", so Monika Hachtel vom Naturschutzbund NRW. Im Rahmen dieses Maßnahmenpaketes wurde das Gewässer abgelassen und eingezäunt, damit die Tiere nicht woanders hin wandern.