Prozess im Fall Niklas Pöhler

Die schwierige Suche nach der Wahrheit

Bonn. Wer hat Niklas Pöhler getötet? Nachdem die Beweislage gegen den Hauptverdächtigen Walid S. bröckelt, wird die Suche nach der Wahrheit immer schwieriger. Kurz vor Ende des Prozesses sind viele Fragen unbeantwortet.

Die Wahrheit, so heißt es, kommt ans Licht. Doch wird sie auch im Fall des am 7. Mai 2016 in Bad Godesberg gewaltsam zu Tode gekommenen Niklas Pöhler noch herauskommen? Nach 16 Verhandlungstagen im Prozess gegen Walid S., der den Schüler aus Bad Breisig nachts gegen 0.20 Uhr mit einem Faustschlag gegen den Kopf so schwer verletzt haben soll, dass der 17-Jährige sechs Tage später starb, scheint das Bonner Jugendschwurgericht von der Wahrheit weiter entfernt denn je. Und dass sich Niklas' Mutters Hoffnung erfüllt,  die Wahrheit über den Tod ihres Sohnes zu erfahren und zu erleben, dass der oder die wahren Täter ihre gerechte Strafe erhalten, scheint immer unwahrscheinlicher.

Denn die Säulen, auf denen die Staatsanwaltschaft ihre Beweislage gegen Walid S. stützt, wirken zunehmend brüchiger in einem Fall, der weit über Bonn hinaus an Bedeutung gewann, von Anfang an unter medialer Beobachtung stand, und die Ermittler unter enormen Erfolgsdruck setzte. Tatsächlich wurde zehn Tage später der erste Fahndungserfolg gemeldet: Der damals noch 20-jährige Walid S., ein als gewalttätig bekannter Heranwachsender mit Migrationshintergrund, wurde als Täter präsentiert,  in U-Haft gesteckt und schließlich zusammen mit dem mutmaßlichen zweiten Täter Roman W. angeklagt.

Letzterer soll an der für Niklas tödlichen Schlägerei beteiligt gewesen sein und überdies einer Begleiterin von Niklas mit der Faust gegen den Kopf geschlagen haben. Und die Staatsanwaltschaft war überzeugt, zwei der drei an der Attacke beteiligten Täter überführt zu haben. Der dritte ist bis heute unbekannt. Doch dass diese Überzeugung der Staatsanwaltschaft ausreicht, scheint inzwischen allen Beobachtern des Prozesses höchst zweifelhaft.

Stattdessen rückte im Verlauf der Verhandlung der 22-jährige Tunesier Hakim D., der in der Bad Godesberger Szene von Anfang an als Täter gehandelt wurde und gegen den anfangs ebenfalls als möglicher Täter ermittelt wurde, wieder in den Fokus: Ihm gehört die Jacke mit Niklas' Blut, die bei Walid S. gefunden  wurde. Und er wurde in Tatzeit- und Tatortnähe zusammen mit Roman W. gesehen. Vergangene Woche hat das Jugendschwurgericht die Beweisaufnahme abgeschlossen. Rund 50 Zeugen wurden vernommen, zur Wahrheitsfindung konnte keiner wirklich beitragen.

Walid wird in diesem Prozess nicht nur die Gewalt gegen Niklas angelastet, sondern weitere Gewalttaten, die er eine Woche zuvor begangen hatte. Ihm wäre also auch der Angriff auf Niklas zuzutrauen. Aber das macht ihn in dem Fall noch nicht zum Täter. Am 25. April werden Staatsanwalt und Verteidiger ihre Plädoyers halten und ihre Überzeugungen darlegen. Sollte das Gericht am 3. Mai Walid S. für nicht schuldig befinden, hätte er fast ein Jahr im Gefängnis gesessen für eine Tat, die vielleicht ein anderer begangen hat.