Vorgängerin der Kennedybrücke

Die schönste Brücke im Rheinland stand einst in Bonn

BONN. Gäbe es sie noch, müsste sie den Vergleich mit anderen großen Brücken der Welt nicht scheuen. Doch die alte Rheinbrücke wurde im Zweiten Weltkrieg gesprengt. An ihrer Stelle befindet sich heute die Kennedybrücke.

Petra Clemens findet es einfach „eine Schande“, dass die deutsche Wehrmacht kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges die alte Rheinbrücke sprengte und damit aus strategischen Gründen diesen architektonischen Schatz opferte. Die Geschäftsführerin des Beueler Heimat- und Geschichtsvereins ist sicher: Würde sie noch stehen, müsste die prächtige Rheinbrücke heute den Vergleich mit anderen großen Brücken der Welt nicht scheuen.

„Die alte Brücke, eine dreifeldrige Bogenbrücke mit einer Gesamtlänge von 432 Metern und einer Spannweite von knapp 188 Metern für den Hauptbogen wurde letztlich zum ganzen Stolz der Bonner Bürger und zum Anziehungspunkt für Touristen“, sagt Petra Clemens, die nebenberuflich als Stadtführerin für StattReisen Bonn tätig ist und unter anderem die Tour „Dat Wasser von Bonn is joot“ anbietet. Die Rheinbrücke spielt darin eine tragende Rolle. „Es war die schönste und größte Brücke im Rheinland, voller Jugendstil- und Neuromantik-Elementen“, schwärmt Clemens. „Technisch war sie eine Meisterleistung – die damals größte Bogenbrücke der Welt, und das in Bonn!“

Brückenzoll und Bröckemännche

Die Eröffnung der Rheinbrücke am 17. Dezember 1898 war für Verkehr, Industrie und Handel ein Meilenstein. Um über den Rhein zu gelangen, hatte man bislang die Gierponte eingesetzt, eine Fähre, die aber bei Niedrig- und Hochwasser, Sturm und Eisgang, Nebel und Dunkelheit nicht fahren konnte. Der Fährdampfer stellte ebenfalls nachts den Betrieb ein. In der Festschrift zur Eröffnung der Rheinbrücke heißt es: „So ereignete sich Jahr für Jahr der Fall, dass im Winter namentlich nach Eintritt der Dunkelheit der Verkehr zwischen beiden Ufern oft wochenlang vollständig unterbrochen war.“

Dieser „Übelstand“ gefährdete den Dienstleistungs- und Warenaustausch zwischen den beiden Rheinufern. Viele Menschen aus den rechtsrheinischen Dörfern mussten zum Einkauf nach Bonn – oder um eigene Waren feilzubieten. Andere arbeiteten in Bonn und Poppelsdorf. Umgekehrt mussten viele Bonner zur Arbeit nach Beuel in die Fabriken und nach Oberkassel.

Beinahe wäre der Bau der Brücke an der Finanzierung gescheitert, denn weder die Provinz noch der Staat beteiligten sich. Und die Gemeinde Vilich wollte nicht wie geplant zehn Prozent, also 25.000 Mark, beisteuern, sondern nur 2500 Mark, denn der Standort der Brücke gefiel ganz und gar nicht. Letztlich beteiligten sie sich dann überhaupt nicht an den Kosten. Die Bonner reagierten auf die Quertreiber, indem sie auf den Brückenkopf der Schääl Sick das Bröckemännche montierten, einen aus Stein gehauenen, lustigen Kobold, der den ankommenden Beuelern seinen Hintern präsentierte.

Um die Ausgaben für die Brücke wieder einzuholen, erhob die Stadt Bonn von Anfang an einen Brückenzoll. Die Zollhäuschen befanden sich auf Bonner Seite. Dort musste jeder für die Überquerung bezahlen – nach einer ausgefeilten Tarifordnung, die sich ebenfalls in der Festschrift zur Eröffnung findet. So zahlte jede Person einschließlich Traglast fünf Pfennige. „Kleine Kinder, welche auf dem Arm getragen werden, sind vom Brückengelde frei.“ Tierische Begleiter kosteten ebenfalls: Pferd oder Maultier 15 Pfennig, Rindvieh oder Esel zehn Pfennig, Kleinvieh wie Fohlen, Schaf, Ziege oder Schwein drei Pfennig, Federvieh drei Pfennig für bis zu zehn Stück.

Fahrräder kosteten fünf Pfennig

Richtig ins Geld gingen beladene Last- und Personenfuhrwerke (30 Pfennig, unbeladen 15 Pfennig). Fahrräder kosteten fünf Pfennig, Kinderwagen, Handkarren und Handschlitten drei Pfennige. Aber es gab auch Ausnahmen. Von der Entrichtung des Brückengeldes befreit waren: „Equipagen und Tiere, welche zu den Hofhaltungen des Königlichen Hauses oder des Fürstlichen Gesamthauses Hohenzollern oder zu den königlichen Gestüten gehören.“ Keinen Zoll zahlen mussten außerdem Militärs und Armeeangehörige, öffentliche Beamte auf Dienstreise, Reichstransporte, staatliche Kuriere und Postfuhrwerke sowie „Hülfsfuhren bei Feuersbrünsten und ähnlichen Notständen.“ Zudem gab es Quartals- und Monatsabonnements für neun und drei Mark (ermäßigt 4,50 und 1,50 Mark).

Stadtführerin Petra Clemens kann noch viel mehr Geschichten über die alte Rheinbrücke erzählen: über die Rettung des Bröckemännchens, den Fährverkehr nach der Zerstörung der alten Brücke bis zur Eröffnung der neuen Rheinbrücke am 12. November 1949, über die Umbenennung in Kennedybrücke nur zehn Tage nach der Ermordung des US-Präsidenten 1963 sowie über die letzte umfangreiche Sanierung von 2007 bis 2011. Der Titel ihrer Führung ist Programm: „Hurra, hurra die Brücke ist da!“