Migrationsforschung

Die "german kulturangst" vor der Überfremdung

BONN. Migrationsforscher Klaus J. Bade und andere Experten erörtern Fragen von Einwanderung und Willkommenskultur.

Integration ist keine Einbahnstraße. Diesen Satz dürften auch viele Migranten kennen, ist er doch fast schon so etwas wie ein deutsches Sprichwort. Dessen Urheber ist Klaus J. Bade, der wohl bekannteste Migrationsforscher Deutschlands. Dass der Satz von ihm stamme, darauf wies er mit augenzwinkernder Koketterie gestern Nachmittag bei einer Sonderveranstaltung im Rahmen der 50-Jahr-Feier der Otto Benecke Stiftung im Haus der Geschichte hin.

Und da Bade ein Freund klarer Worte und provokanter Zuspitzungen ist, übersetzte er die Bedeutung seines alten Satzes mit hörbarer Lust ins Heute: "Man muss den Deutschen Manieren beibringen, wie man mit Einwanderern umgeht." Nicht umsonst war der Titel der sich anschließenden Podiumsdiskussion mit einem Fragezeichen versehen: "Willkommen im Einwanderungsland?" Wenn auch Manfred Schmidt als einer der Teilnehmer der Diskussion nicht so weit wie Bade gehen wollte, gemahnte der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge doch, "Respekt dem Anderen gegenüber" müsse Grundlage der Willkommenskultur sein. Diese Einstellung versuche man auch in den Amtsstuben zu etablieren.

Bade hatte für die Diskussion in seinem pointierten, bisweilen humorvollen Vortrag Steilvorlagen geliefert: Deutschland sei der imperiale Profiteur von Einwanderung, denn die Migranten seien jünger und besser gebildet als der deutsche Durchschnitt. Obwohl Deutschland Einwanderung brauche, sei die Willkommenskultur zweifelhaft und bisweilen eher eine Willkommenstechnik. Und doch: "Das Einwanderungsland Kanada hat sein Punktesystem abgeschafft und schaut nach Deutschland." Hierzulande aber herrsche nicht selten die im Ausland belächelte "german kulturangst" vor Überfremdung.

Das sahen die Podiumsteilnehmer ähnlich. Tayfun Keltek, Vorsitzender des NRW-Integrationsrates, appellierte, die Vorteile der Einwanderung wie Zweisprachigkeit zu sehen. Doch woher kommt diese Angst?, fragte Moderatorin Asli Sevindim. Manfred Kock, einst Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, meinte: "Viele Deutsche wissen nicht, wer sie sind." Antonius Hamers, Leiter des Katholischen Büros NRW, brach eine Lanze für die Ureinwohner: "Ich bin überrascht, wie viele Menschen sich für Flüchtlinge engagieren."