Zum Welt-Autismus-Tag am 2. April

Die behinderte Joscha aus Bonn kämpft sich durch

Der Durchgang zur Schule ist für Joscha und ihre Mutter Sonja Röder frei. Hindernisse gibt es im Alltag gleichwohl genug.

Der Durchgang zur Schule ist für Joscha und ihre Mutter Sonja Röder frei. Hindernisse gibt es im Alltag gleichwohl genug.

Bonn. Die 15-jährige Bonnerin Joscha Röder ist behindert und hochbegabt zugleich. Sie setzt sich für flexiblere Formen der Inklusion ein und schreibt über ihre Erfahrungen eigene Berichte.

Als der Welt-Autismus-Tag am 2. April erstmals begangen wurde, war Joscha Röder vier Jahre alt. Heute, mit 15, wirkt sie nicht so, als sei sie auf weltweite Aktionstage angewiesen. Die junge Bonnerin ist Asperger-Autistin sowie körper- und sehbehindert. Das Gehen und Treppensteigen bereitet ihr sichtlich Probleme, sie hat Schwierigkeiten beim Sprechen und bei der Orientierung. Dass sie die Welt zweidimensional sieht, liegt an einer zerebralen visuellen Informationsverarbeitungsstörung – was beispielsweise dazu führt, dass Größenverhältnisse und Maße hoffnungslos verschwimmen.

So sehr sie all dies in ihren Bewegungsmöglichkeiten einschränkt, so wenig merkt derjenige etwas davon, der zunächst nur schriftlich mit Joscha kommuniziert. Zuletzt waren es beispielsweise Fernsehsender oder Politiker, bei denen sich die junge Bonnerin zu Wort meldete. Ihr Anliegen: Das System der Inklusion soll nicht nur auf dem Papier stehen; vielmehr sollten Menschen die reelle Chance haben, das zu lernen, was sie zu lernen imstande sind: „Auch Behinderte haben nicht nur Schwächen, sondern auch ihre Stärken“, sagt Joscha.

Autismus bedeutet viel Schatten und viel Licht

„Uns war sehr früh klar, dass Joscha eine besondere Begabung hat“, sagt Sonja Röder und berichtet vom frühkindlichen Interesse ihrer Tochter an Buchstabenkombinationen oder ihr gutes Erinnerungsvermögen. „Inselbegabung“ nennt man das Phänomen, das im Wortsinne viel Schatten und viel Licht bedeutet. Während Joscha in mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereichen hoffnungslos unterlegen ist, läuft sie sprachlich zur Höchstform auf. Und zwar derart, dass sie an ihrer Gesamtschule im Bonner Norden in Englisch zwei Klassenstufen überspringen, mit Französisch und Spanisch ausnahmsweise zwei zweite Fremdsprachen gleichzeitig beginnen und als Quereinsteigerin überdies am Lateinunterricht teilnehmen durfte. Das allerdings ändert kaum etwas daran, dass sich Joscha angesichts ihrer körperlichen Probleme in einer diffusen Zone zwischen Schwerstbehinderung und Hochbegabung bewegt – und damit nahezu jedes Schema verfehlt, welches die Inklusionspolitik bislang entworfen hat.

Ein Besuch in der Redaktion des General-Anzeigers: Joscha erzählt vom Schulalltag und jongliert munter mit Fremdwörtern. Sie wirkt fröhlich und lächelt, vermeidet aber Sichtkontakt. Und immer wieder setzt ihre Stimme kurz aus, weil sie Luft holen muss. Nur langsam kommt sie auf den Fluren voran – wegen ihrer motorischen Probleme ist im Alltag ein Schulbegleiter an ihrer Seite.

Autistin schrieb Brief an Greta Thunberg

Doch es sind nicht Barrierefreiheit und Blindenmarkierung, um die es der 15-Jährigen geht. Sie wünscht sich, ihre anerkannte Sprachbegabung ausschöpfen und ausbilden zu können. Denn mit dem anstehenden Wechsel in die Oberstufe fand das „Drehtürmodell“, das ihr den Unterricht in höheren Klassen ermöglicht hat, für sie sein Ende. De facto wurde sie zugunsten der Mathematik in ihren Paradefächern wieder zurückversetzt, weil ein Teilabitur für bestimmte Bereiche nicht vorgesehen ist. Ein Systemfehler, sagt Sonja Röder. Denn so werde Joscha vor Augen gehalten, was sie alles nicht kann, während ihr Talent nicht weiter gefördert werde. Zuweilen ist auch ihr die Belastung anzumerken, die die Gesamtsituation mit sich bringt. Denn neben der Schule ist einiges an Training erforderlich – damit Joscha irgendwann so kleine und lebenswichtige Ziele erreichen kann wie selbstständige Erledigungsgänge in der Nachbarschaft. „Wir kämpfen um jeden verdammten Mist“, bringt die Mutter die Herausforderungen des Alltags auf den Punkt.

Joscha begegnet ihrer Lage mit der Forschheit einer 15-Jährigen und hat sich an den Petitionsausschuss des NRW-Landtags gewandt. Sie beruft sich auch auf eine UN-Konvention zur Integration Behinderter, der zufolge jeder Mensch nach seiner Begabung und in seinem eigenen Tempo lernen dürfe. „Die Schulgesetze und Lehrpläne müssten diesem Anspruch auf Bildung angepasst werden. Das ist bis heute nicht umgesetzt“, argumentiert sie. Auch in Leserbriefen und Rundfunkbeiträgen macht die Bonnerin auf das bestehende Dilemma aufmerksam – und widerlegt so die verbreitete Annahme, Autisten seien stets isolierte Außenseiter. Damit teilt Joscha eine Gemeinsamkeit mit ihrer Altersgenossin Greta Thunberg. Die Initiatorin der Massendemonstrationen von Schülern zum Klimaschutz („Fridays for Future“) erhielt am Wochenende die „Goldene Kamera“ für ihren Einsatz. Es sei „sehr üblich, dass Menschen im Autismus-Spektrum ein besonderes Interesse haben“, erklärte sie kürzlich ihr Engagement.

So wundert es kaum, dass Greta eine Mail aus Bonn erhielt. „Politiker müssen handeln – und zwar jetzt, sofort. Auch die Schulministerien. Themen wie Klima und soziales Klima gehören zusammen“, schrieb Joscha an Greta. Dass mancher Rückschlag auch für Resignation gesorgt hat, merkt man Joscha manchmal an. Ein realistisches Ziel behält sie jedoch im Blick: später einmal Übersetzerin von Kinderbüchern zu werden.