Vermarktung des WCCB

Die Vereinten Nationen spielen die Hauptrolle

Den Funktionstest im neuen Kongresssaal des WCCB beobachten auch UN-Vertreter und Politiker.

Den Funktionstest im neuen Kongresssaal des WCCB beobachten auch UN-Vertreter und Politiker.

BONN. Der Testlauf mit 3000 Stadtmitarbeitern ist bestanden, die Feuertaufe steht bevor: Wenn Exekutivsekretärin Christiana Figueres am 1. Juni im World Conference Center Bonn (WCCB) die Vorbereitungskonferenz für den UN-Klimagipfel in Paris eröffnet, ist das eine Zäsur in der Stadtgeschichte.

5000 Tagungsteilnehmer aus aller Welt werden die ersten Nutzer eines Neubaus sein, der mit Unterstützung von Bund und Land für die Vereinten Nationen errichtet worden ist. Auf der Baustelle läuft der Endspurt.

Wenn alles fertig ist, verfügt die Stadt über ein attraktives Konferenzzentrum, ist Michael Kleine-Hartlage überzeugt. Als Geschäftsführer der städtischen Bonn Conference Center Management GmbH (BonnCC) ist er mit 30 Mitarbeitern für den Neubau und die Bestandsbauten (Plenarsaal und Wasserwerk) sowie die Beethovenhalle zuständig. Das neue WCCB hat variabel nutzbare Säle (siehe "Zahlen und Fakten") und moderne Konferenztechnik: "Die nächsten zehn Jahre ist das State of the Art", sagt Kleine-Hartlage. Als Alleinstellungsmerkmal habe das WCCB zudem den Plenarsaal: einen historischen Ort mit gläserner Architektur in schönster Rheinlage. Zwar darf dort nur veranstaltet werden, was der Würde des Hauses entspricht - so musste sich ein Skandal-Rapper vor einiger Zeit einen anderen Partysaal suchen. Aber die Kombination aus Bundestagsvergangenheit und zeitgemäßen Sälen hat Bonn exklusiv.

Kleine-Hartlage sieht die Vermarktungschancen deshalb "sehr optimistisch". Klar ist aber auch: Die erste Geige spielen die Vereinten Nationen. "Wir sind ein UN-Zentrum", stellt Kleine-Hartlage klar, "das schränkt die Möglichkeiten ein". Nach der Juni-Konferenz plant das Klima-Sekretariat zwei kleinere Tagungen im Herbst, bereits am 26. Juni gibt es eine Unesco-Konferenz. Im nächsten Jahr plant die BonnCC rund 50 UN-Veranstaltungstage ein, mittelfristig rechnet sie mit 70 Tagen im Jahr. Obwohl Kleine-Hartlage die guten Beziehungen auf Arbeitsebene betont - vor allem zum Klima- und zum Wüstensekretariat - wünscht er sich eine höhere Verbindlichkeit der Absprachen. Bisher kommt es vor, dass in Bonn vorgesehene Veranstaltungen dann doch ins Ausland verlagert werden. Ein Thema, das wohl die Bundesregierung mit den UN besprechen müsste.

Das dürfte auch für Rabatte gelten, die vor Jahren vereinbart worden sind. Nach GA-Informationen gewährt die Stadt den UN einen hohen Nachlass auf eine begrenzte Zahl von Veranstaltungstagen. Die BonnCC hält sich dazu bedeckt. Der Geschäftsführer sagt nur, dass die großen UN-Konferenzen "Umsätze im hohen sechsstelligen Bereich" brächten.

Neben den UN-Konferenzen peilt Kleine-Hartlage 50 bis 60 weitere Veranstaltungstage an, für die Kunden gesucht werden. "Eine Auslastung von 120 Tagen im Jahr gilt in der Branche als gut", unterstreicht der BonnCC-Chef, der zugleich Geschäftsführer der städtischen Vebowag ist. Ob das WCCB schon 2016 durchstartet, bleibt abzuwarten: Große Konferenzen brauchen etwa 1,5 Jahre Vorlauf. "Wir konnten bisher nicht liefern", gibt Kleine-Hartlage zu bedenken. "Vielen Kunden fehlte der Glaube, dass das Konferenzzentrum jetzt fertig wird." Extrem wichtig sei, dass das Hotel nebenan in Betrieb gehe. Investor Jörg Haas, der den Rohbau gekauft hat, plant die Eröffnung 2016. "Das wird uns einen Schub geben", so Kleine-Hartlage. Große Zimmerkontingente seien für Konferenzen zwingende Voraussetzung. Erst vorige Woche habe ein Kunde eine Veranstaltung mit 1000 Gästen abgesagt, der 350 Betten gebraucht hätte. "Die waren in Bonner Hotels nicht zu kriegen."

"Wir haben schon viele Anfragen von Unternehmen und Verbänden", berichtet Christina Esser, Leiterin Veranstaltungsmanagement, Verkauf und Marketing. Die BonnCC arbeitet mit spezialisierten Agenturen zusammen, setzt auf direkte Kundenansprache, präsentiert sich im Juni auf dem Verbändetag in Berlin sowie auf Fachmessen in Barcelona im November und in München im Dezember. Das Marketingbudget soll von 300 000 auf 500 000 Euro im Jahr steigen. Man sei in Gesprächen mit Dax-Konzernen, deutet Kleine-Hartlage an, um deren Jahreshauptversammlungen ins WCCB zu holen. Auch große Ärztekongresse hat die BonnCC im Blick, setzt zudem auf das Land NRW, den Bund und die Bundesparteien als Veranstalter.

Städtischer Konferenzbetrieb ist ein Minusgeschäft. Wie hoch der Zuschussbedarf ausfällt: noch unklar. Kleine-Hartlage hofft, die bisherigen Umsätze von 4 bis 5 Millionen Euro jährlich zu verdoppeln. Er räumt aber ein, dass die Kosten an Dach und Fach sowie die Kreditkosten wohl "nicht mit dem Betrieb zu decken" sein werden. Ein Thema sei der hohe Energieverbrauch im Plenarsaal: Eine energetische Sanierung des Hauses, das dem Bund gehört, sei sinnvoll. Dafür könnte man die jährlichen Erträge der WCCB-Rücklage einsetzen, schlägt Kleine-Hartlage vor. Die 64,8 Millionen Euro des Bundes hat die Stadt angelegt; die Erträge sollen in Bauunterhaltung und Reduzierung des Betriebsdefizits fließen.

Komplizierter wird die WCCB-Vermarktung ab Ende 2016. Während der geplanten Sanierung der Beethovenhalle wird das Konferenzzentrum zwei Jahre lang zur Ausweichspielstätte für das Beethoven Orchester. Der große Saal soll dafür mit einer Nachhallanlage konzerttauglich gemacht werden. Die Technik, die laut Stadt rund 1,5 Millionen Euro kostet, ist noch nicht beschafft - die Stadtverwaltung hatte empfohlen, damit zu warten, bis endgültig entschieden ist, ob in Bonn ein Festspielhaus gebaut wird. Bleibt es bei den bisherigen Plänen will Kleine-Hartlage im WCCB Zeitfenster für Konzerte freihalten. Der Geschäftsführer: "Das Konferenzgeschäft darf dabei aber nicht geschädigt werden."

Zahlen und Fakten

  • Kapazität: bis zu 5000 Personen im Neubau und dem Alten Plenarsaal, 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, 1200 Parkplätze.
  • Varianten: Der größte Saal im Neubau (New York) misst 2540 Quadratmeter, bietet maximal 2820 Personen Platz (Reihenbestuhlung). Er kann durch mobile Wände geteilt werden: bei der Klimakonferenz zum Beispiel in zwei Plenumbereiche mit je 1300 Teilnehmern. Im ganzen WCCB-Komplex stehen 300 Raum- und Bestuhlungsvarianten zur Auswahl. Ein Hubboden im Hauptsaal ermöglicht eine ansteigende Bestuhlung, etwa für Konzerte.
  • Wasserwerk: Es bietet derzeit etwa 250 WCCB-Gästen Platz, wird Ende des Jahres aber der UN zur eigenen Nutzungen überlassen.
  • Catering: Die BonnCC hat einen mehrjährigen Vertrag mit der Firma Broich aus Meerbusch geschlossen.

Reaktionen zum WCCB

  • Dorothee Dzwonnek, Generalsekretärin Deutsche Forschungsgemeinschaft: "Das WCCB kann eine sehr positive Rolle spielen, für Bonn und den Konferenzstandort generell - ganz speziell auch für die vielen Einrichtungen der Wissenschaft und der UN. In New York haben wir gerade mit der United Nations University eine Konferenz über den Beitrag der Wissenschaft zu künftigen globalen Nachhaltigkeitszielen durchgeführt. Konferenzen wie diese, aber auch große wissenschaftliche Tagungen könnten künftig im WCCB stattfinden. Auch für unsere eigenen großen Veranstaltungen wäre es ein denkbarer Ort, etwa für die Jahresversammlung."
  • Alexander Adler, Sprecher der Postbank: "Wir könnten uns vorstellen, die Jahreshauptversammlung künftig im WCCB abzuhalten. Das hängt von der technischen Ausstattung ab. Auch kleinere interne Tagungen wären dort möglich."
  • Dorothea Rüland, Generalsekretärin Deutscher Akademischer Austauschdienst: "Für den internationalen Wissenschafts- und UN-Standort ist das WCCB ein großer Schritt nach vorn. Der DAAD bringt jährlich viele tausend internationale Gäste aus Wissenschaft und Politik nach Bonn. Das WCCB schließt eine große Lücke, denn bislang war es schwierig, für große Teilnehmerzahlen adäquate Veranstaltungslogistik zu finden. Das WCCB bietet uns neue Möglichkeiten für Stipendiatentreffen, Alumniveranstaltungen und Fachkonferenzen. Dadurch erschließt sich ganz neues Potenzial für Vernetzung und gemeinsame Aktivitäten mit internationalen Akteuren vor Ort."
  • Anne Motz, Sprecherin Deutsche Post DHL Group: "Für uns ist ein neuer Konferenzstandort, noch dazu in unmittelbarer Nähe zum Post Tower, eine attraktive und praktische Möglichkeit, dort größere Veranstaltungen zu organisieren. Konkrete Planungen existieren noch nicht, wir sind jedoch in ersten Gesprächen und haben uns die neuen Konferenzräume schon angeschaut."
  • Enno Aufderheide, Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung: "Der neue Saal wird die UN-Stadt stärken, weil er große internationale Treffen wie die kommende Klimakonferenz ermöglicht. Aber auch für andere Veranstalter wird Bonn als Konferenzstandort mit modernster Technik noch attraktiver werden. Mit unserer größten Veranstaltung, der Jahrestagung mit über tausend Teilnehmern, sind wir traditionell in Berlin beim Bundespräsidenten zu Gast. Aber für kleinere Veranstaltungen ist das WCCB für uns prinzipiell interessant."
  • Andreas Archut, Sprecher der Universität Bonn: "Aus unserer Sicht ist das WCCB hervorragend für große Fachkongresse geeignet, die bislang aufgrund des limitierten Platzangebots nicht möglich waren, etwa die Jahreskongresse der großen internationalen Fachgesellschaften der Medizin. Erste Überlegungen hierzu gibt es, auch mit Blick auf das 200-jährige Universitätsjubiläum 2018."