40 Jahre RAF

Die Suche nach der bleiernen Zeit

Bonn. Der Bonner Ereigniskanal Phoenix geht in einer Themenreihe ungeklärten Fragen zur Roten Armee Fraktion nach. Viele Spuren kreuzen sich in der früheren Bundeshauptstadt und ihrer Umgebung

Die Balkonfenster wirken blind, und auch in anderer Hinsicht gibt es an der Königswinterer Rheinallee auffälligere Häuser als die Villa an der Ecke zur Von-Weiß-Straße. Nichts deutet darauf hin, dass das Gebäude vor 25 Jahren zum Ausgangspunkt eines veritablen Politikums wurde. Von hier aus schossen am 13. Februar 1991 unbekannte Täter auf die gegenüberliegende amerikanische Botschaft.

Der Zwischenfall ist einer von zahlreichen Aspekten in einer Reihe, die der Bonner Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix unter Ägide von Historiker Guido Knopp derzeit über die Rote Armee Fraktion (RAF) vorbereitet. In den vergangenen Tagen wurde an Originalschauplätzen in Bonn und der Region gedreht. In der früheren Bundeshauptstadt und ihrem Umland kreuzen sich zahlreiche Spuren, die die Linksterroristen in der „bleiernen Zeit“ hinterließen.

So also auch in Königswinter, wo eine gewisse Daniela Klette in einem Fluchtwagen DNA-Spuren hinterlassen hat. Während das Bundeskriminalamt bis heute nach der heute 58-jährigen Frau fahndet, ist im Fall des Anschlags auf die US-Botschaft immerhin so viel sicher: Rund 200 Geschosse aus einem Sturmgewehr G 1 peitschten an jenem Aschermittwochabend 550 Meter weit über den Rhein. Verletzt wurde zwar niemand. Dass die Wirkung der Schüsse – auch auf diese Distanz – tödlich gewesen wäre, bestätigte dieser Tage der Waffenexperte Jerome Soigné im Interview mit Michael Krons, der die Phoenix-Sendereihe als Leitender Redakteur begleitet. Allerdings, so Krons, sei es den Terroristen offenbar eher darum gegangen, Aufmerksamkeit zu erregen. Ein anderes Opfer stand zu diesem Zeitpunkt mutmaßlich bereits auf ihrer Liste: Sechs Wochen später wurde mit derselben Waffe in Düsseldorf Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder ermordet.

„Auch nach vier Jahrzehnten gibt es im Zusammenhang mit der RAF noch viele Details, die nicht geklärt sind“, sagt Michael Krons. Mehr als auf den einen „Sensationsfund“ setze das Team auf viele kleine Puzzlesteine, die bei der Recherche hervorgespült werden sollen. Tiefes Bohren in den Akten der DDR-Staatssicherheit gehöre etwa dazu, um der Frage nachzugehen, in welcher Weise man in Ost-Berlin über das Treiben der RAF informiert oder gar in es involviert war. Doch auch der bundesdeutsche Verfassungsschutzes wird von dem Rechercheteam auf Kontakte zu den Terroristen untersucht. Krons selbst hat dazu Personen befragt, die von dem damaligen Geschehen höchst persönlich betroffen waren. So befragte er das Ex-RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo ebenso wie Julia Albrecht. Ihre Schwester Susanne Albrecht war in besonders perfider Weise an der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto beteiligt – indem sie als Freundin der Familie für die Terroristen als „Türöffnerin“ wirkte.

Natürlich, sagt Krons, erhoffe man sich von der Arbeit neue Erkenntnisse. „Zunächst aber tragen wir mal zusammen, welche Fragen bis heute offen sind“, ergänzt Guido Knopp. „Man lernt in jeder Minute bei diesen Dreharbeiten hinzu“, sagt Knopp, als er nach einer Sequenz mit dem Team am Rheinufer entlanggeht. Per Zeitungen, Radio und in Sozialen Netzwerken hatte Phoenix in den vergangenen Wochen nach Menschen gesucht, die im Rheinland von dem RAF-Terror betroffen waren oder zu Augenzeugen wurden – und das offenbar mit großem Erfolg, wie der Sender meldet: „Bereits jetzt haben sich viele Zeitzeugen auf unseren Aufruf gemeldet.“

Über das ganze Jahr hinweg beleuchten hochkarätige Dokumentationen, Diskussionen und Gesprächssendungen die Thematik. Los geht es am kommenden Sonntag, 8. Mai, mit dem Thema „40 Jahre: Selbstmord Ulrike Meinhof“. Der zweite Thementag ist angesetzt für den 3. Juni: „25 Jahre: Verurteilung Susanne Albrecht“. Alle Informationen zum Phoenix-Jahresschwerpunkt bündelt die Internetseite raf-terror.phoenix.de.