Die Millionenfalle, Teil 46

Meist stolpern die großen und cleveren Gauner über klitzekleine Kieselsteine. Mit einer Kleinanzeige in der Rubrik "For Sale" versuchte Dr. Man-Ki Kim eines seiner drei Häuser im US-Bundesstaat Virginia zu verkaufen. Und die lieferte gleich die genaue Adresse: Ort, Straße, Hausnummer. Da ließen sich die hartnäckigen Bonner Ermittler nicht zweimal bitten. Zugriff - mit dem Segen der amerikanischen Behörden.

Meist stolpern die großen und cleveren Gauner über klitzekleine Kieselsteine. Mit einer Kleinanzeige in der Rubrik "For Sale" versuchte Dr. Man-Ki Kim eines seiner drei Häuser im US-Bundesstaat Virginia zu verkaufen. Und die lieferte gleich die genaue Adresse: Ort, Straße, Hausnummer. Da ließen sich die hartnäckigen Bonner Ermittler nicht zweimal bitten. Zugriff - mit dem Segen der amerikanischen Behörden.

Damit erfüllt sich Anfang 2011 eine Hoffnung der Staatsanwaltschaft. Eine Übersetzerin wird in die Justizvollzugsanstalt Köln reisen. Offene Frage: Englisch oder Koreanisch? Nicht offen ist, wer dann antworten muss: Kim. Doch das blieb monatelang nur eine Hoffnung.

Der ehemalige Präsident von SMI Hyundai Corporation (Reston/USA), der von der Stadt Bonn ausgewählte "Investor" für den Bau des World Conference Center Bonn (WCCB) und der Geschäftsführer der - inzwischen insolventen - UN Congress Center Bonn GmbH (UNCC/Bauherr), war hinter dem US-Schutzzaun abgetaucht. Der Südkoreaner hatte die US-Staatsbürgerschaft beantragt.

Und dann, sollte Kim Amerikaner werden, wäre aus dem Zaun eine Mauer geworden - für die Bonner Ermittler. Nun hat Kims Schutzzaun doch ein Loch bekommen: Er wird von den USA ausgeliefert, nachdem er, so GA-Informationen, die Behörden dort dreimal angelogen hatte.

Der "Glücksfall für Bonn", wie es die ehemalige Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann beim Spatenstich im November 2006 formulierte, kommt damit "back home" in eine Stadt, deren obere Heeresleitung ihm alles zutraute - den verantwortungsvollen Umgang mit Steuerzahler-Millionen, das Bauen des WCCB und schließlich sogar einen WCCB-Betrieb ohne städtischen Zuschuss. Kurz- um: die Erfüllung aller Bönnschen Träume. Nun kehrt der "Glücksfall" in Handschellen heim: Was für eine Fehleinschätzung, was für eine ungeahnte Entwicklung in einer bisher schon unglaublichen Geschichte.

Unglaublich: Ein Investor ohne Geld, eine Briefkastenfirma mit einem konzernhaft anmutenden Homepage-Auftritt, erhält mehr als 100 öffentliche Millionen in die Hand. Nicht nur Indizien, sondern handfestes Geschäftsgebaren, wie es der WCCB-Report des Rechnungsprüfungsamtes (RPA) nahelegt, provozieren den Verdacht, dass Kim und Helfershelfer zwei Ziele hatten: Einerseits UNCC-Anteile weltweit verhökern, zum anderen die "fette Made" WCCB zerlegen und mit einem Großteil der Scheiben die Tochter-Briefkästen in Dubai, Libyen und Irak versorgen.

Was bisher geschah

Bonn will sich als UN-Stadt profilieren und beschließt 2003 den Bau eines Kongresszentrums (WCCB). Es folgen Investorenauswahlverfahren und Projektvertrag. Partner der Stadt wird Ende 2005 die SMI Hyundai Corporation (Reston /USA); sie ist auch alleiniger Gesellschafter der UN Congress Center Bonn GmbH (UNCC/Bauherr). Das Projekt soll inklusive eines Hotels mit 350 Zimmern 139 Millionen Euro netto kosten.

Der Bund schenkt das Grundstück, das Land gibt einen 36-Millionen-Zuschuss und die Sparkasse einen über die Stadt abgesicherten Kredit letztlich 104 Millionen. Der Investor kann jedoch die vereinbarten 40 Millionen Eigenkapital nicht nachweisen. Nach dem Spatenstich gerät das WCCB durch eine ominöse Baukostenexplosion in Schieflage, ohne dass das öffentlich wird. Im Herbst 2009 Baustopp: Einer Verhaftungs- folgt eine Insolvenzwelle. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Auch darf ein drittes Ziel vermutet werden: die Steigerung des privaten monetären Befindens. Im Umkehrschluss bedeutete das für Bonn zwangsläufig: Nur so viel Bauwerk entstehen lassen, dass alle Betrachter glauben, hier entsteht ja doch etwas. Was am Rhein wirklich verbaut wurde, steht indes weiter in den Sternen, heißt etwas umständlich "Bautenstandsfeststellung" und ist heute ein Streitpunkt bei den zähen Heimfall-Verhandlungen.

Die Aussicht auf Kims Heimkehr dürfte kaum jene Personen erfreuen, gegen die bisher ermittelt wird. Bricht jetzt das große Zittern aus? Naheliegend, dass ihre Aussagen bisher dem Motto "Der war's" folgten - der, der weit weg ist, der vermutlich nie darüber aussagen können wird, ob er "es" wirklich allein war.

"Es" bedeutet: Über die Baukasse für Deutschlands zweitgrößtes kommunales Infrastrukturprojekt das Schild "Selbstbedienungsladen" hängen und so das Zukunftsprojekt in den Abgrund stoßen. Kims Verhaftung und seine absehbare Auslieferung werden bald alle WCCB-Ermittlungsverfahren beschleunigen, nachdem die anonyme Öffentlichkeit bereits im Internet am Schneckentempo der Staatsanwaltschaft herumgenörgelt hatte.

Dass Blender Kim sich als Unschuldslamm entpuppt, wäre hingegen eine falsche Erwartung. Sein aus chronischer Geldnot geborenes wildes Treiben hat Bonn immerhin einen der kompliziertesten Insolvenzfälle Deutschlands hinterlassen, indem er (der GA berichtete) das WCCB in der Finanzwelt wie Sauerbier Haien und Heuschrecken anbot. Kims abenteuerliche Handlungen zwischen Zypern und Hawaii führen heute bis ins Grundbuch und erschweren eine Heimfall-Einigung.

Der Bürger darf gespannt sein. Er steht vor einer klammen Stadtkasse, liest oft etwas von "Giftlisten" und "Grausamkeiten", weil Bonn sparen muss. Dabei hat das WCCB noch gar nicht die Finanzpläne belastet. Läuft alles schief, könnte Kims Husarenstück Bonn eines Tages sogar die politische Gestaltungsfreiheit kosten. Nothaushalt: Das Gespenst wurde erstmal verscheucht, aber nicht auf Dauer vertrieben.

Nach dem 475-seitigen WCCB-Report des RPA war Kim auch ein Meister der großen Versprechen. Meist griff seine rechte Hand, Anwalt Ha-S. C., zur Feder, um der Stadt langatmig zu erklären, an welcher Transaktion zwischen Neuseeland und Indonesien Kim gerade bastelte, um Millionen für Bonn zu besorgen. Alles Nebelschwaden. War diese Duldung fröhlicher Versprechen über Monate Ausdruck von Naivität, von Hilflosigkeit, von Angst vor einer öffentlichen Blamage oder einfach nur Untreue?

Antworten darauf erklären nicht, warum in Bonn überhaupt Adler, Löwen und Tiger fündig wurden. Die Philosophie von Kims "Company" hatte C. einmal so erklärt: Die Adler fahnden weltweit nach mit öffentlichen Millionen vollgepumpten Projekten. Klingt alles vielversprechend, nehmen vor Ort die Löwen "die Jagd nach dem Projekt auf". Gibt es weiter positive Signale, werden die Tiger losgelassen, um das Projekt endgültig an Land zu ziehen.

Kim spielte in der Adler-Löwen-Tiger-Fabel eher den "Bonner Löwen". Eloquent und einfühlsam startet er 2005 in die Befindlichkeiten vor Ort: "I love Beethoven" oder "Ich bin ein Bonner" sind zwar Sätze aus der eher trivialen Psycho-Schublade, aber sie wirken. Noch mehr wirkt Kim vor dem Mikrofon. "Die Firma ist der Körper", sagt er, die Mitarbeiter seien wie "Federn eines Körpers". Eine asiatische Metapher, die Bonner zu verstehen glaubten.

Gleichwohl hatte C. vorgesorgt: Sollte Kims Löwentheater nicht überzeugen, würde Michael Thielbeer, der Rechtsanwalt und "unabhängige" Investoren-Auswähler der Stadt, mit seinen vermeintlich objektiven Expertisen Bonn schon in die Arme des Briefkasten-Konzerns treiben.

Betrug, Bestechung und Bestechlichkeit gelten im asiatischen Kulturkreis eher als Kompass für gelebte Cleverness. Man gibt, man nimmt. Leistung und Gegenleistung.

Solcherlei Beziehungs-Regelkunde ist dem rheinischen Klüngel nicht fremd. Aber in China und Korea werden die Listen, die sogenannten Strategeme, professioneller angewendet. Bei völliger Aussichtslosigkeit empfiehlt das - letzte - Strategem Nr. 36: "Weglaufen ist das Beste." Nicht, dass Kim es nicht beachtet hätte, aber nun hat das Auslieferungslasso ihn unerwartet eingefangen.

Was wird Kim aussagen? Das Tischtuch zum WCCB-Bauchef Young-Ho Hong, Freund von C., ist zerschnitten. Wen wird er belasten? Wen aus der WCCB-Stadtspitze? Der Herr des verunglückten Masterplans wird, das ist sicher, ein Strategem zur Hand haben, das einen Ausweg weist. Oder auch nicht.