Gewaltbereites Milieu

Die Kugeln galten den Fist Fightern

Bonn. In der Bonner Unterwelt brodelt es. Pistolenschüsse, Drohungen, Mordaufruf im Internet – und immer wieder geht es um den Boxclub Fist Fighter, den die Polizei als rockerähnliche Gruppierung einstuft. Die Schüsse, die in der Nacht zum 16. März auf einen unbeteiligten Autofahrer in Lannesdorf abgefeuert worden sind, galten den Fist Fightern, wie sich jetzt herausstellt.

Nach der Schießerei vor der Innenstadt-Bar Take Two war es das zweite Mal binnen eines Jahres, dass Gegenspieler der Fist Fighter auf offener Straße zu scharfen Pistolen griffen. Dass die Kugeln niemanden ernsthaft verletzten, grenzt an ein Wunder.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war am Nachmittag eine Gruppe von Männern vor einem Haus in Bad Godesberg aufmarschiert, in dem mehrere Albaner wohnen. Sie sollen sich lautstark als Fist Fighter zu erkennen gegeben haben. In der Nacht stand einer der Albaner (32) mit weiteren Männern an einem Discounter an der Drachenburgstraße. Einem Autofahrer (30) kam die Gruppe verdächtig vor, weshalb er wendete und in die andere Richtung davonfuhr. Das alarmierte den Tatverdächtigen: Der Wagen des Opfers wurde verfolgt und auf der Deutschherrenstraße ausgebremst. Einer der Angreifer – wohl der 32-Jährige – soll ausgestiegen sein und viermal geschossen haben. Die Projektile durchschlugen die Frontscheibe sowie die Fenster an der Fahrer- und Beifahrerseite. Umherfliegende Glassplitter verletzten den 30-Jährigen leicht.

Nachdem die Polizei in Tatortnähe mehrere Verdächtige festgenommen hatte, stellte sich der mutmaßliche Schütze am übernächsten Tag und übergab auch die Waffe. „In seiner Aussage sprach er von einer Verwechslung“, erklärt Oberstaatsanwalt Robin Faßbender. „Er habe geglaubt, in dem Auto einen Mann aus der Gruppe der Fist Fighter vor dem Haus erkannt zu haben.“ Gegen den 32-Jährigen erging Haftbefehl wegen versuchten Totschlags – den ein Richter aber außer Vollzug setzte.

Kugeln trafen ins Bein

Warum die Albaner sich mit den Fist Fightern streiten, ist unklar. Die Schießerei vor dem Take Two am 27. März 2015 hat dagegen wohl mit der geplanten Gründung eines Rockerclubs in Euskirchen zu tun. An diesem Abend hatten sich Fist Fighter auf der Rathausgasse mit drei arabischen Brüdern und deren Familienclan geprügelt. Mehrere Männer aus dieser Gruppe sollen dabei mit Pistolen geschossen haben, eine Kugel traf Fist-Fighter-Boss Konstantin „Costa“ S. ins Bein. Auslöser des Streits nach Angaben aus Kreisen des Boxclubs: Die United Tribuns hätten in Euskirchen ein Chapter (Regionalclub) gründen wollen, in das einer der drei arabischen Brüder aus Bonn eintreten wollte. Mit seinen Kontakten in die Rocker-Szene habe Fist-Fighter-Präsident Costa S. das verhindert, weil der Araber seinem Club gegenüber respektlos aufgetreten sei. Der Versuch, den Streit zu klären, sei eskaliert.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch gegen die drei arabischen Brüder, musste sie aber aus der Untersuchungshaft entlassen. Das Problem der Ermittler: Costa S. als geschädigter Zeuge will nicht aussagen (siehe unten). Das würde gegen den „Kodex“ verstoßen, heißt es bei den Fist Fightern. Drei Vernehmungstermine hat Costa S. platzen lassen, jetzt droht ihm polizeiliche Vorführung – und womöglich Beugehaft, sollte er die Aussage verweigern.

Ex-Mitglieder riefen zum Mord auf

Nach der Schießerei auf der Rathausgasse gerieten auch die Fist Fighter unter Druck. Die Polizei nahm „Gefährderansprachen“ vor und besuchte Clubmitglieder auf deren Arbeitsstellen. Die Bruderschaft hat ihr Clubhaus in Euskirchen und sucht jetzt ein Quartier in Bonn. Costa S. will demnächst wohl nicht mehr als Präsident auftreten, sondern im Hintergrund mitmischen. Denn der 37-Jährige scheint viele Feinde zu haben. So riefen kurdische Ex-Mitglieder der Godesberger Straßenbande Black Jackets aus dem Gefängnis heraus auf einer Facebookseite dazu auf, ihn zu töten. Die Staatsanwaltschaft hat dazu ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Auch mit den Bandidos hatte Costa S., der einen guten Draht zu den Hells Angels pflegt, schon Stress. 2015 soll ihn ein Bonner Bandido in einer Shisha-Bar mit einer Pistole bedroht haben. Nach GA-Informationen handelt es sich dabei um einen 27-Jährigen, der seit Dezember in Untersuchungshaft sitzt – wegen Attacken auf die Hells Angels in Aachen.

Auch wenn die Ermittlungen noch laufen: So etwas wie einen „Rockerkrieg“ sieht Oberstaatsanwalt Faßbender in Bonn keinesfalls: „Das sind Auseinandersetzungen zwischen Männern aus dem Milieu, die eine geringe Hemmschwelle haben, brutale Gewalt anzuwenden.“