Verkaufsstätte in der Nordstadt Die Kioskkultur in Bonn stirbt aus

Ulrich Peters in seinem Kiosk

Bonn. Die Zahl der kleinen Verkaufsbuden nimmt stetig ab. Auch Ulrich Peters stellt in seiner Verkaufsstätte in der Nordstadt einen Wandel fest. Aber er hält sich - weil er sein Angebotsspektrum immer weiter ausbaut.

Dicht gedrängt stehen rund 30 junge Menschen in der Schlange. Kleine Gruppen stehen zusammen und unterhalten sich angeregt. Einige sitzen an runden Tischen. Die Luft ist durchzogen von Zigarettenrauchschwaden, es nieselt leicht. Ein Bonner Morgen, der am Anfang der Schlange weit weniger trist aussieht. Belegte Brötchen mit verschiedenen Wurst- und Käsesorten wandern ebenso wie gefüllte Kaffeebecher im Sekundentakt über die hell ausgeleuchtete, kleine Verkaufstheke im Kiosk Peters. Anders als draußen auf dem Vorplatz ist es hier angenehm warm, der Duft von frischem Kaffee und Backwaren liegt in der Luft.

Es ist kurz nach halb zehn und Pausenzeit in den Berufsschulen, die unweit des kleinen Ladens liegen. Für Kioskbetreiber Ulrich Peters und seine Mitarbeiter Akkordarbeit und die lukrativste Zeit des Tages. Der Tag beginnt für den 59-Jährigen bereits Stunden früher. Um 4.45 Uhr klingelt der Wecker. Dann geht es auf direktem Wege in den Kiosk an der Kölnstraße in der Nordstadt, der seit 1979 so etwas wie sein zweites Zuhause ist.

Um 6 Uhr öffnet er. „Ich wollt's eigentlich nie machen“, erzählt der gelernte Stahlbauschlosser. „1970 hat mein Vater den Kiosk aufgemacht, und da habe ich früh gemerkt, dass Familien- und Privatleben damit nicht wirklich möglich sind. Das ist ein knüppelharter Job.“ Als sein Vater schwer erkrankte, kam der groß gewachsene, schmale Mann im Oktober 1979 schließlich doch in den Kiosk und führt ihn bis heute.

Büdchen, Späti oder Trinkhalle

Zu seinen ersten Kunden gehört an diesem Morgen um kurz vor 7 Uhr ein 20-Jähriger, der seinen Namen nicht nennen will. Ruhig, fast noch etwas schläfrig, greift er nach seiner Kaffeetasse. Peters kennt ihn: „Ist ein geselliger Mensch. Keiner, der nach innen lacht“, sagt er über den Berufsschüler, während er die Regale mit frischer Ware auffüllt – Schokoriegel, Gummibärchen, Schulbedarf. Der Kiosk, auch Büdchen, Späti oder Trinkhalle genannt, hat seinen Glanz von einst verloren.

Die Kioskkultur steht am Scheideweg. „Die Zahl der Kioske nimmt kontinuierlich ab. In den letzten zehn Jahren verschwanden schätzungsweise 2000 Standorte“, sagt Olaf Roik, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik beim Handelsverband Deutschland (HDE). Noch schätzungsweise 23 000 Kioske gebe es in Deutschland. Wie viele es in Bonn gibt, kann nicht genau beziffert werden: „Das hier geführte Gewerberegister gibt nämlich keinen Aufschluss, da es weder gewerberechtlich noch in Bezug auf die Ladenöffnungszeiten einen Unterschied macht, ob es sich tatsächlich um einen Kiosk oder um einen sonstigen Einzelhandel handelt“, teilt Stefanie Zießnitz aus dem städtischen Presseamt mit.

„Die Zeiten haben sich verändert“, sagt auch Peters nachdenklich. „Früher standen hier samstags früh um halb sechs die Kunden vor der Türe, weil sie wegen der Anzeigen die Zeitung schnellstmöglich haben wollten. Heute kommen am Samstag nur noch Stammkunden“, ergänzt er. „Ich glaube zwar, dass es den Kiosk an Hotspots wie etwa am Bertha-von-Suttner-Platz immer geben wird, aber der klassische Kiosk stirbt aus.“ Guten Gewissens könne er heute daher niemandem mehr raten, einen Kiosk zu eröffnen.

„Kioske stehen in Konkurrenz zu den Convenience-Angeboten etwa in Tankstellen und Bahnhöfen, aber auch im klassischen Lebensmitteleinzelhandel. Der Convenience-Markt ist heute deutlich vielfältiger, als noch vor einigen Jahren“, erklärt Roik. Peters, der seit 1988 im Kiosk von seiner Frau Marina unterstützt wird und außerdem auf sechs Aushilfen zählen kann, merkt auch, dass Bäckereien früher öffnen. Dennoch baut er auf Backwaren: „Wir leben von belegten Brötchen und Getränken.“

Der Standort an den Berufsschulen ist ein Pfund

Im Bonner Norden ist sein Laden eine Institution. „Das ist mehr als nur ein Kiosk. Wenn man einen Handwerker oder Hilfe braucht, geht man zum Uli. Der kennt 'se alle“, sagt der 73-jährige Stammkunde Walter Janas, der schon seit 1970 kommt. „Einfach ein herzensguter Mensch. Wo gibt es so was heute noch?“, ergänzt Hansi Buchmüller, während er ein belegtes Brötchen frühstückt. Der 49-jährige Parkettleger kommt seit 31 Jahren jeden Morgen vor Dienstbeginn in den Kiosk. „Das ist quasi Tradition!“ Die Kunden schätzen Peters' lockere, humorvolle Art. Ein „Sie“ in der Ansprache hört man hier nur selten. Zum Kaffee gibt es einen flotten Spruch gratis dazu.

Der Standort seines Kiosks neben den Berufsschulen ist für Peters ein Pfund. Ein Pfund, das den Fortbestand seines Ladens bis heute sichert, den Vater zweier Kinder finanziell allerdings nicht vor Freude in die Luft springen lässt. Deshalb liefert er nebenbei Getränke und auch Brötchen aus. Zu seinen Kunden zählen urige Kneipen in der Bonner Altstadt dabei ebenso wie auch ein Kindergarten. „Mit Getränken und Kiosk kann man leben. Aber auch nur mit beidem gemeinsam“, erzählt Peters auf der Autofahrt zum nächsten Kunden in seinem weißen Mercedes-Sprinter.

Was der 59-Jährige indes schätzt, ist die Selbstständigkeit: „Ich kann selbst Entscheidungen treffen. Ohne Vorgesetzten“, erzählt er und reicht währenddessen einem Paketboten große wie kleine Kartons über die Verkaufstheke – der Kiosk ist gleichzeitig Paketannahmestelle. „Ich habe ein Gehalt von einem, arbeite für zwei und habe Arbeit für drei“, so der 59-Jährige.

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