Integrationskurse in Bonn

Deutsch in 600 Stunden

Im Integrationskurs: Die Teilnehmer werden ausschließlich auf Deutsch unterrichtet.

Im Integrationskurs: Die Teilnehmer werden ausschließlich auf Deutsch unterrichtet.

BONN. Flüchtlinge aus aller Welt lernen bei Anbietern in Bonn wie der Volkshochschule oder dem Bildunfsforum LernweltenDeutsch. Wer nicht regelmäßig teilnimmt oder oft zu spät kommt, erhält keinen Abschluss. Auf dem Lehrplan stehen auch Gesetze, Sitten und Bräuche der neuen Heimat.

„Heute haben wir aber ein komplexes Problem“, sagt Monika Strauß-Rolke zu ihren Schülern im Integrationssprachkurs des Bildungsforums Lernwelten. 20 Augenpaare schauen sie über Lehrbücher, Aufgabenzettel und Mineralwasserflaschen hinweg aufmerksam an. „Unser Problem heißt Präpositionen“, führt die erfahrene Deutsch-für-Ausländer-Lehrerin fort. Murmeln im Raum.

Die des Englischen oder Französischen mächtigen Neuankömmlinge haben kapiert, dass jetzt diese verflixten Verhältniswörter gelernt werden, die sich leider nie eins zu eins übersetzen lassen. Strauß-Rolke spricht unbeirrt Deutsch weiter, laut und jede Silbe betonend. In der gesamten Stunde dieses zehnmonatigen Kurses für ab 18-Jährige wird sie nur ein einziges nicht deutsches Wort zulassen: „easy“, das befreiende Signalwort, dass etwas in dieser fremden Sprache mal richtig einfach zu lernen ist.

„Wie heißen Orte in der Stadt?“ fragt die Lehrerin. „Der Bahnhof“, kommt prompt von Ali. „Die Bäckerei“, ruft Zarah. „Der Krankenhaus“, fügt ihr Nachbar hinzu. Strauß-Rolke korrigiert und hat bald jede Menge Material zusammen. „Wohin gehe ich mit meinem Paket?“, legt sie nun einen Gang zu. „In...“, beginnen einige zögernd. Die Lehrerin muss helfen: „Was ist der Akkusativ von »Post«?“ Flugs schreibt sie sämtliche Fälle an das Smartboard. Alle notieren die Angaben mit. Die Köpfe rauchen, bis Ahmed endlich das befreiende: „Ich gehe in die Post“ ruft. Was Strauß-Rolke mit einem „Es geht auch »zur Post«, »zu der Post«“ garniert.

Kurse für Analphabeten dauern 1200 Stunden

Leichtes Stöhnen im Raum. „Das ist zu schnell“, meldet sich Hamed. Und die erfahrene Pädagogin setzt erneut an. Glasklar kommen ihre Grammatikerklärungen. „Mit diesem Kurs macht es richtig Spaß. Die sind super motiviert“, wird sie hernach dem GA erklären. Die Gruppe befinde sich in der siebten Kurswoche. „Viermal die Woche fünf Stunden Intensivunterricht Deutsch: Das ist ein Fulltime-Job für sie und auch für mich.“

Das Bildungsforum Lernwelten baue in seinen aktuell 15 Integrationskursen à 600 Stunden auf eine 30-jährige Erfahrung auf, erläutert Fachbereichsleiter Edgar Köller. Man biete aber auch Analphabeten-Kurse mit jeweils 1200 Stunden an. Immer schon habe das Bildungsforum auch Flüchtlinge unterrichtet. „Der gravierende Unterschied lag jedoch darin, dass ihre Flucht bei Kursbeginn oft schon Jahre zurücklag. Sie waren soweit wieder gefestigt, um ihre Kurse konzentriert und erfolgreich abzuschließen“, erläutert Köller. Dagegen seien heutige Teilnehmer direkt nach der Flucht oft noch nicht lernfähig, so Köller. Das stelle an die hoch qualifizierten Kursleiter allerhöchste Anforderungen.

„Dabei können wir ihre Arbeit nicht annähernd angemessen honorieren und durch Festanstellung sozial absichern“, beklagt Köller die Konditionen des für Sprachkurse zuständigen Bundesamts. Bei 23 Euro pro Unterrichtstunde müsste die Förderung verdreifacht werden, um das vergleichbare Gehalt im Schuldienst zahlen zu können. Man biete jedem Neuankömmling einen geschützten Raum zur persönlichen Entwicklung. Man unterstütze ihn darin, sich im Alltag auch sprachlich zu orientieren, betont Köller.

„Wir stärken sein Selbstbewusstsein. Wir ermöglichen friedliche Begegnungen und den Austausch zwischen Menschen aus über 80 Kulturen und Völkern“, sagt Köller. Und man halte einen qualitativ hohen Standard, führe also in den Integrationskursen immer einen sehr hohen Anteil der Teilnehmer zum Ziel B1, also der selbstständigen Verwendung der deutschen Sprache.

Händeringend Lehrer gesucht

Das peilen auch pensionierte Deutschlehrer wie Hans Weingartz an, einer der vielen hilfsbereiten Bonner, die schon, als die Volkshochschule (VHS) im November 2015 händeringend Kursleiter suchte, ins kalte Wasser sprangen. „Vorher hatte ich mit meinen Schülern Gottfried Benn gelesen und den Konjunktiv geübt. Und jetzt saß ich vor 15 Flüchtlingen, die Arabisch konnten und bestenfalls ein paar Brocken Englisch, was aber bei der Verständigung nicht weiterhalf“, erzählt der ehemalige Gesamtschullehrer über diesen speziellen Kurs. Plötzlich mussten 19- bis 57-jährige gelernte Kellner, Mechaniker, Restaurantmanager, Taxifahrer oder Ingenieure üben, von links nach rechts zu lesen und zu schreiben. Fünfmal die Woche zeigte „Lehrer Hans“ ihnen, wie sie sich durchs Gestrüpp der deutschen Grammatik kämpfen konnten.

Neben dem guten Lehrbuch sei einer der Schüler ihm die größte Hilfe gewesen, blickt Weingartz zurück: Der Syrer übersetzte, wenn alle Stricke zu reißen drohten. „Die gegenseitige Hilfsbereitschaft war sehr groß.“ Mit der Pünktlichkeit nahmen es dagegen in diesem frühen Kurs eine ganze Reihe Schüler nicht so genau. Die Begründungen hätten gelautet: „Ich musste meine Tochter im Kindergarten abholen“ oder: „Ich hatte einen Termin im Sozialamt.“

Was sich inzwischen durch ein Regelwerk geändert hat, betont VHS-Chefin Ingrid Schöll. Regelmäßige Teilnahme und Pünktlichkeit würden eingefordert. „Bei Fehlzeiten gibt es keinen Abschluss. Die allergrößte Mehrzahl hält sich daran.“ Die Teilnehmer hätten mitgekriegt, dass es Sanktionen zur Folge habe, wenn sie nicht aktiv an der Integration mitarbeiteten. „Ich halte dieses Signal für sehr wichtig“, erläutert Schöll. „In der ersten Welle der Kurse war die Ernsthaftigkeit des Regelwerks noch nicht deutlich genug.“

Im Kurs von Monika Strauß-Rolke sind inzwischen Hausaufgaben verteilt. Nun stellen sich die 20 Teilnehmer den auf Deutsch gestellten GA-Fragen. Einige wollen ihr Studium in Bonn weiterführen, andere bald wieder als Optiker, Schreiner, Schneiderin, Kindergärtnerin, Regisseur, Fachverkäufer und auch als DJ arbeiten. „Ich bin Journalist. Hier in Deutschland will ich Sozialarbeiter werden – für Flüchtlinge“, meint Hamed. Seien denn die Bonner kühl und abweisend zu ihnen? „Nein, freundlich“, kommt einhellig zurück. „Viel besser als in Sachsen-Anhalt“, hat einer erfahren. Stöhnen im Raum. Wobei sie zugeben, dass sie über ihre Helfer und das Wohnheimpersonal hinaus kaum Kontakte zu Deutschen hätten aufbauen können. Ihre Kinder seien gestern aus der Schule gekommen, berichtet eine Frau schließlich. Die hätten da schon Freunde gefunden. „Und sie sagen zu mir: Mama, du sprichst einfach nicht gut Deutsch.“