Interview mit Harald Elster

Der Präsident des Deutschen Steuerberaterverbandes zur Steuerpolitik

KÖLN. Steuerflucht, Steuersünder, Steuerlücken, Steuererhöhungen, Steuerpläne - die Abgaben an den Fiskus füllen seit Monaten Schlagzeilen. Steuerberater setzen sich täglich mit der Praxis in Deutschland auseinander.

Mit Harald Elster, dem Präsidenten des Deutschen Steuerberaterverbandes und des Steuerberater-Verbandes Köln, sprach Julian Stech.

Deutsche Konzerne sparen laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hierzulande jährlich Milliarden Euro Steuern, weil sie weniger Vermögen ausweisen oder Gewinne ins Ausland verlagern. Inwieweit sind denn Steuerberater dafür verantwortlich, und was sagen Sie als Spitzenvertreter der Branche dazu?
Harald Elster: Wenn Gewinne aufgrund von Doppelbesteuerungsabkommen, die Deutschland mit anderen Ländern abgeschlossen hat, ins Ausland verlagert werden dürfen, ist es für die Unternehmen völlig legitim, diese Möglichkeiten auch in Anspruch zu nehmen. Ich wehre mich gegen den Vorwurf, wir Steuerberater seien hier die aggressiven Gestalter.

Aber Sie helfen den Firmen doch dabei...
Elster: Nach unserem Berufsrecht, aber auch nach höchstrichterlichen Urteilen sind wir dazu verpflichtet, unsere Kunden auf Lücken im Steuerrecht hinzuweisen. Wer das nicht tut, muss im Ernstfall Schadenersatz leisten. In einem Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf wurde ein Steuerberater zu Schadenersatz verurteilt, weil er seinen Mandanten nicht auf die Möglichkeit hingewiesen hatte, aus der Kirche auszutreten und damit Steuern zu sparen.

Vor allem Internet-Konzerne jonglieren mit ihrer Steuerpflicht rund um den Globus...
Elster: Ja, das ist richtig, und wir unterstützen hier auch die Forderungen der OECD zur fairen Besteuerung multinationaler Unternehmen. Ich glaube aber nicht, dass wir schon so weit sind, zu einer globalen Lösung zu kommen. In Europa funktioniert das gut, und kleine Länder wie Andorra, Liechtenstein oder die Schweiz lassen sich auch isolieren und unter Druck setzen. Aber in Asien oder Lateinamerika wird es ganz schwierig.

Viele Bürger empfinden die Möglichkeiten vor allem für große Konzerne, Steuerzahlungen zu vermeiden, als ungerecht.
Elster: Das sehen wir Steuerberater genauso. Aber hier ist die Politik gefordert, die Lücken zu schließen. Wir können einen detaillierten Punktekatalog vorlegen, was genau geschehen muss. Wir weisen in Gesprächen mit der Politik immer darauf hin, dass beispielsweise die Doppelbesteuerungsabkommen Lücken aufweisen. Das Ziel dieser Abkommen war, Unternehmen oder Beschäftigte, die im Ausland tätig sind, nicht doppelt zu besteuern. Resultat ist allerdings nicht selten, dass sie in keinem Land mehr Steuern zahlen.

Was muss denn da korrigiert werden?
Elster: Die Abkommen sollten so geändert werden, dass die Steuer da anfällt, wo die Arbeit erbracht wird beziehungsweise demjenigen Land die Steuer zusteht, das später die Rentenansprüche erfüllen muss.

Im Moment hat man eher den Eindruck, die Politiker drehen lieber weiter an der Steuerschraube - Grundsteuer, Gewerbesteuer, Grunderwerbssteuer - als darüber nachzudenken, wie sie das System gerechter machen könnten.
Elster: Ja, seit etwa zwei Jahren herrscht in punkto Steuerreformpläne Stillstand, weil niemand weiß, wie es geht. Einige fordern eine Vermögenssteuer, es ist aber völlig unklar, wie zum Beispiel Betriebsvermögen bewertet werden soll. Das Bundesverfassungsgericht hat ja schon einmal die Bewertungsgrundsätze für verfassungswidrig erklärt. Ich halte eine Vermögenssteuer wie überhaupt jede Form von Substanzbesteuerung für eine Katastrophe.

In welche Richtung müsste eine Steuerreform denn gehen?
Elster: Erträge stärker besteuern. Die Gewinnbesteuerung ist hierzulande sehr komfortabel, wir liegen da bei etwa 30 Prozent; 35 Prozent wären gerechtfertigt, auch im internationalen Vergleich. Das Gleiche gilt für die Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge: 25 Prozent sind zu wenig, 30 bis 32 Prozent wären angemessen ...

... wie sie die SPD in ihrem Wahlprogramm fordert. Also sind auch Sie für Steuererhöhungen?
Elster: Ich fordere auch Entlastungen. Die Steuern bei den arbeitenden Menschen müssen runter. Der Grundfreibetrag sollte erhöht werden.

Die Grünen wollen ihn im Fall eines Wahlsieges von 8130 auf 8700 Euro heraufsetzen, die Linkspartei fordert sogar 9300 Euro ..
Elster: ... und das ist noch zu wenig. Steuererhöhungen und die Energiewende treiben die Wohnkosten - ob für Mieter oder Eigentümer - derzeit massiv nach oben. Das können sich viele Haushalte nicht mehr leisten. Hartz-IV-Aufstockung und Wohngeldzahlungen nehmen zu. Aber diese Art von Umverteilung kann doch nicht die Lösung sein. Das ist der falsche Weg.

Wo müsste denn der Freibetrag liegen?
Elster: Mindestens 12.500 Euro pro Jahr sollten steuerfrei sein. Das klingt jetzt sehr hoch. Heruntergerechnet ergäbe das je nach Steuerklasse aber eine Entlastung von vielleicht 50, 60 Euro im Monat.

Steuerlücken, Steuerpläne, Steuersünder: Wie denken Sie über Fälle wie Uli Hoeneß? Werden prominente Steuersünder geschont
Elster: Ich kenne den Kollegen, der Hoeneß betreut, sehr gut, wir haben zusammen die Prüfung zum Wirtschaftsprüfer gemacht. Ich denke, dass er seine Arbeit gut macht. Wenn sich Hoeneß mit seinen Steuernachzahlungen in den gesetzlichen Grenzen bewegt und seine Selbstanzeige umfassend war, muss er nicht ins Gefängnis. Ich bin der festen Überzeugung, dass er vor Gericht nicht geschont wird, auch nicht in Bayern.

Über welche Steuer ärgern Sie sich persönlich am meisten?
Elster: Über die Gewerbesteuer, die mich selbst aber gar nicht betrifft. Die Kommunen haben riesige Angst, dass ihnen da Einnahmen verloren gehen, Tatsache ist aber, dass am Ende doch alles im gemeinsamen Topf landet. Die Gewerbesteuer ist ein riesiger bürokratischer Moloch, wo viele intelligente und gut bezahlte Leute hin- und her rechnen, ohne dass etwas Sinnvolles dabei herauskommt. Das kann man auch anders lösen.

Zur Person

Harald Elster (60) studierte in Köln Betriebswirtschaft und arbeitete bis Ende 1985 in einem mittelständischen Familienunternehmen, bevor er sich als Steuerberater selbstständig machte. Seit 2008 ist er Präsident des Steuerberater-Verbandes Köln, seit diesem Jahr auch Präsident des Deutschen Steuerberaterverbandes. Elster ist verheiratet und lebt in Reichshof im Bergischen Land. Er hat zwei Kinder, und in der Freizeit entspannt er beim Golfen.