Gespräch mit Eckart von Hirschhausen und Guido Cantz

Der Mensch kann sich nicht selber kitzeln

Oft im Rampenlicht: Guido Cantz (links) und Eckart von Hirschhausen haben in der Bonner Springmaus einen Witzeabend mitschneiden lassen, der jetzt als Hörbuch veröffentlicht worden ist.

Oft im Rampenlicht: Guido Cantz (links) und Eckart von Hirschhausen haben in der Bonner Springmaus einen Witzeabend mitschneiden lassen, der jetzt als Hörbuch veröffentlicht worden ist.

01.01.2016 Bonn. Wann zündet ein Witz, wann nicht? Eckart von Hirschhausen und Guido Cantz kennen sich mit Späßen aus. Ihr Publikum für Pointen und Hintergedanken fanden sie vor Kurzem in der Bonner Springmaus. Der Mitschnitt des Abends ist nun als Hörbuch erschienen. Der Erlös der CD geht an die Stiftung "Humor hilft heilen", die viele Projekte in der Region fördert, zum Beispiel im St. Marien-Hospital, dem Elisabeth-Krankenhaus und in Sankt Augustin. Mit den Comedians sprach Richard Bongartz.

 

"Kommt ein Einarmiger in ein Secondhand-Geschäft." Kann ich damit auf die Bühne?
Guido Cantz: Wenn das nicht der einzige Witz im Programm ist, kann man damit auch auf die Bühne gehen. Witze sind immer Geschmackssache.
Eckart von Hirschhausen: Gerade zur Eröffnung sind kurze Witze gut geeignet und vor allem leichter als komplexe. Mein absoluter Liebling in dieser Kategorie: Geht ein Indianer zum Friseur, kommt wieder raus, ist sein Pony weg...

Wie lange erzählt sich die Menschheit eigentlich schon Witze?
Cantz: Das kann ich leider nicht beantworten. Da sollten Sie Adam und Eva fragen.
Von Hirschhausen: Nein, David und Goliath! "Ein Junge fährt gemächlich mit seinem Fahrrad vor einer Straßenbahn her. Der Fahrer hupt und hupt, nichts passiert. Er macht das Fenster runter und brüllt: "Mensch Junge, kannst Du denn nicht woanders fahren?" Darauf der Junge: "Ich schon, aber Du nicht!" Der Ur-Witz der Menschheit ist die Geschichte von David gegen Goliath. Der mächtige Riese Goliath wird von dem körperlich unterlegenen David niedergestreckt mit seiner Schleuder. Geist gewinnt gegen Gewalt. Wir sympathisieren mit dem Schwächeren, der sich etwas einfallen lässt. Der ungehorsame Junge muss den Tramfahrer gar nicht in die Schranken weisen, da ist er schon.

Wie finden Sie als Comedian Fips Asmussen, der ist doch ein klassischer Witzeerzähler?
Von Hirschhausen: Er kann gut Witze erzählen, ohne Punkt und Komma. Aber das geht schnell auch auf den Geist, denn es kommt nicht nur auf die Pointe an, sondern auf den Kontext. Was an Witzeerzählern nervt, ist ihre völlige Ignoranz der Situation gegenüber. Was guten Erzählern gelingt: mit einer kleinen Geschichte, einem Zitat, einem Bild oder einer Metapher und vielleicht auch einem Witz beim Gegenüber eine gedankliche Umstrukturierung zu erreichen, dass der freiwillig die Perspektive wechselt. Wie der Betrunkene, der im Kreis sich um eine Litfaßsäule herumtastet und ruft: "Hilfe, ich bin eingemauert!" Für jeden Außenstehenden ist es offensichtlich, dass er sich nur umzudrehen bräuchte, um frei zu sein. Nur er hält an der scheinbar endlosen Wand und seiner "Weltsicht" fest.

Was gehört unbedingt zu einem guten Witz? "Eine Pointe" als Antwort zählt nicht.
Cantz: Mir gefallen Witze mit unvorhersehbaren Wendungen und das Timing, wie ein Witz erzählt wird, ist ganz wichtig.
Von Hirschhausen: Ich mag Witze, die in einer kleinen Geschichte das Grundprinzip menschlicher Psychologie deutlich machen, zum Beispiel dieser Witz, in dem jeder seine Sicht der Dinge für die richtige hält: Ein Mann hat sich verlaufen, kommt an einen Fluss und ruft dem Bauern auf dem Feld gegenüber zu: "Landmann, wie komme ich auf die andere Seite?" Und der ruft zurück: Du bist schon auf der anderen Seite."

Lustige Leute auf der Bühne sind im Privatleben ja oft zurückhaltend. Sind Sie da selbst Langweiler?
Cantz: Grundsätzlich bin ich ein fröhlicher Mensch. Die Tage, an denen ich schlecht gelaunt aufwache, kann ich an einer Hand abzählen.
Von Hirschhausen: Der Mensch kann sich nicht selber kitzeln. So wenig wie man sich selber Witze erzählen kann. Das wäre sehr schnell sehr langweilig. Aber mit einem guten Gegenüber langweile ich mich nie!

Lachen hält gesund, und Frauen leben länger. Brauchen wir mehr Herrenwitze?
Von Hirschhausen: Wir brauchen keine Herrenwitze, sondern viel mehr komische Frauen auf Bühnen und in der Öffentlichkeit! Denn es gibt viele sehr witzige Frauen. Die haben aber oft nicht automatisch den Drang, auf die Bühne oder ins Fernsehen zu gehen. Selbstüberschätzung ist zu einem gewissen Grade Teil seelischer Gesundheit. Und das fällt Männern leichter. Frauen sind mit sich und der Welt in der Regel viel kritischer. Das sieht man auch an dem Phänomen, dass Männer sich Frauen schön saufen können, andersherum funktioniert das nicht.

Worüber darf man keine Witze machen?
Von Hirschhausen: Es gibt einen feinen Unterschied zwischen "mit" jemandem lachen oder "über", eingrenzen und ausgrenzen. Harald Schmidt hat einmal sehr klug bemerkt: Wenn man keine Behindertenwitze erzählt, grenzt man sie erst recht aus. Und Tucholsky sagt: Satire darf alles. Ich würde ergänzen: nur nicht langweilen...

Wie sieht es mit Rohkrepierern aus? Fliegen die dann schnell aus dem Programm?
Cantz: In meinem letzten Comedyprogramm "Cantz schön clever" hatte ich einen Witz, den ich persönlich superlustig fand. Jeden Abend hatte ich den Ehrgeiz, dass er beim Publikum ankommt. Es war schon ein Running Gag mit meinem Tour-Team, ob es heute Abend klappt. Irgendwann musste ich dann einsehen, dass der Witz nicht funktioniert, und so ist er "unbelacht" aus meinem Programm geflogen.

Wann haben Sie das letzte Mal einen richtigen Lachkrampf samt Muskelkater gehabt?
Von Hirschhausen: Als Guido im Haus der Springmaus in Bonn an zwei Abenden hintereinander mich immer wieder mit neuen Geschichten und Wendungen verblüfft hat. Und wir entdeckten, dass wir beide ein und denselben Witz lieben, der beim Großteil des Publikums nicht zündet. Aber wir haben ihn trotzdem erzählt.

Wie geht der?
Von Hirschhausen: Das verrate ich nicht, aber er hat es bis auf die CD geschafft, das waren wir ihm schuldig. Ich sag' nur: "Umberto!"

Über wen können Sie am meisten lachen?
Cantz: Am meisten kann ich über meinen kleinen Sohn Paul lachen. Kinder kommen auf Sachen und Gedanken, die einem Erwachsenen nie einfallen würden.
Von Hirschhausen: Ich kann über viele lachen, etwa über Loriot, mein großes Vorbild, oder Hape Kerkeling. Und ich mag besonders komische Gedichte und Lieder, von Morgenstern, Ringelnatz, Tucholsky bis zu Gernhardt, Sebastian Krämer oder Bodo Wartke.

CD "Ist das ein Witz? Kommt ein Entertainer zum Arzt", der Hörverlag, 2015.