GA-Serie "Bonner Köpfe": Hans Peter Callsen

Der Mann fürs Handfeste

Bonn. „Die Leute machen heute viel zu wenig mit der Hand“, sagt Hans Peter Callsen. „Die wissen gar nicht, wie befriedigend das ist.“ Der 65-Jährige, der 1981 aus Schleswig-Holstein nach Bonn kam, muss es wissen.

Mit Ausnahme von vier Jahren, die er als Di-plom-Betriebswirt beim Kölner Finanzamt arbeitete, konnte er am Ende eines Tages immer in die Hand nehmen, was er geschaffen hatte. 40 Jahre lang sind mithilfe seiner Frau Marie-Luise Ledergürtel in der Kellerwerkstatt an der Husarenstraße entstanden, die mit ihren besonderen Schließen aus Messing, Bronze oder Eisen im Laufe der Zeit Abnehmer in Paris, Dublin oder Kopenhagen gefunden haben. Bis vor wenigen Jahren bereiste Callsen mit seiner Frau die großen Kunsthandwerkermärkte in Deutschland und Europa und genoss dabei das freie Leben eines Künstlers. Wobei er sich lieber als „Designer“ oder „Gestalter“ bezeichnet. „Frei wie der Wind“, sagt er nicht ohne Hintersinn.

Großvater und Vater Callsen waren beide Windmüller an der Schlei in Schleswig. Auch Hans-Peter kam in der Mühle von Söby zur Welt, in der er selbst auch schon einige Wochen arbeitete und dabei erfuhr, wie schwer die Arbeit seines Vaters war. „Doch wenn ich oben in der Mühlenkuppel saß, hatte ich das großartige Gefühl, weder im Himmel, noch auf der Erde zu sein“, erinnert sich Callsen und man glaubt herauszuhören, dass er den weiten Blick bis nach Eckernförde auf der einen und zum Leuchtturm von Kiel auf der anderen Seite ein wenig vermisst.

Wenn er heute aus dem Schlafzimmerfenster seines Bonner Hauses blickt, sieht er auf seine „Rheinvögel“. Eines seiner Werke, die er an der Einfahrt zur Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) aufstellen konnte. Etwa 100 Meter weiter findet sich am Ende der Husarenstraße mit „Die letzte Kugel der Husaren“ eine weitere Arbeit Callsens. Es reizt ihn, seinen Lebensraum mitzugestalten. So kam es auch zu seinem Vorschlag für den Trajektkreisel an der B 9. Sein „Götterfunken“ genannter Entwurf sah eine zehn Meter hohe Stahlfontäne mit bunten Kugeln an ihren Enden vor, die ein symbolhaftes „Feuerwerk“ der Lebensfreude darstellen sollte, was für manchen Bonner womöglich eine interessante Alternative zu dem inzwischen installierten „ARC '89“ von Bernar Venet hätte werden können. Doch die „Götterfunken“ fanden keine Beachtung der Auswahlgremien.

Hans-Peter Callsen mit einem Schmuckstück, das er als Neunzehnjähriger aus Hufnägeln herstellte.

Hans-Peter Callsen mit einem Schmuckstück, das er als Neunzehnjähriger aus Hufnägeln herstellte.

Nichtsdestotrotz warten zwei neue Entwürfe von Hans Peter Callsen auf die Bonner Kunstkommission, die sich am 6. März in nicht öffentlicher Sitzung mit seinen Skulpturen für den Mülheimer Platz beschäftigen wird. Der 65-Jährige möchte mit seinen Entwürfen „Zwei Kugeln“ und „Blume Blau-Gelb“ die „ungeordnete Vielfältigkeit“ rund um den Platz vor dem Haus der Bildung „beruhigen und harmonisieren“.

Dass Hans-Peter Callsen heute Objekte für den Öffentlichen Raum entwirft, war nicht absehbar, als er mit Hauptschulabschluss seine Lehre als Industriekaufmann bei der Kieler Howaldt-Werft antrat. In der Abendschule holte er zunächst seinen Realschulabschluss nach, später das Fachabitur, das ihm das Studium der Betriebswirtschaftslehre in Dortmund ermöglichte.

Doch zuvor „nagelte ich meine Lohnsteuerkarte an die Wand“, amüsiert Callsen noch heute die Erinnerung, wie er nach der Lehre alles hinschmiss, um es seinem Freund Dittmar gleichzutun, der mit selbst gemachtem Schmuck gutes Geld verdiente. Fortan verkaufte der damals 19-jährige ehemalige Industriekaufmann auf der Hamburger Reeperbahn Schmuck, den er anfangs nur aus Hufnägeln herstellte. „Auf der Werft verdiente ich damals 450 Mark im Monat, mit meinem Schmuck etwa 250 Mark am Wochenende“, freut sich Callsen noch heute über seinen Coup, der ihn jedoch weder von seinem späteren Diplom als Betriebswirt abhielt, noch von dem Wegzug aus Norddeutschland.

Immer auf der Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit ergriff er mit seiner Frau auch die Chance, das in Bonn-Castell geerbte Haus zu beziehen, wo er nun im 37. Jahr das Leben als Kunsthandwerker führen kann, von dem er schon in der Mühle an der Schlei geträumt hatte.