"Kandidaten braten" in Bonn

Der GA brachte Jugendliche und Direktkandidaten an einen Tisch

BONN. Viele Köche verderben den Brei? Den Gegenbeweis traten am Sonntag die Bonner Spitzenpolitiker von CDU, SPD, Grünen, FDP, Linken und Piraten an. Mit rund 20 Jugendlichen standen sie auf Einladung des General-Anzeigers zum "Kandidaten braten" am Herd in der Küche des evangelischen Jugendzentrums am Propsthof (JAP) und kochten gemeinsam ein Mittagessen.

So viel vorneweg: Das war richtig lecker. Und langweilig wurde es keine Minute. Denn genug Gesprächsstoff gab es auch. Kurz nach zwölf Uhr: Die JAP-Leiter Petra Lücking und Rainer Berghausen erteilen letzte Anweisungen. Akribisch haben sie mit den Jugendlichen den Tag vorbereitet.

Der Zeitplan ist eng. In zweieinhalb Stunden muss alles geschnibbelt, gekocht, gegessen und beredet sein. Die Kandidaten haben Anschlusstermine. Es ist nur noch eine Woche bis zur Wahl. Klaus Benndorf (Piraten) steht als erster in der Tür. Zur Begrüßung reicht Kai (17) ihm ein Glas Holunderlimonade.

Die Bundestagsabgeordneten der Grünen und Linken, Katja Dörner und Paul Schäfer, folgen. FDP-Landtagsabgeordneter Joachim Stamp vertritt Guido Westerwelle, der in Berlin weilt, und Claudia Lücking-Michel (CDU) wird von ihrer Wahlkampfleiterin Evelyn Höller mit dem Auto gebracht. SPD-Mann Ulrich Kelber trifft als letzter ein. Alle binden sich eine Schürze um.

Um punkt ein Uhr stehen die Kochteams bereit. Nudeln mit Bolognese- und Spinatsoße, dazu Salat und zum Nachtisch Sahnequark mit Obst: Bei dem Menü läuft allen das Wasser im Munde zusammen. Auch Höller. Sie darf bleiben. "Aber nur, wenn Sie mithelfen", sagt GA-Redakteurin Lisa Inhoffen, die die Veranstaltung moderiert.

Höllers "Chefin" und Benndorf sind für die Bolognese zuständig, die sie draußen auf dem Gaskocher zubereiten. "Meine 86-jährige Mutter", verrät der Pirat, "lebt in Bayern und findet die Piraten gefährlich." "Ich muss schon sagen, eine lebenskluge Frau", kontert Lücking-Michel, während sie mit einer Engelsgeduld die Bolognese rührt.

Andy (17) will wissen, warum die beiden in die Politik gegangen sind. Lücking-Michel berichtet von ihrem frühen Engagement bei der AK Nicaragua und für die Situation von Frauen. Als katholische Theologin fand sie 2004 in der CDU ihre politische Heimat. "Mich beschäftigte immer mehr die Frage, wie sehr das Internet die Gesellschaft verändert", erklärt Benndorf seine Motivation.

[kein Linktext vorhanden]Besonders hitzig sind die Diskussionen am Tisch des Teams Dörner/Stamp. Und das ganz ohne heiße Herdplatten: Die beiden Politiker und ihre jungen Helfer sind für Salat und Nachtisch zuständig. Antonio (16) wirft der FDP vor, durch ihre Schulpolitik hätten manche keine Chance. Stamp widerspricht heftig.

Als Dörner erzählt, sie stamme aus einer CDU-nahen Familie, staunen die jungen Zuhörer. Auch darüber, dass sich Dörner und Stamp beim Thema Asylrecht ziemlich einig sind. "SPD und Grüne werden immer in einem Atemzug genannt. Worin unterscheiden sie sich überhaupt?", will Marlen (15) wissen. "Vor allem in der Energiepolitik", erklärt Dörner.

Und schon diskutieren Jugendliche und Politiker weiter - diesmal über Sinn oder Unsinn von Klimazielen. Nebenan hat Schäfer das Küchenkommando übernommen. Der Linke rührt entspannt die Spinatsauce und erzählt von seiner Vergangenheit als Musiker. Seine Aussichten, wieder in den Bundestag einzuziehen, tendieren gegen Null. Er hat keinen sicheren Listenplatz.

Kelber auch nicht. Er setzt voll auf Sieg in Bonn. Doch Kochen entspannt: "Mein fünfjähriger Sohn will manchmal anhalten und meine Wahlplakate küssen", erzählt er, während er Erdnüsse hackt. "So stelle ich mir Politiker vor: Richtig zum Anfassen", zieht denn auch Eva (15) am Ende der Veranstaltung Bilanz.

Die Kandidaten

  • Ulrich Kelber ist Informatiker und sitzt seit 13 Jahren für die SPD im Bundestag.
  • Claudia Lücking-Michel (CDU) ist Theologin und Generalsekretärin des Cusanus-Werkes.
  • Politologin Katja Dörner ist seit 2009 Bundestagsabgeordnete der Grünen.
  • Pirat Klaus Benndorf führt ein IT-Unternehmen und tritt erstmals an.
  • Soziologe Paul Schäfer tritt wie 2009 erneut für die Linke an.
  • FDP-Direktkandidat Guido Westerwelle wurde durch den liberalen NRW-Landtagsabgeordneten Joachim Stamp vertreten.