Chaos auf der Baustelle

Der Beethovenhalle in Bonn droht ein Baustopp

Dunkle Wolken über der Beethovenhalle: Beim Innenausbau droht ein Baustopp, warnt der Projektsteuerer.

Dunkle Wolken über der Beethovenhalle: Beim Innenausbau droht ein Baustopp, warnt der Projektsteuerer.

Bonn. Die Probleme bei der Sanierung der Beethovenhalle sind schwerwiegender als gedacht. Wie aus einem vertraulichen Papier hervorgeht, versinkt die Baustelle geradezu in einem Chaos.

Die Stadt und ihre Projektsteuerer haben in der Beethovenhalle offenbar zeitweise die Kontrolle verloren. Sie vermuteten Firmen auf der Baustelle, die ihren Job gar nicht angetreten hatten, wie aus einer vertraulichen Analyse der Firma Drees & Sommer (Projektsteuerer) hervorgeht.

Knackpunkt scheinen die Ausführungspläne für jedes einzelne Gewerk auf der Baustelle zu sein. Weil Stadtverwaltung und Rat die Halle unbedingt bis zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 sanieren wollten, waren die Planungen bei Baubeginn Ende 2016 noch nicht abgeschlossen.

Die Projektplaner – Nieto Sobejano Arquitectos (NSA) – sollten im laufenden Prozess liefern, gerieten laut Stadt aber immer wieder in Zeitverzug. Das hat Auswirkungen auf weitere Fachplaner und Baufirmen.

Vor Kurzem eskalierte die Situation. „Diverse Bautätigkeiten sollten gemäß der Terminplanung der Büros NSA und Kofler derzeit ausgeführt werden oder unmittelbar anstehen“, schrieb Drees & Sommer am 15. Februar.

In Baubesprechungen erlebte der Projektsteuerer aber eine böse Überraschung: Man stellte fest, „dass die derzeit für Bautätigkeiten vorgesehenen Vergabeeinheiten weder an den Besprechungen teilnehmen noch auf der Baustelle tätig sind“. Es fehlten demnach Ausführungsplanungen für Arbeiten etwa an der Fassade, am Dach, für Trockenbau und Estrich.

Fertigstellung frühestens 2022

Da ein Gewerk auf das nächste folgt, löste das eine Kettenreaktion aus – die Firmen, die die Technische Gebäudeausstattung (TGA) wie Klima und Heizung installieren sollten, konnten nicht anfangen. Zwei Unternehmen kündigten dem Papier zufolge deshalb ihre Verträge mit der Stadt. Jetzt müssen diese Aufträge europaweit ausgeschrieben werden. Allein das verlängert die Bauzeit laut Drees & Sommer bis 2022.

„Durch das Wegbrechen der TGA-Fachfirmen wird der gesamte Projektverlauf empfindlich gestört“, halten die Kontrolleure fest. Sobald Rohbau und Gebäudehülle fertig seien, drohe bei den Ausbaugewerken „zwangsläufig ein Baustopp“. Außerdem sei mit Kündigungen von weiteren Firmen zu rechnen – und damit eine „derzeit nicht absehbare Verschiebung zukünftiger Projekttermine“.

Bei mehr als drei Monaten Arbeitsunterbrechung können sich Baufirmen, Planer und Berater, die wegen des Baubooms genug Aufträge bekommen, aus dem Projekt zurückziehen. Um das zu vermeiden, so Drees & Sommer, werde die Stadt den Firmen wohl „finanzielle Zugeständnisse“ machen müssen.

„Gegenseitige Verweigerungen und Anschuldigungen“

Den Berliner Architekten werfen die Kontrolleure „projektschädliche Pflichtverletzungen“ sowie „in Teilen mangelnde Qualität von Planungsergebnissen und Koordinierungstätigkeiten“ vor. Sie warnen vor weiter „steigenden Projektrisiken“. In einer Besprechung mit dem Städtischen Gebäudemanagement am 11. Februar wurde deshalb diskutiert, sich vom Objektplaner NSA zu trennen und neu auszuschreiben.

In der schriftlichen Analyse empfehlen Drees & Sommer diesen harten Schnitt relativ deutlich. Bliebe man bei NSA, würden „Nachteile und Risiken deutlich überwiegen“, heißt es dort. Eine Kündigung sei eine „ernsthafte Alternative“, die zum „Ende der Frustration aller Projektbeteiligten“ beitragen könne.

Die aktuelle Stimmung im Projekt beschreiben Drees & Sommer so: „sehr angespannt, gegenseitige Verweigerungen und Anschuldigungen, Lähmung Planungs- und Bauprozess“.

Beethovenhalle sollte schon längst fertig sein

Sollte NSA die letzte Frist bis 15. März verstreichen lassen, hält eine von der Stadt beauftragte Anwaltskanzlei eine außerordentliche Kündigung aus wichtigem Grund für aussichtsreich. Es ist aber unklar, ob geeignete andere Planungsbüros, die ein solches Großprojekt stemmen können, kurzfristig verfügbar wären.

Die Architekten kommentieren die Vorwürfe nicht, sondern erklären: „Wir sind vertraglich dazu angehalten, vor der Erteilung einer Auskunft über die Baumaßnahme die Zustimmung unseres Auftraggebers einzuholen. Wir haben um diese Zustimmung gebeten, jedoch eine Absage erhalten. Diesen Umstand bedauern wir sehr.“ Das TGA-Planungsbüro Kofler reagierte nicht auf eine GA-Anfrage.

Das Presseamt bestätigt nur: Es zeichne sich ab, dass einige Gewerke ihre Aufträge nicht wie vorgesehen ausführen können. „Wegen der Fristen, die in einzelnen Fällen gesetzt werden mussten, kann die Verwaltung erst Mitte des Monats sagen, wie sich der Sachstand darstellt“, so Stadtsprecherin Monika Hörig.

Die Sanierung der Beethovenhalle sollte ursprünglich schon im Herbst 2018 abgeschlossen sein und 61,5 Millionen Euro kosten.

Wer macht was auf der Baustelle?

Städtisches Gebäudemanagement: Ein Projektteam erfüllt die Bauherrenfunktion, stellt Bauanträge, schreibt Aufträge aus, schließt Verträge, überwacht die Kosten. Politisch verantwortlich ist Stadtdirektor Wolfgang Fuchs.

Projektsteuerer: Die Drees & Sommer GmbH aus Köln koordiniert alle Projektbeteiligten wie Architekten, Baufirmen und Ingenieurbüros und ist deren erster Ansprechpartner. Sie begleitet den Planungsprozess, kontrolliert Kosten und Zeitpläne, prüft Ausschreibungsunterlagen.

Objektplaner: Dem Architektenbüro Nieto Sobejano Arquitectos GmbH aus Berlin obliegen die Planung, die Koordination aller Fachplaner, Bauleitung, Bauüberwachung und das Erstellen von Leistungsverzeichnissen für Ausschreibungen. Für die Ausschreibungen der Gewerke und die Bauleitung hat es einen Nachunternehmer beauftragt. Die Stadt hat zudem Fachbüros unter Vertrag.

Mehr zum Thema Beethovenhalle gibt es in unserem Dossier zur Beethovenhalle.