Weniger Straftäter unter 21

Das tut die Polizei in Bonn gegen junge Intensivtäter

Die Polizei bei einer Kontrolle am Bonner Hofgarten.

Bonn. Die Zahl der Straftäter unter 21 ist laut Polizei in den vergangenen Jahren gesunken. Dennoch gibt es in Bonn und der Region eine große Zahl an jungen Intensivtätern. Sie sind meistens männlich und stammen aus einem problematischen Umfeld.

Egal ob Drogendelikte oder Schlägereien, Überfälle oder massive Bedrohungen – es scheint fast so, als würden diese Taten hauptsächlich von Jugendlichen begangen. Ein paar Beispiele: Im Kurpark in Bad Godesberg rauben Unbekannte Anfang Juni einen 19-Jährigen aus. Täterbeschreibung: 17 bis 19 Jahre alt, südländisches Aussehen. Ebenfalls Anfang Juni kommt es zu einem weiteren Zwischenfall im Kurpark. Ein 16-Jähriger soll einen Gleichaltrigen mit einer Schreckschusswaffe bedroht und mehrfach in die Luft geschossen haben. In einem Pavillon am Brassertufer schlägt Anfang Juni ein Trio auf zwei Männer ein, einer erleidet eine Platzwunde, einer wird am Kiefer verletzt. Zwei der drei Verdächtigen sind mit 15 und 18 Jahren jünger als 21 – bis zu dieser Grenze greift das Jugendstrafrecht. Im April raubt ein Trio drei junge Frauen unweit des Beueler Bahnhöfchens aus. Die drei gesuchten Verdächtigen sollen 17 bis 19 Jahre alt sein.

Nicht zu vergessen die brutale Attacke auf Niklas Pöhler im Mai 2016, der an den Folgen der Schläge verstarb. Als mutmaßlicher Täter stand der damals 20-jährige Walid S. im Fokus der Ermittler. Letztendlich wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Bald wird sich der heute 23-Jährige erneut vor Gericht verantworten müssen – unter anderem wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

Rücksichtslosigkeit erzeugt Angst beim Gegenüber

Dass die Verdächtigen in diesen Beispielen mehrheitlich minderjährig sind oder waren, ist unbestritten. Dass allerdings die Zahl der jugendlichen Täter stetig steigt, kann der stellvertretende Kripo-Chef Martin Goebel nicht bestätigen. Im Gegenteil: Statistisch gesehen gebe es in den vergangenen Jahren sogar einen Rückgang. „Früher waren 28 bis 30 Prozent der Tatverdächtigen jünger als 21 Jahre, heute sind es 21,6 Prozent“, sagt Goebel. Dieser Trend sei nicht auf das sogenannte Hellfeld begrenzt, ergänzt Daniela Lindemann, stellvertretende Leiterin des Kommissariats für Kriminalprävention und Opferschutz: „Dunkelfeldforschungen bestätigen das.“

Doch woher kommt das Gefühl? „Es ist ein Eindruck, der definitiv da ist“, stellt Goebel fest. Das könne zum einen daran liegen, dass Jugendliche zwar auffielen, „aber unter der Strafbarkeitsschwelle auftreten“. Soll heißen, dass sie zum Beispiel im Park keinen Platz machen, wenn ihnen jemand entgegenkommt, Passanten mit Bemerkungen aus der Fassung bringen oder Müll herumliegen lassen und Kaugummis ausspucken. „So etwas erzeugt Angst. Man verbindet das Verhalten dann mit Straftaten, die nicht passiert sind“, fasst Goebel zusammen.

Ein weiterer Grund ist laut Lindemann die schnelle Verbreitung von Nachrichten im Internet – und dessen Reichweite. „Den Namen Niklas zum Beispiel kennt jeder“, sagt Goebel. Außerdem gibt es laut den Ermittlern jugendtypische Straftaten. Und das sind meistens die, die auffallen. Körperverletzung, Straßenkriminalität oder Graffiti-Verstöße gehören dazu. Häufig geht es auch um das sogenannte Abziehen, einen Raub auf Straßen, Plätzen und Wegen. Das, so betont Goebel, sei ein Verbrechen. Was von den meisten aber nicht so gesehen werde. Denn: „So versuchen die Jugendlichen, Macht zu zeigen und sich zu positionieren“, sagt Melanie Meyer von der „Ermittlungsgruppe zur Bekämpfung der Intensiv- und Serientäter“ (EGIS).

Opfer sind statistisch gesehen meist Gleichaltrige

Opfer werden statistisch gesehen allerdings meistens Gleichaltrige, und nicht – wie häufig angenommen – Senioren. Meistens kennen sich Opfer und Täter nicht, sagt Meyer. Allerdings gebe es Orte, an denen häufiger „abgezogen“ wird. Dazu gehören laut Meyer das Beueler Rheinufer in der Nähe des Chinaschiffs oder das Brassertufer an der Fußgängerbrücke. „In Bad Godesberg stellen wir derzeit keine Häufung fest“, so Meyer. Das gelte auch für Konrad-Adenauer-Platz und Hofgarten, ergänzt Goebel. Was die Ermittler unter anderem auf ihre verstärkte Präsenz zurückführen.

Sind Jugendliche einmal straffällig geworden, unterscheidet die Polizei zwei Gruppen: diejenigen, die nur selten in Erscheinung treten, und sogenannte Intensivtäter. Wie viele es davon im Zuständigkeitsbereich der Bonner Polizei (Bonn, Bad Honnef, Königswinter und der linksrheinische Rhein-Sieg-Kreis) genau gibt, will Goebel nicht sagen. Nur soviel: „Die Zahl liegt im oberen zweistelligen Bereich.“ Für sie ist die EGIS zuständig. Sie wurde im April 2006 gegründet, war vorher auf die Innenstadt und Tannenbusch beschränkt und agiert seit geraumer Zeit im ganzen Stadtgebiet. Die Arbeit der Ermittler ist personen- und nicht tatortbezogen. Soll heißen, dass ein Täter, der zuerst in Endenich ein Auto knackt, dann in Dransdorf Drogen verkauft und schließlich in Poppelsdorf einen Raub begeht, von ein und demselben Sachbearbeiter betreut wird – und zwar engmaschig.

Sachbearbeiter suchen Intensivtäter zu Hause auf

Sie suchen die Intensivtäter, die mindestens 14 Jahre alt sein müssen, um auf die EGIS-Liste zu kommen, zu Hause auf, sprechen mit Eltern und den Jugendlichen selbst. Sie beleuchten das Umfeld, halten Kontakt zu Jugendamt, Schule und Jugendgerichtshilfe. „Außerdem zeigen wir auf, was passiert, wenn weitere Straftaten begangen werden“, so Meyer. Dann bleibe nämlich häufig nur noch der Gang ins Gefängnis.

Doch wie werden Jugendliche Intensivtäter? „Das Umfeld ist oft problembehaftet“, erklärt Meyer. Häufig gebe es keine feste Familienstruktur, die Schule werde unregelmäßig bis gar nicht besucht. „Auch die Pubertät sollte man nicht außen vor lassen“, so Meyer. Manchmal aber sei auch „eine schädliche Neigung“ vorhanden. „Derjenige möchte seine Bedürfnisse befriedigen und zwar egal wie.“ Selten komme es vor, dass Jugendliche als Einzeltäter auftreten. „Das ist bei Erwachsenen anders“, stellt Meyer fest.

Der klassische Intensivtäter ist übrigens männlich – und läutert häufig, wenn er eine Freundin hat. „Die Freizeit wird dann anders gestaltet“, so Goebel. Außerdem sei es nicht angenehm, wenn man mit seiner Freundin Zeit verbringen wolle und dann ständig von der Polizei kontrolliert werde.