Strategie zur Verbesserung

Das hat sich in Bonn ein Jahr nach der Cop23 getan

Vor einem Jahr begann die Cop 23 in Bonn. Nicht nur die UN-Staaten, sondern auch die Kommunen sind damals wie heute gefragt, wie sie den Klimawandel aufhalten wollen.

Vor einem Jahr begann die Cop 23 in Bonn. Nicht nur die UN-Staaten, sondern auch die Kommunen sind damals wie heute gefragt, wie sie den Klimawandel aufhalten wollen.

Bonn. Ein Jahr nach der Weltklimakonferenz Cop 23 will die Stadt Bonn mit einer ersten Strategie ihr eigenes Profil schärfen. Experten sind davon nur bedingt überzeugt und fordern eine konkrete Umsetzung der Ziele. Das größte Problem ist der Verkehr.

Nachhaltigkeit ist für die Stadt Bonn spätestens nach der Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen ( UN-Klimakonferenz 2017 in Bonn) im vergangenen November ein Markenkern fürs eigene Image. Oberbürgermeister Ashok Sridharan wird nicht müde, diese Rolle zu betonen. „Bonn wird inzwischen nicht nur Dialogplattform für die lebenswerte Welt der Zukunft, sondern sogar ,Welthauptstadt' und ,Powerhouse der Nachhaltigkeit' genannt“, freut er sich etwa in einem Interview mit der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen.

Um dieses Image zu pflegen, ist Sridharan viel unterwegs. Im Herbst vergangenen Jahres nahm er auf Einladung von UN-Generalsekretär António Guterres in New York an einem Dialog mit hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft teil. Thema: Welchen Beitrag können nicht staatliche Akteure wie Kommunen bei der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens leisten. Auf Einladung des Gouverneurs von Kalifornien reiste er ein Jahr später zum Global Climate Action Summit nach San Francisco. Im Juni war Sridharan bereits zum Präsidenten des internationalen Städtenetzwerks für Nachhaltigkeit (ICLEI) gewählt worden, das sein Sekretariat praktischerweise in Bonn unterhält.

In der Frage, wie Bonn ein Jahr nach der Klimakonferenz selbst in Sachen Nachhaltigkeit dasteht, fallen die Meinungen von Fachleuten hingegen durchwachsen aus. Am deutlichsten wird Christoph Bals, Geschäftsführer der in Bonn ansässigen Nichtregierungsorganisation Germanwatch, der unlängst auch bei der Vorstellung des jüngsten Weltklimaberichts in Seoul dabei war. Bals sagt: „Bonn ist relativ gut bei seinen Konzepten. Eine Nachhaltigkeitsstrategie für 2030 ist wünschenswert. Tatsache ist aber auch: Bonn wird sein Klimaziel für 2020 – eine Reduktion um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 – wohl noch krachender verfehlen als die Bundesregierung ihres.“ Beim letzten veröffentlichten Datenabgleich 2014 seien erst 22 Prozent erreicht worden.

Bonn leistet nur ein Drittel

Das größte Problem dabei ist der Verkehr. Hier hätte sich Bals viel mehr Mut gewünscht. Das Leadcity-Programm der Bundesregierung nur für 17.000 subventionierte Tickets der SWB für Neukunden zu nutzen, werde nicht für Abhilfe sorgen. Den Titel „Fahrradhauptstadt 2020“ habe Bonn nicht verdient. „Hier gibt es kein ernsthaftes Bemühen – weder bei den Investitionen noch bei den bereitgestellten Flächen“, sagt Bals.

Auch bei der energetischen Sanierung eigener Gebäude – ein weiterer Hebel für Kommunen zum Klima- und Ressourcenschutz – leiste Bonn nur ein Drittel des Notwendigen. Weil deutschlandweit zu wenig in Dämmung investiert werde, müsse die Bundesrepublik in diesem Bereich ab 2019 Strafen an die EU bezahlen. Wenn die Stadt ihre Vorreiterrolle politisch ernst meine, hat Bals eine konkrete Forderung: Bonn möge sich beim Städtetag und bei der Landesregierung dafür verwenden, dass Klimaschutz gesetzlich als kommunale Pflichtaufgabe definiert wird. „Dann könnte niemand aus Kostengründen mehr auf die Bremse treten.“

Clara Brandi leitet das Klimalog-Projekt am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Sie hält Bonn im internationalen Vergleich für durchschnittlich engagiert, „aber nicht an der Speerspitze der Bewegung“. Die Anschaffung erster Elektrobusse, fair gehandelte Dienstkleidung für Mitarbeiter und Ökostrom in städtischen Gebäuden seien gute Ansätze. Auch Brandi vermisst im Verkehrsbereich mehr Einsatz, vor allem beim Netzausbau und der Fahrradfreundlichkeit.

Verbindliches Monitoring kann helfen

Adolf Kloke-Lesch, Leiter im Deutschen Lösungsnetzwerk für nachhaltige Entwicklung (SDSN), begrüßt die neue Nachhaltigkeitsstrategie und dass der Rat als politisches Gremium sie verabschieden soll. „Als UN- und Nachhaltigkeits-Standort muss Bonn so etwas haben“, glaubt er. In dem Papier vermisst er indes eine Priorisierung. So würden zwar anspruchsvolle Leitlinien und konkrete Maßnahmen definiert. „Man müsste aber konkret sagen, was Einzelmaßnahmen jeweils quantitativ zur Zielerreichung beitragen.“ Also beispielsweise, welche CO2-Reduktion man sich von einem Radschnellweg nach Bornheim verspricht. „Nur dann wäre eine quantitative Überprüfung möglich“, empfiehlt Kloke-Lesch.

Der Experte sieht die häufige Tendenz, dass zunächst Ziele benannt, dann aber bei Nichterreichen klammheimlich vergessen werden. Mehr Zwischenziele und ein verbindliches Monitoring könnten dagegen helfen. Neben eher technischen Zielsetzungen wünscht sich Kloke-Lesch zudem eine stärkere soziale Dimension über bloße Teilhabe und Gendergerechtigkeit hinaus. Aus einem simplen Grund: „Nur wenn jeder Einzelne das Gefühl hat, dass eine solche Strategie sein eigenes Leben besser macht, wird er bereit sein, auch selbst Verantwortung zu übernehmen“, sagt Kloke-Lesch.

Mit einer separaten Nachhaltigkeitsstrategie sei es zudem nicht getan. Kloke-Lesch fordert: „Deren Leitlinien müssen das Narrativ sein, das alle Zukunftsvisionen für die Stadt Bonn bestimmt.“ Soll heißen: Sie gehören in alle Konzepte etwa zur Bauleit- oder Infrastrukturplanung. Sonst wandern die guten Ideen im konkreten Fall all zu schnell in die Schublade, weil sie anderen Interessen etwa zur Wohnraumverdichtung oder Wirtschaftsförderung zuwiderlaufen.

"In Bonn kann noch viel getan werden"

Eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Umsetzung sieht auch Anke Valentin, die sich neben ihrer Aufgabe als Co-Geschäftsführerin im Bonner Wissenschaftsladen mit Fragen der Klimawandelanpassung und Stadtentwicklung beschäftigt. Als UN-Standort stehe Bonn international im Fokus. Diese Vorreiterrolle müsse die Stadt aber auch ausfüllen. „Da gibt es beim Klimaschutz noch deutlich Luft nach oben“, sagt Valentin.

Als Beispiel führt sie die Hitzekartierung an, die das Umweltamt für das Stadtgebiet in Auftrag gegeben hat. „Solche Daten sind vorbildlich. Aber jetzt müsste die Stadt mit allen Eigentümern in den größten Wärmeinseln sprechen und konkrete Abhilfe anregen.“ Wenn Bonn beispielsweise wie geplant den Wohnraumbestand konsequent nachverdichten wolle, komme man um ebenso konsequente Dach- und Fassadenbegrünung nicht herum. Auch ein neues Förderprogramm zur Entsiegelung von Flächen sei wünschenswert. „Das machen auch andere klamme Kommunen“, berichtet sie.

In Bonn sieht Valentin stets die Tendenz zum großen Wurf, aus dem dann häufig nichts werde. Besser sei es womöglich, „einfach mal anzufangen“. Zum Beispiel in einem Muster-Bestandsquartier. Dort könnte die Stadtverwaltung im Dialog mit jedem einzelnen Eigentümer nach kleinräumigen Verbesserungen suchen und so auch den weit verbreiteten Ablehnungstendenzen in der Bevölkerung begegnen. Valentin sagt: „Nach unserer Erfahrung zieht ein gutes Projekt automatisch Nachahmer an.“

Mit kleinen Projekten wie Trinkbrunnen, entsiegelten Flächen, renaturierten Fließgewässern, bepflanzten Fassaden oder Dächern, Solaranlagen, Wärme-Isolierungen, Radwegen oder besseren Abstellmöglichkeiten für Fahrräder rette man zwar nicht das Weltklima. Valentin ist Geografin, keine Träumerin. Aber mit Konzepten allein gelinge das auch nicht, sagt sie. Und in Bonn, dem „Powerhaus der Nachhaltigkeit“, da ist Valentin sicher, „kann noch verdammt viel getan werden“.