Obdachlosigkeit

Das Leben auf der Straße in Bonn

Bonn. In Bonn leben etwa 90 bis 100 Menschen auf der Straße. Die genaue Zahl lässt sich jedoch schwer erfassen. Streetworker und Mitarbeiter der Obdach- und Wohnungslosenhilfe kümmern sich um die Bonner Obdachlosen.

Wenn die Temperaturen gegen null Grad absinken, beginnt für Streetworker, Mitarbeiter und freiwillige Helfer der Obdach- und Wohnungslosenhilfe die arbeitsintensivste Jahreszeit. Laut der neusten Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe (BAG) leben rund 52.000 Menschen in Deutschland ohne Obdach. Mehr als 860.000 sind wohnungslos. In diese Zahl werden auch die 440.000 Flüchtlinge mit eingerechnet. In Bonn verbringen zwischen 90 und 100 Personen ihr Leben auf der Straße. Die genaue Zahl lässt sich allerdings nur schwer erfassen. „Viele tauchen gar nicht auf, weil sie mal hier oder mal dort übernachten“, erzählt Marie Grzenia. Sie ist eine von drei Streetworkerinnen des Vereins für Gefährdetenhilfe (VFG) und täglich in Bonn unterwegs.

„Wir verbringen den Großteil unserer Arbeitszeit auf der Straße“, so Grzenia. Ihre Rundgänge führen sie zu Treffpunkten von Wohnungslosen und Suchtkranken, die sich in der Innenstadt aufhalten. Ein Teil ihrer Arbeit besteht darin, anhand von Listen nachzuhalten, wer derzeit auf der Straße lebt, denn die Stadt Bonn erhebt darüber keine Statistik. Die Sozialarbeiter zeigen Hilfeoptionen auf und begleiten bei Behördengängen. Gerade in den Wintermonaten konzentrieren sich die Streetworker aber auf die Überlebenssicherheit: Sie verteilen Schlafsäcke und geben Tipps, wo man in kalten Nächten übernachten kann.

Generell unterscheiden die Experten zwischen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit. „Die Obdachlosigkeit ist eine zugespitzte Form der Wohnungslosigkeit“, erklärt Gerhard Roden, Leiter der Wohnungslosenhilfe des Caritasverbands Bonn. Wohnungslose haben zwar keine eigene Bleibe, kommen aber zum Beispiel bei Bekannten unter. In dieser Wohnsituation befinden sie sich allerdings zwangsweise. Menschen ohne Obdach haben diese Möglichkeit nicht. Sie schlafen eine Nacht im U-Bahnschacht, die andere Nacht unter der Brücke.

Einrichtungen in der Stadt

Neben dem Betreuungsangebot durch Streetworker vor Ort gibt es auch feste Einrichtungen im Bonner Stadtgebiet, die Menschen ohne Obdach besuchen können. Eine solche Anlaufstelle ist die City-Station an der Thomastraße zwischen dem Alten Friedhof und dem Prälat-Schleich-Haus. Betreiber ist der Caritasverband Bonn. Direkt neben dem Eingang dieses unscheinbaren Ziegelbaus steht ein geschmückter Weihnachtsbaum, an der Theke stehen Teller mit Weihnachtskeksen und Mandarinen. Täglich gibt es hier zwischen 8 und 9 Uhr ein Frühstück, um die Mittagszeit wird eine warme Mahlzeit für einen Euro angeboten. Das Essensangebot wird durch Spenden finanziert.

An den Holztischen sitzen einige Männer zusammen und unterhalten sich. „Hat Ihnen schon jemand etwas angeboten? Zum Beispiel ein paar Kekse?“, fragt einer der Männer höflich. Hinter der Theke stehen zwei Mitarbeiter, die die Essensausgabe koordinieren. Einige nehmen schweigend an den Tischen Platz, andere nutzen die kostenlose Duschgelegenheit. „Es ist so ein bisschen das Wohnzimmer für einige Leute“, sagt Heike Godde, Fachberaterin in der City-Station.

Auch eine junge Frau sitzt an einem der Tische. Die 34-Jährige kommt oft in die City-Station, isst hier zu Mittag oder spielt auf dem Platz vor dem Gebäude Basketball. Es ist ein Treffpunkt. „Ich mag die Leute, die hier arbeiten“, sagt sie. Die junge Frau kennt die Obdachlosigkeit und Abhängigkeit nur zu gut. Seit einem halben Jahr lebt sie ohne feste Bleibe in Bonn. Im Sommer war sie nach einer dreijährigen Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen worden. Der Grund für die Strafe waren mehrere Delikte. Die Abwärtsspirale begann aber schon vor Jahren – mit einer Drogensucht. Die Haft war Tiefpunkt und Wendepunkt zugleich. Während des Aufenthalts hat sie ihre Abhängigkeit überwunden, einen Abschluss gemacht und gearbeitet. Dadurch erhält sie jetzt eine finanzielle Unterstützung.

Regeln sind ein Problem

Dennoch ist der Start in ein eigenständiges und unabhängiges Leben schwierig. Eine eigene Bleibe hat sie immer noch nicht gefunden. „Es ist schwierig, eine Wohnung zu finden“, sagt die 34-Jährige. Nach ihrer Entlassung kam sie zunächst die ersten Monate bei ihrer Mutter unter, zog dann ins Haus Sebastian in Endenich. Dort blieb sie allerdings nicht lange. Aus einem einfachen Grund: Betreutes Wohnen bedeutet Regeln. „Und das ist das Problem, weil wir uns nicht an Regeln halten“, sagt sie. „Deswegen sind wir hier.“

Die Gründe für Obdach- und Wohnungslosigkeit sind vielfältig. Zum Beispiel können Sucht oder Schicksalsschläge die Abwärtsspirale in Gang setzen, sie sind aber nur eine Seite. Auch strukturelle Probleme wie Mietschulden, Mieterhöhungen oder individuelle Konflikte führen zum Verlust der Wohnung. „Wir haben einen sehr teuren Wohnungsmarkt in Bonn“, sagt Peter Tilgen, Referent der Sozialdezernentin der Stadt Bonn. Das setze vor allem Menschen mit einem geringeren Einkommen unter Druck. Denn: Pro Jahr verschwinden laut Tilgen rund 800 Wohnungen aus genau diesem Preissegment – was die Situation verschärfe.

Gibt es den typischen Obdachlosen? „Nein“, sagt Roden. „Es gibt Parallelen, aber es ist eher eine Kombination von Gründen, warum Menschen in diese Situation kommen“, sagt der Experte. Einige Trends zeichnen sich dennoch ab. „Die Wohnungslosigkeit von jungen Erwachsenen steigt“, beobachtet Grzenia bei ihren Rundgängen durch die Innenstadt. Ebenso steige die Zahl der Obdachlosen mit Depressionen. Zudem wanderten viele Menschen aus osteuropäischen Ländern zu. Noch vor ein paar Jahren schätzten die Betreuer die Zahl der Obdachlosen in Bonn auf 40 bis 50 Personen. Das war 2010. Jetzt hat sich der Kreis der Betroffenen verdoppelt. „Ich finde die Zahlen erschreckend“, sagt die Streetworkerin.

In den Einrichtungen der Caritas wurden in diesem Jahr 1400 Menschen versorgt, 600 davon waren sogenannte Erstauftritte von Menschen im Alter zwischen 16 und 93 Jahren.

Ohne Obdach ist die 34-jährige Besucherin der City-Station derzeit nicht. Sie schläft bei ihrem Freund, der in einer anderen Unterkunft untergebracht ist. Wie es sich anfühlt, trotz der Kälte draußen zu übernachten, weiß sie dennoch. Sie hat schon in der alten Biskuithalle in Endenich übernachtet, als diese noch leer stand. „Es war kalt, trotz der Bundeswehrschlafsäcke, die wir hatten“, erinnert sie sich. Andere brächen in Keller ein, um für die Nacht einen Schlafplatz zu haben, erzählt sie.

Schlafgelegenheiten reichen aus

Dabei gibt es in Bonn Schlafgelegenheiten genug. „Theoretisch müsste niemand auf der Straße sitzen“, sagt Tilgen. In Bonn bietet die Caritas eine Notunterkunft im Prälat-Schleich-Haus. Daneben betreibt die Stadt an der Gerhart-Hauptmann-Straße eine Notunterkunft. Weitere Schlafmöglichkeiten befinden sich im Haus Sebastian in der Sebastianstraße, das der VFG für die Stadt betreibt. Anders als in anderen Großstädten werden die Obdachlosenheime in Bonn nicht für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt, lediglich in dem Wohnheim an der Gerhart-Hauptmann-Straße wurden phasenweise bei freien Kapazitäten einzelne Flüchtlinge einquartiert.

Fallen die Temperaturen nachts unter null Grad, greift die Aktion „Kalte Nächte“. Dann öffnet die City-Station auch über Nacht. Bis 6 Uhr am nächsten Morgen können die Besucher bleiben. Die Nachtwache übernehmen in der Regel ehrenamtlich Studenten. Auch das Kontaktcafé des VFG an der Quantiusstraße wird in diesen Nächten zum Schlafplatz.

Dass trotzdem immer wieder Menschen in Hausfluren übernachten, hat viele Gründe. Ausländische Staatsbürger sind beispielsweise von dem Angebot der Notunterkünfte ausgeschlossen. Andere ziehen allerdings die Straße vor. „Es gibt auch freiwillige Obdachlosigkeit“, sagt Grzenia. Trotz der winterlichen Temperaturen hat ein Mann sein Zelt auf der Wiese vor dem Alten Friedhof aufgestellt. Nur ein paar Meter entfernt donnern Züge und Autos vorbei.

Was benötigt ein Obdachloser neben den Grundbedürfnissen wie Nahrung und einem sicheren Platz zum Schlafen noch am dringendsten? „Einen respektvollen Umgang“, sagt Godde, die täglich in der City-Station arbeitet, Gespräche anbietet und Optionen aufzeigt. „Es ist wichtig, einen Ort zu schaffen, wo sich Menschen wohlfühlen und eine Perspektive entwickeln können“, so Godde.

„Ich möchte nicht mehr in das Drogenmilieu zurück“, sagt die junge Wohnungslose entschlossen. Als Frau sei das Leben ohne eine sichere Bleibe gefährlicher. Sie habe gelernt, sich gegen die Männer zu behaupten, sich im Zweifelsfall zu verteidigen, wenn jemand zu aufdringlich werde, erzählt sie. Unter 20 Wohnungslosen, seien nur etwa ein bis zwei Frauen, schätzt sie. Eine Wohnung steht ganz oben auf ihrer Wunschliste. „Aber ich bin glücklich“, sagt sie und lächelt. Punkt für Punkt will sie ihre Liste abarbeiten. Die Erfolge motivieren auch Streetworker wie Grzenia: „Jeden Tag kann man etwas mehr Menschenwürde herstellen“, sagt sie.

Hinweise zu Obdachlosen, die Hilfe benötigen, nimmt die Polizei oder der Stadtordnungsdienst unter 0228/77 3333 entgegen: montags bis freitags, 7 bis 1 Uhr, sowie samstags und sonntags von 10 bis 1 Uhr.