Situation an der Rheinpromenade

Darum ist es am Rhein in Bonn nicht schön

Rheinpromenade

Rheinpromenade

Bonn. Ob Parklandschaft, Erholungsgebiet, Lebensader oder Trainingsstrecke: Der Strom ist das Herzstück Bonns. Dafür aber gestalte sich die Beziehung zwischen Stadt und Fluss bemerkenswert lieblos, meinen Kritiker. An Verbesserungsvorschlägen mangelt es nicht.

Warum ist es am Rhein so schön? In einer Stadt wie Bonn muss man nach Antworten nicht lange suchen. Von A wie Akademischer Ruderclub und B wie Blauer Affe bis Z wie (Alter) Zoll – für wohltuende Assoziationen dürfte das Alphabet kaum ausreichen. Doch wo Licht ist, gibt es bekanntlich auch Schatten. Und so bringt mancher beim Gedanken an die Rheinpromenade durchaus auch andere Buchstaben ins Spiel. D wie Dunkelheit zum Beispiel. Oder T wie tote Hose.

Zunächst aber das Positive. Es ist ein Saum von gut 30 Kilometern Länge, der sich da auf Bonner Stadtgebiet zu beiden Seiten an den Fluss legt– und das fast ausnahmslos vom Autoverkehr ungestört. Diese lebenswerte Kombination gelingt nicht einmal Hamburg mit seiner malerischen Außenalster. Vom Hafen in Graurheindorf bis zur Landesgrenze ziehen sich großzügige Fuß- und Radwege, rechtsrheinisch bietet sich das spiegelbildliche Pendant.

Im Frühling blühen die Stiefmütterchen vor der Beethovenhalle, und wenn an lauen Sommerabenden in Höhe der Rheinaue in regelmäßigen Abständen Lichter flackern, so ist das keine inszenierte Kunstinstallation, sondern die jahrmillionenalte menschliche Vorliebe, den Tag mit einem Lagerfeuer ausklingen zu lassen. Doch auch Neues wird den Bonnern an „ihrem“ Fluss immer wieder geboten. In den vergangenen 20 Jahren gab es einen neuen „Bonner Bogen“ auf dem Gelände der ehemaligen Zementfabrik, eine neue Beueler Rheinpromenade, die – nebenbei – ein Bollwerk gegen Hochwasser ist, und zuletzt einen „neuen“ Alten Zoll.

Fehlende Abfalleimer, herumliegender Müll

Alles in Ordnung also? Beim näheren Hinsehen bleiben Schwachstellen nicht lange unverborgen, dazu muss man auf dem langen Weg in die Rheinaue noch nicht einmal nach einer öffentlichen Toilette suchen. Wie oft das Gebüsch unterhalb von Palais Schaumburg und der Villa Hammerschmidt dieses Defizit aufzufangen hat, lässt sich dort erahnen, wo der „Weg der Demokratie“ seinen ganz eigenen Stallgeruch entfaltet.

Vor allem aber ist es der Abschnitt rund um die Kennedybrücke, der zuletzt immer wieder als Sorgenkind identifiziert worden ist. Fehlende Abfalleimer, herumliegender Müll und die Nutzung der Bänke für nächtliche Alkoholexzesse sind immer wieder Themen auf den Leserbriefseiten. Dass die Gegend unterhalb der Oper Überraschungspotenzial hat, weiß jeder Jogger, dessen Weg in der Dunkelheit schon mal einmal eine wohlgenährte Ratte kreuzte. Und dabei erfordern doch schon die Baumwurzeln alle Aufmerksamkeit, weil sie den Asphalt zur heimtückischen Stolperfalle machen. Vor allem abends, wenn die Beleuchtung zu wünschen übrig lässt und sich der Rauch aus Shisha- Pfeifen unter den Brückenbögen fängt, beginnen viele Bonner mit ihrer Rheinpromenade zu fremdeln.

Fünf Projekte stecken in der Schublade

So geht es etwa Werner Hümmrich, der am Fritz-Schroeder-Ufer aufwuchs. Als Chef der FDP-Ratsfraktion meldet er sich seit einiger Zeit regelmäßig zum Thema Rheinufer zu Wort. „Die Stadt wendet sich vom Rhein ab, an der Rheinpromenade herrscht pure Tristesse“, klagt er. Gerade die Rheinpromenade zwischen Beethovenhalle und Altem Zoll, also ausgerechnet exakt im Eingangsbereich zur Innenstadt, versprühe die Aufenthaltsqualität eines Hinterhofs. Verändert habe sich dort seit den 1960er Jahren so gut wie nichts. Und das meint Hümmrich nicht als Kompliment dafür, dass Althergebrachtes bewahrt werde.

Dass sich aber sehr wohl etwas ändern soll, ist unstrittig. Die Frage ist wann – und wie es bezahlt werden soll. Aus dem Topf der Fördermittel der „Regionale 2010“ ist in Bonn nichts angekommen. Und die Neugestaltung der Flächen unterhalb der Beethovenhalle war zunächst Teil der Architektenpläne für ein neues Festspielhaus, geriet mit dessen Scheitern aber ebenfalls aus dem Blick. Ungeachtet dessen gibt es seit längerer Zeit den „Masterplan Innere Stadt Bonn“, der den Promenaden eine besondere Bedeutung zuweist: Insgesamt fünf Projekte stecken in der Schublade. Und dort werden sie bis auf eine Ausnahme auch bis mindestens 2020 liegenbleiben. Man wolle, so die Stadt, die „Projektbausteine stufenweise umsetzen“. Einen Trost gibt es. Wenigstens der erste Schritt ist beschlossen und soll bis Ende 2019, also vor dem Beethoven-Jubiläumsjahr fertig werden.

 

Das wichtigste Kulturgut

All das klingt plausibel, wenngleich längst nicht nach dem berühmten großen Wurf in einer Stadt, durch die in verlässlicher Regelmäßigkeit visionäre Vorschläge geistern – von Wasser-Taxis über Fluss-Schwimmbäder oder einer Rhein-Bühne fürs Beethovenfest bis hin zur Öffnung der Parks der Villa Hammerschmidt als Durchgang zum Strom. Kleinere, dafür aber in die Tat umgesetzte Schritte konnte die Regionale 2010 in Orten wie Königswinter (Tourismusachse), Mondorf oder Niederkassel (Gestaltung der Fähranleger) umsetzen. „Das Thema Rheinufer ist in unserer Region vielerorts vertreten“, sagt Reimar Molitor, Geschäftsführer des Vereins Region Köln/Bonn.

Die Grünanlagen müssten zum Wasser gerückt werden, erklärte 2016 der Architekt Christoph Ingenhoven im Interview mit dieser Zeitung in Bezug auf die Stadt Köln. Gemessen daran wären die Bonner dem großen Nachbarn zumindest eine Nasenlänge voraus. Allerdings befand Ingenhoven auch, man müsse aus dem Rhein ein Programm machen und ihn vor allem landschaftlich gut behandeln, indem man sage: Du bist unser wichtigstes Kulturgut, und das entwickeln wir jetzt. Nimmt man ihn beim Wort, bleibt für die Bonner wohl doch noch ein wenig zu tun.