Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn"

Curt Delander: Ein Sammler und Bewahrer

BONN. Die Wohnung von Curt Delander in der Bonner Altstadt gleicht einem Museum: Schon im Hausflur trifft man Kinosessel aus dem Metropol wieder. Drinnen dann Antiquitäten, Schaufensterpuppen im Kostüm, Vitrinen voller gesammelter Schätze, an den Wänden Fotos, Bilder und Briefe.

Zu jedem Gegenstand weiß der Travestie-Künstler eine Geschichte. Curt Delander ist kein Mensch, der im Gestern lebt. Aber er ist ein Bewahrer. Draußen im Hof hat der Italien-Fan sein "kleines San Remo" mit geretteten Steinen der Bonner Gertrudis-Kapelle dekoriert.

Drei Dinge treiben Curt Delander an: "Die Familie, die Jahre auf der Bühne und meine Stars." 1950 wurde er mit dem bürgerlichem Curt Dedich in eine Bonner Künstlerfamilie geboren. Die Mutter war Tänzerin, der Vater Oper- und Operetten-Tenor am Bonner Theater. Wenn die Eltern auf Tournee waren, blieb der Sohn bei der Großmutter, die aus der im Krieg schwer beschädigten historischen Altstadt am Rheinufer nach Tannenbusch umsiedeln musste.

Ihre Geschichte ist heute Antrieb für Delanders Engagement. Bevor am Brassertufer die "Rheinlogen" gebaut werden konnten, kamen die Archäologen. Als Curt Delander zum ersten Mal auf der Baustelle auftauchte, wollte er sehen, ober der Keller seiner Großmutter schon gefunden wurde. Er tauchte in die Familiengeschichte und in die Stadtgeschichte gleichermaßen ein, las und recherchierte.

Curt Delander bewahrt heute mit vielen anderen Bonnern das Andenken an das Viertel der Fischer und Rheinschiffer rund um die Gertrudiskapelle. Vor wenigen Wochen wurde ein Bilderstock mit einer Statue der heiligen Gertrud unterhalb vom Alten Zoll eingeweiht. Den Schlüssel dazu trägt Delander in der Hosentasche: "Ein tolles Gefühl."

Sein Engagement für die Initiative "Rettet das Metropol" hatte auch familiäre Gründe. Im Metropol haben sich seine Eltern kennengelernt. Und hier, in Reihe fünf, hat der 13-jährige Curt zum ersten Mal sein großes Idol Zarah Leander, das sich auch in seinem Künstlernamen spiegelt, auf der Bühne gesehen.

Um den Travestie-Star Delander ist es ruhig geworden. Er verwandelt sich nur noch selten in die ältere Zarah Leander, um mit voller Bariton-Stimme "Davon geht die Welt nicht unter" zu singen. Dankbar blickt er auf seine Zeit im eigenen Travestie-Theater, dem "Zarah L" an der Maxstraße zurück. "Ich habe hier ein wundervolles Publikum gehabt." Eigentlich ist Delander Schaufensterdekorateur.

1970, es war auf einer Geburtstagsparty, gründeten sich die "Crazy Boys". "Wir sind als erste Travestieshow Deutschlands von Bonn aus getingelt", erzählt der Künstler. Travestie ist für ihn die Kunst der Verwandlung. "Wir haben Theater gespielt." Es waren andere Zeiten: Männer durften sich unter ihren Kleidern keine Brüste ausstopfen und mussten nach der Show die Perücke abnehmen.

"Ich war immer ein bekennender Schwuler", sagt Delander. Im künstlerischen Umfeld des Elternhauses war das nie ein Problem. Doch er hat als junger Mann auch Razzien gegen Schwule erlebt. "Ich bin dankbar, dass ich in einem Land lebe, in dem wir so viel erreicht haben." Bis hin zur eingetragenen Lebenspartnerschaft, wie es offiziell heißt. Die Hochzeit vor acht Jahren war für Delander "die Krönung meiner Bemühungen, mich in der Öffentlichkeit zu etablieren und Vorurteile abzubauen." Delander ist konservativ und katholisch. "Ich bin glücklich, in einer Pfarrei Mitglied sein zu dürfen, in der man merkt, dass sich von unten etwas bewegt", sagt er.

Große Stars haben das Leben des 63-Jährigen geprägt. Sein Vater war glühender Verehrer von Johannes Heesters, seine Mutter schwärmte für Marika Rökk. 1981 ersteigerten die Eltern Bühnenkostüme von Zarah Leander - der Grundstock für Delanders große Sammlung. Mehr als 30 Jahre ist er der Sängerin bei ihren Auftritten hinterher gereist. "Ich habe die Künstler anders behandelt als die breite Masse. Zarah hat sich gemerkt, dass ich mich nicht nur mit ihr fotografieren lassen wollte", sagt er.

Viele Stücke der Sammlung lagern inzwischen im Archiv des Bonner Stadtmuseums, aber auch zuhause ist der Glamour großer Shows allgegenwärtig: hier ein Schal von Jopie Heesters, da eine Bühnentasche von Marika Rökk samt künstlicher Wimpern und Glitzerarmbändern. Der treue Fan hat heute noch Kontakt zu Heesters' Witwe Simone Rethel und zu Marika Rökks Tochter.

Der größte Schatten hat sich in diesem Jahr mit dem Tod der Mutter über Delanders Leben gelegt. Er lenkt sich ab, indem er Gipsfiguren der heiligen Gertrud zu Unikaten macht. Gerne erzählt er von Bonn, von der Altstadt und letztlich auch von seiner eigenen Geschichte. Man kann ihn jeden Samstag um 14 Uhr bei seiner Führung im Frauenmuseum treffen.

Typisch bönnsch

Das sagt Curt Delander über seine Heimatstadt:

  • Ich mag Bonn, weil die Stadt mir viel gegeben hat.
     
  • Mein Lieblingsort in Bonn ist die Pieta im Bonner Münster.
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  • Ich vermisse die vielen alten Fachgeschäfte, die es früher in der Innenstadt gab.
     
  • Typisch bönnsch ist für mich der Bonner Markt. Hier habe ich meine Lieblingsstände, die regionale Produkte verkaufen.