Porträt über Schüler vom Kardinal-Frings-Gymnasium

Christian Brandenburger: Bonner Komponist von 13 Jahren

Ohne Notenblätter: Manche Stücke spielt Christian Brandenburger am Flügel seiner Klavierlehrerin in Oberdollendorf auswendig.

Ohne Notenblätter: Manche Stücke spielt Christian Brandenburger am Flügel seiner Klavierlehrerin in Oberdollendorf auswendig.

BONN. In Christian Brandenburgers Leben spielt die Musik eine besondere Rolle. Der junge Augustiner, der aufs Kardinal-Frings-Gymnasium geht, spielt Klavier, Orgel und Cembalo.

Wenn Christian Brandenburger Klavier spielt, schließt er die Augen ganz leicht und blickt geradeaus auf seine Notenblätter. Er sitzt auf einer schwarzen Klavierbank, sein Rücken ist gerade. Im schwarzen Lack des Bechstein-Flügels spiegeln sich seine Hände, sie tanzen, hüpfen, springen über die Klaviatur. Dann bricht er ab.

„Ich mache das nie wieder“, seufzt er leise, „eine Miniatur in zwei Sätze zu unterteilen.“ Er nimmt einen kurzen Bleistift und kritzelt etwas auf die Notenblätter. Seine Klavierlehrerin hat nichts dagegen – denn es ist Christians eigene Komposition. Der 13-Jährige schreibt moderne, zeitgenössische Musik.

„Ich erweitere den tonalen Raum oder verlasse ihn sogar ganz“, erklärt er, „so dass es manchmal einfach nur noch geräuschhaft klingt oder wie zufällig gespielt“. Und bevor man nachfragen kann, was das heißt, dreht er sich zur Klaviatur und spielt es vor. „In letzter Zeit habe ich sogar Kompositionen geschrieben, da gebe ich nur die Noten in einer eckigen Klammer an und schreibe dahinter: ‚In beliebiger Reihenfolge, in beliebigem Tempo wiederholen‘.“ Wie solche Stücke am Ende klingen, hängt dann davon ab, wie die Musiker es interpretieren.

Bereits zwei Werke für Orchester komponiert

Seit sieben Jahren spielt Christian Klavier, seit drei Jahren Orgel und – wenn es im Kammerorchester seiner Schule gebraucht wird – auch Cembalo. Seit 2011 bekommt er in Köln Kompositionsunterricht. Zunächst komponierte er nur für das Klavier, mittlerweile hat er neben anderen auch zwei Werke für Orchester geschrieben.

Früher hat Christian am Klavier viel Bach und Mozart gespielt – aber das reichte ihm irgendwann nicht mehr. Er begann, selbst Noten aufzuschreiben, zunächst ganz wild, ohne System, wie er sagt. „Aber irgendwann musste ich dann einfach wissen: Was sind Takte? Welche Notenwerte gibt es? Welche Tonhöhen?“ Als er seine Ideen der Klavierlehrerin vorspielte, wusste sie: Christian braucht Kompositionsunterricht. „Manchmal laufe ich einfach durch die Straßen und habe dann plötzlich eine Melodie im Kopf, die ich aufschreibe und ausprobiere. Manchmal muss ich es aber auch aus mir rauskitzeln.“

Christian war viereinhalb Jahre alt, da saß er in der St. Josef-Kirche in Beuel. An der Orgel spielte der französische Organist Olivier Latry zwei Stunden lang Werke des Komponisten Olivier Messiaen. „Le Livre du Saint-Sacrement – so hieß das Stück. Ein wahnsinniges Werk. Wahnsinnig schwer zu spielen, wahnsinnig schwer zu hören, aber unglaublich gut.“ Für Christian war es ein besonderer Moment: „In diesem Augenblick stand fest, dass ich Orgel spielen will.“

Etwa fünf Jahre später, im Jahr 2013, reicht Christian zwei seiner Kompositionen beim Bundeswettbewerb „Jugend komponiert“ ein. Er gewinnt einen Förderpreis, verbringt eine Woche mit den anderen Gewinnern und erfahrenen Musikern. „Wir haben uns ausgetauscht, wir haben unsere Stücke besprochen, und es hat viele Impulse gegeben.“

Es folgen viele Wettbewerbe – und viele Preise. 2013 und 2015 war er zum Beispiel auch Preisträger des NRW-Landeswettbewerbs von „Jugend komponiert“, auch dieses Jahr nimmt er daran teil.

In der Schule eher Mitschüler als Komponist

Vor wenigen Tagen reiste er zu einem Kompositionswettbewerb nach Halberstadt in Sachsen-Anhalt, wo er sein Stück „Landschaften – II Weltraum“ eingereicht hatte. Vier Tage lang arbeitete er dort mit international erfahrenen Komponisten an seinem Werk und wurde am Ende mit dem Preis der Deutschen Orchester-Stiftung ausgezeichnet.

„Bei Aufführungen habe ich immer ein bisschen Angst davor, wie das Publikum meine Arbeit aufnimmt“, sagt Christian. „Ich gucke schon, wie die Zuhörer reagieren – gleichzeitig versuche ich, mich von der Funktion des Komponisten zu befreien – das gelingt aber nicht immer.“

Zwei Mal in der Woche kommt er zu seiner Klavierlehrerin Christine Gerwig. Für eine Stunde sitzt er im zweiten Obergeschoss des Familienhauses am großen Bechstein-Flügel. Und auch zu Hause übt er zwei Stunden, jeden Tag. Dienstagnachmittags fährt er nach Köln zum Kompositionsunterricht. Freitags hat Christian eine Stunde an der Orgel, mittwochs übt er in einer Kirche in seiner Nähe, donnerstags in der Aula des Kardinal-Frings-Gymnasiums, seiner Schule. Er spielt regelmäßig an der Orgel von St. Josef in Beuel, „die wahnsinnig laut, aber auch sehr schön leise spielt“.

Christian wohnt heute in Sankt Augustin, wurde aber in Bonn geboren und geht dort auch zur Schule. In seinem Gymnasium ist er aber eher Mitschüler als Komponist: „Bei meinen Freunden ist es eigentlich kein Gesprächsthema, nur, wenn ich einen Preis gewonnen habe, fragen sie mich danach.“

Im Musikunterricht kann er sich zurücklehnen, es ist ein bisschen langweilig geworden. Dafür macht ihm der Kunstunterricht Spaß. „Ich zeichne und male sehr gerne, nur finde ich leider kaum Zeit dafür.“ Beruflich will er unbedingt etwas mit Musik machen, sagt er. Konzertpianist, Organist oder Komponist wären toll. Oder er verbindet sein Interesse für Filme und Musik und macht Filmmusik. Wer Christian Brandenburger kennenlernt, der traut ihm das alles zu.

Am Freitag, 18. Mai, hat das fünfte Bonner Orgelfest begonnen. Bis Dienstag, 30. Mai, gibt es Veranstaltungen. Informationen: www.konzertkalender-bonn.de