Arglose Kunden

Call-Center verkaufen verbotene Stromverträge in Bonn

NEU - Meldungstext korrigiert - ARCHIV - Auf einem Stromzähler in einem Privathaus in Hannover werden die bisher verbrauchten Kilowattstunden angezeigt (29.12.2006). Die Energiekonzerne kassieren nach Berechnungen der Grünen in diesem Jahr beim Strompreis bis zu eine Milliarde Euro zu viel von den Verbrauchern. «Die Strompreiserhöhungen im Jahr 2010 sind im Allgemeinen nicht mit gestiegenen Kosten nachvollziehbar», sagte die Grünen-Umweltexpertin Höhn am Dienstag. Die Stromindustrie wehrt sich. Die Grünen hätten sich nur einen Aspekt der Preisbildung herausgegriffen. Foto: Peter Steffen dpa/lni +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Mit dem Abschluss neuer Stromlieferverträge für arglose Kunden wollen offenbar unlauter agierende Zwischenhändler in Bonn aktuell wieder gute Geschäfte machen.

Bonn. Mit dem Abschluss neuer Stromlieferverträge wollen offenbar unlauter agierende Zwischenhändler in Bonn gute Geschäfte machen. Die Bundesnetzagentur verhängt hohe Bußgelder.

Die Masche scheint sich zu lohnen: Mit dem Abschluss neuer Stromlieferverträge für arglose Kunden wollen offenbar unlauter agierende Zwischenhändler in Bonn aktuell wieder gute Geschäfte machen. Dass die Bundesnetzagentur mit Sitz in Bonn für einen ähnlich gelagerten Fall 2017 ein Bußgeld von 300 000 Euro verhängt hatte, schreckt sie offensichtlich nicht ab.

Fast wäre GA-Leserin Hiltrud Thorenz Opfer einer solchen Trickbetrügerin geworden. Die segelte am Telefon unter der Flagge der Bonner Stadtwerke (SWB) und eröffnete das Telefonat mit der resoluten Ansage, Thorenz habe längere Zeit den Stand ihres Stromzählers nicht mitgeteilt. Das möge sie nun umgehend nachholen – und nebenbei auch gleich die Zählernummer mitteilen. „Sie hatte meine Adresse und Telefonnummer“, sagt Thorenz.

Derart überrumpelt habe sie das Anliegen fast überzeugt. Dann fiel ihr jedoch ein junger Mann ein, der Tage zuvor schon mehrfach durch die Straße gelaufen sei und an den Haustüren geklingelt habe. Auch bei Thorenz. „Wissen Sie, dass Sie zu viel für Ihren Strom zahlen?“, habe er gefragt und der Buschdorferin einen Vertrag des Anbieters „e wie einfach“ unter die Nase gehalten. Thorenz lehnte ab und gab auch am Telefon ihre Daten nicht heraus. „Da wurde die Dame am anderen Ende sehr pampig und drohte mit Konsequenzen.“ Thorenz wiederum legte auf.

Anrufe lassen sich nicht vermeiden

Anrufe bei Kunden ließen sich laut SWB-Pressesprecher Werner Schui nicht ganz vermeiden. Die seien etwa nötig, wenn ein Außendienstmitarbeiter unplausible Werte abgelesen habe oder Daten von Stromeinspeise-Anlagen abgelesen werden müssten. Neben der Ablesung durch Kunden und eigenes Personal arbeite man zur Ermittlung der Zählerstände auch mit externen Dienstleistern. In der Vergangenheit hätten auch andere Unternehmen, darunter RWE, in Bonn mit unseriösen Methoden um Kunden geworben, bestätigt Schui. Wenn so etwas bekannt werde, „agieren wir sofort und fordern schriftlich zur Unterlassung auf“. Bislang hätten sich auswärtige Anbieter dann einsichtig gezeigt und ihre Vertreter zu einem anderen Auftreten angewiesen. Aktuell lägen aber keine weiteren Beschwerden vor.

Bei der Bundesnetzagentur sind sowohl die Masche wie auch die im Display erscheinende fragliche Nummer bekannt. Es lägen dazu Beschwerden vor, bestätigt Pressesprecherin Carolin Bongartz dem GA. Allerdings liefen die Vorermittlungen noch. Im August vergangenen Jahres hatte die Aufsichtsbehörde wegen vergleichbarer Geschäftspraktiken die Energy2day GmbH wegen unerlaubter Werbeanrufe für Energieverträge mit der Höchststrafe von 300 000 Euro belegt. Etwa 2500 Anrufer hatten sich zuvor über das Unternehmen beschwert, das, wie die Ermittlungen ergaben, eine kaskadenartige Vertriebsstruktur aufgebaut und mit einer Vielzahl an Untervertriebspartnern auch im Ausland zusammengearbeitet hatte. Oftmals hatten sich die Anrufer als Mitarbeiter örtlicher Energieversorger ausgegeben oder behauptet, mit diesem zu kooperieren.

Zahl der Beschwerden hat sich verdoppelt

Insgesamt habe sich die Zahl der Beschwerden über unerlaubte Telefonwerbung – sogenannte Cold Calls – im vergangenen Jahr auf fast 58 000 nahezu verdoppelt, berichtet Bongartz. Die Bundesnetzagentur reagierte mit Bußgeldern von insgesamt 1,1595 Millionen Euro. „Nur ärgern und auflegen bringt nichts, Verbraucher sollten unerlaubte Werbeanrufe bei uns melden“, wirbt Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur.

Im Alltag wollen Verbraucher indessen möglichst sofort wissen, ob sie einem Anrufer trauen können. Anbieter wie „cleverdial“ oder das Leipziger Startup „tellows“ liefern hierzu Hinweise mit Beschwerde-Datenbanken zu Telefonnummern. Nutzer können in der Datenbank des Unternehmens verdächtige Nummern abfragen.

Auch bei der Suche nach der Nummer, von der aus in Buschdorf angerufen wurde, wird man bei „tellows“ fündig. Die Rückwärtssuche führt zu einem Anschluss in Gütersloh. Wegen 190 Nutzerkommentaren wird der als „aggressive Werbung“ eingestuft.

Offenbar waren die Anrufer seit 2016 ziemlich aktiv. Allein bei „tellows“ wurde die Nummer seitdem mehr als 100 000 Mal nachgeschlagen, berichtet tellows-Mitarbeiterin Jessica Braasch. Gerade im vergangenen Jahr hätten verschiedene Anbieter massenhaft versucht, an Daten von Stromkunden zu kommen, um sie dann gegen eine Prämie bei einem anderen, meist teureren Anbieter anzumelden, berichtet sie. Dafür reichen Zählernummer und Zählerstand sowie die Adressdaten.

Mehrere Anrufe des GA bei der Nummer in Gütersloh bestätigen den Verdacht. Sie enden in einer Ansageschleife: „Herzlich willkommen bei der SDSD. Wir haben versucht, Sie zwecks einer Optimierung Ihres Stromtarifes zu erreichen.“ Allerdings ist ein solcher Anruf ohne vorherige Zustimmung nicht legal.