Vor dem Rathaus

Buchrücken erinnern an die Bücherverbrennung 1933

Verlegen die Lesezeichen: Horst Hoheisel (links) und Anreas Knitz vor dem Rathaus.

Bonn. Rosa Luxemburg, Erich Kästner oder Joachim Ringelnatz: Ihre Bücher möchte heute wohl kaum ein Bonner missen, wenn er auf der Suche nach bedeutender Literatur durch die Regalreihen der Bibliotheken geht. Vor fast 80 Jahren aber, am 10. Mai 1933, gingen Werke dieser und vieler weiterer Autoren auf dem Marktplatz in Flammen auf.

Damals hatte die Bonner Studentenschaft Organisatoren der Bücherverbrennung, Bürger und Studenten aufgerufen, "undeutsche" Bücher zu verbrennen, damit "sie nicht den Geist vergiften". Bürger und Studenten erschienen zahlreich und warfen von Büchern jüdischer Autoren über Kinderbücher alles ins Feuer.

"Wichtig war teilweise nicht mal der Inhalt, ein Handarbeitsbuch, wenn es von Erich Kästner geschrieben wäre, wäre genauso in den Flammen gelandet", sagte gestern Horst Hoheisel. Der Künstler und sein Kollege Andreas Knitz errichten auf dem Marktplatz ein Mahnmal, das an die Bücherverbrennung erinnert. Es besteht aus insgesamt 60 über den Markt verteilten "Lesezeichen". Das sind in das Pflaster eingelassene Bronzebücher, deren Buchrücken Titel und Autoren der von den Nationalsozialisten verbrannten Bücher nennen.

Die auf den ersten Blick zufällig auf dem Platz verteilten "Lesezeichen" verdichten sich an der Stelle vor der Rathaustreppe, wo die Bücher verbrannt wurden. Dort ist eine wetterfeste Büchertruhe in den Platz eingelassen. Eine Inschrift benennt das Ereignis und weitere Autoren von verbrannten Büchern.

In der Truhe liegt über das Jahr eine Büchersammlung der Autoren, deren Werke hier verbrannt wurden. Jedes Jahr am 10. Mai wird die Kiste geöffnet und aus den Büchern gelesen, die danach verschenkt werden. "Wir wollen die Bücher auferstehen lassen, sie wieder in die Stadt hineinschicken, wo sie 1933 verraten und verbrannt worden sind. Dieses Denkmal ist lebendig und entfaltet seine volle Kraft jedes Jahr im Mai", erklärt Hoheisel das ungewöhnliche Projekt.

Eine Autor habe an diesem Tag vor knapp 80 Jahren besonders leiden müssen: Ernst Glaeser. Er war von den Nationalsozialisten gezwungen worden mitanzusehen, wie sein Werk "Jahrgang 1902" von den Flammen verzehrt wurde, so der Hauptinitiator des Denkmals, der Bonner Wolfgang Deuling.

"Die Bürger haben es geschafft", ruft eine Zuschauerin, während die ersten Buchtitel verlesen werden. Tatsächlich wird ein großer Teil des Denkmals durch Spenden finanziert. Nach einem Aufruf von Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch und Uni-Rektor Jürgen Fohrmann gingen 23.000 Euro auf dem Spendenkonto ein.

Zusammen mit der Spende der Landeszentrale für politische Bildung von 51.000 Euro konnte das Denkmal verwirklicht werden. "Es ist wichtig, dass die Stadt ein Zeichen setzt und sich mit ihrer ganzen Geschichte und allen Akteuren auseinandersetzt. Es muss in Erinnerung bleiben, auch wenn es unbequem ist", sagte Kulturdezernent Martin Schumacher.