Medizinischer Notfall

Bonner wartet vier Stunden auf Transport ins Krankenhaus

Ein Rettungswagen fährt zu einem Einsatz.

Ein Rettungswagen fährt zu einem Einsatz.

Bonn. Ein Lannesdorfer hat schwere Vorwürfe gegen Notarzt und Rettungsdienst erhoben. Stundenlang habe er auf einen Transport ins Krankenhaus warten müssen.

UPDATE: Zum unten genannten Sachverhalt gibt es neue Erkenntnisse. Tatsächlich handelte es sich nicht um einen Arzt des städtischen Rettungsdienstes. Vielmehr habe ihn ein Mediziner des kassenärztlichen Notdienstes aufgesucht, erklärte der Patient am Donnerstag auf erneutes Befragen. Den aktuellen Bericht gibt es hier.

Maximal acht Minuten soll es nach einem Anruf in der Leitstelle der Bonner Feuerwehr dauern, bis ein Rettungswagen zur Stelle ist – egal wo im Stadtgebiet. Diese Frist hat die Stadt Bonn mit den Trägern des Rettungsdienstes vertraglich vereinbart. Tatsächlich gilt diese Garantie allerdings nur, wenn der Disponent in der Leitstelle am Lievelingsweg oder ein Arzt den Anruf auch als Notfall bewertet.

Shaker Abdallah musste in Lannesdorf vier Stunden lang warten, ehe er nach einem Bandscheibenvorfall letztendlich ins Johanniter-Waldkrankenhaus gebracht wurde. Am 2. März, einem Freitag, war der Ingenieur, im früheren Beruf gelernter Radiologisch-technischer Assistent, mit schwersten Rückenschmerzen aufgewacht. „Ich lag im Wohnzimmer auf dem Boden und konnte mich nicht mehr aufrichten. Ich habe sogar im Liegen gebetet“, sagt der gläubige Muslim.

Sein erster Anruf um 6 Uhr bei der 112 sei ernüchternd gewesen: Ein Notarzt könne frühestens in einer Stunde, hieß es, denn zwei Patienten seien vorher dran. Wegen Schichtende komme vielleicht auch gar keiner, sagte laut Abdallah sein Gesprächspartner am Telefon. Kurz vor sieben sei dann doch ein Arzt erschienen, ein Neurologe. Der drückte womöglich zu kräftig auf die Oberschenkel, wonach der Patient nur noch ein wildes Kribbeln im Fuß spürte. Abdallah verwies auf seine Vorerkrankung, denn schon vor zehn Jahren war er am Rücken operiert worden. Der Arzt gab eine schmerzlindernde Spritze. Wenn die nicht helfe, solle Abdallah sich an seinen Orthopäden wenden.

Ins Krankenhaus müsse er nicht, habe der Mediziner einen Krankentransport abgelehnt. Vermutlich habe es sich um einen Mediziner des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes gehandelt, vermutet das Presseamt der Stadt Bonn nach intensiven Recherchen. Ein Notruf von Abdallah in der Leitstelle sei jedenfalls erst später dokumentiert und ein städtischer Notarzt nicht beteiligt gewesen.

Krankentransport statt Notarzt

Um 8 Uhr versuchte Abdallah es bei seinem Orthopäden. Der mache keine Hausbesuche, erklärte die Sprechstundenhilfe. Es bleibe, wenn er nicht kommen könne, nur die 112. Wie das Presseamt dem GA bestätigt, meldete sich Abdallah um 8.21 Uhr in der Leitstelle. Nach einem dreiminütigen Gespräch habe der Disponent einen Krankentransportwagen ohne Sonderrechte losgeschickt. Vorher ging es um die Kosten. Abdallah ist in der Techniker Krankenkasse pflichtversichert. Trotzdem musste er zunächst der eigenen Kostenübernahme zustimmen, weil kein Arzt die Fahrt angeordnet hatte.

Bei einem Krankentransport gelten andere Fristen als bei einem Notfall. Er soll binnen einer Stunde erfolgen, was nach Aussage von Praktikern in Bonn vor allem im Berufsverkehr ohne Blaulicht und Sirene durchaus realistisch ist. Abdallah wurden 45 Minuten avisiert. Als sich nach 35 Minuten nichts tat, rief er um 8.56 Uhr erneut an. Ein anderer Disponent schickte einen zweiten Wagen, denn der erste Anruf sei gar nicht eingegangen. „Da bekommt man es mit der Angst zu tun“, findet Abdallah. „Warum der Disponent den bestehenden Einsatz übersehen hat, kann leider nicht mehr nachvollzogen werden“, erklärt die Stadt dazu.

Feuerwehr musste doch anrücken

Um 9.02 Uhr öffnete Abdallahs Frau endlich zwei Sanitätern die Tür der im ersten Stock gelegenen Wohnung. Dass es im Haus keinen Lift gibt, hatte der Patient mitgeteilt. Es half ihm aber nichts. Nur sitzend wollten ihn die Helfer mitnehmen. „Leider lassen sich unsere Fahrtragen nicht als Transportmittel in einem Treppenhaus nutzen. Dieses ist aufgrund der Länge und des Gewichtes einer Fahrtrage nicht umsetzbar“, klärt Dirk Lötschert, Abteilungsleiter Rettungswesen beim ASB auf. Allerdings war damals in Lannesdorf ein anderer Dienst vor Ort.

Abdallah konnte nicht sitzen. So blieb den Sanitätern nichts übrig, als die Feuerwehr zu rufen. Es dauerte nochmals eine Stunde, bis die mit Verstärkung und einem Tragetuch anrückte. Von vier Helfern – und laut Abdallah mehrfach ans Treppengeländer schlagend – wurde er schließlich ins Transportfahrzeug geschafft. Um 10.30 Uhr landete er in der Notaufnahme.

Dortiger Befund: Ein gravierender Bandscheibenvorfall zwischen den Lendenwirbeln 4 und 5. Das Kribbeln und Taubheitsgefühl im Bein war dafür ein klarer Indikator gewesen. Ein solcher Vorfall könne sehr schwere Beschwerden verursachen, heißt es dazu auf dem von Fachärzten erstellten Internet-Portal bandscheibenvorfall.de. Nachdem die Entzündung sich übers Wochenende beruhigt hatte, wurde Abdallah am folgenden Montag operiert. Sechs Wochen lang war Abdallah nach der OP außer Gefecht gesetzt. Jetzt erwägt er rechtliche Schritte gegen den Notarzt. „Zumindest entschuldigen sollte er sich für seine Fehldiagnose“, findet der Lannesdorfer.