Auswertung von Verkehrsdaten

Bonner stehen 104 Stunden im Jahr im Stau

Berlin/Bonn. Bonn spielt in der bundesweiten Stau-Liga ganz vorne mit. 104 Stunden Lebenszeit kostet das die Autofahrer pro Jahr. Mit den Baustellen in den kommenden Jahren wird dies auch nicht besser.

104 Stunden – und damit mehr als vier Tage – stand der Bonner Autofahrer im vergangenen Jahr im Stau. „Bonn ist Hauptstadt. Aber nicht Fahrradhauptstadt wie erhofft, sondern nur Stauhauptstadt in NRW“, sagt Annette Quaedvlieg, die Vorsitzende der Bonner Radfahrvereinigung ADFC. Sie rät, den Weg zur Arbeit und zum Stadtbummel mit dem Fahrrad zu versuchen. Was für die Tausenden Pendler, die täglich aus dem Umland in die Innenstadt strömen, allerdings schwierig ist.

Wie komplex das Thema ist, weiß auch die Bonner Stadtverwaltung. „Man muss einfach konstatieren: In den großen Städten Deutschlands und der Metropolregion Rheinland sind die Kapazitäten der Straßen an ihren Grenzen angekommen“, sagt Andrea Schulte vom Presseamt. Häufig komme es zu Staus auf Autobahnen und Bundesstraßen. Gerade jetzt, wo beispielsweise auf der A565 gebaut werde. „Das führt dann zu Verdrängungseffekten ins städtische Netz.“ Engpässe wie zum Beispiel die Zufahrten auf die Kennedybrücke, die Reuterstraße oder das Bundesviertel verstärkten den Effekt. Doch selbst wenn diese Nadelöhre bekannt sind: „Das heißt nicht, dass es hier einfache Lösungen gibt.“

Ein Ansatz ist der Ausbau wichtiger Verkehrsadern (siehe „Hier wird gebaut“). Der vorerst jedoch für mehr Stau sorgen wird. „Eine nachhaltige Verbesserung der Verkehrssituation kann nur erreicht werden, wenn die Alternativen zum Auto gerade für Pendler so attraktiv sind, dass sie auf Bus, Bahn und Fahrrad umsteigen“, so Schulte. Die Stadt wünscht sich dabei mehr Unterstützung von Bund und Land – vor allem finanziell.

Grundlage für die Studie des Unternehmens Inrix sind sogenannte Floating Car Data (FCD). Diese werden aus miteinander vernetzten Fahrzeugen, die die Daten an die Automobilhersteller senden, Taxen oder auch Navigations-Apps auf Smartphones generiert. „All diese Daten liefern eine Echtzeit-Verkehrslage“, erklärt Inrix-Sprecher Holger Hochgürtel. Das System funktioniert ähnlich wie die Verkehrsberechnung der Stadt Bonn. Allerdings erfassen dabei Zählstellen, die im gesamten Stadtgebiet verteilt sind, per Bluetooth vorbeifahrende Fahrzeuge.

Für Stephan Wimmers, Geschäftsführer Handel, Verkehr, Tourismus und Kultur bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg, ist die schlechte Platzierung Bonns keine Überraschung. „Wer Jahrzehnte nicht in die Verkehrsinfrastruktur investiert, erhält jetzt die Rechnung dafür.“ Er spricht sich zur Verkehrsentlastung für den Bau der Südtangente, die Schienenanbindung des Flughafens an die Bundesstadt und die Hardtbergbahn aus. „Mit Blick auf den Pendelverkehr sind auch mehr Park&Ride-Plätze nötig.“ Die Verkehrsinfrastruktur müsse besser an die wirtschaftliche Entwicklung angepasst werden. „Dafür müssen Straßen und Schienen neu gebaut werden.“ Dass zäher Verkehr wirtschaftliche Auswirkungen hat, hat die Inrix-Studie ebenfalls untersucht: Die Kosten, die durch Staus in Bonn entstehen, liegen den Berechnungen zufolge bei 101,6 Millionen Euro pro Jahr. Laut Hochgürtel werden dabei verschiedene Faktoren berücksichtigt wie der erhöhte Spritverbrauch oder auch die Verspätung, mit der Waren in Geschäften eintreffen.

(Dieses Video ist Teil einer Kooperation von GA und WDR.)

Zu den vielen Arbeitnehmern, die von Staus ausgebremst werden, gehören die Beschäftigten der Telekom. „Unsere Mitarbeiter sind einfach genervt“, sagt Sprecher Peter Kespohl. Um die pendelnden Beschäftigten zu entlasten, biete die Telekom flexible Arbeitszeitmodelle, die Arbeit im Home-Office oder auch Shuttlebusse etwa zwischen dem Siegburger Bahnhof und den in ganz Bonn verstreuten Dienststellen an. Was die künftige Verkehrsplanung der Stadt betrifft, zeigt sich die Telekom als Unterstützerin eines umstrittenen Projekts: „Wir sind großer Befürworter der Seilbahn. Es ist jetzt Zeit dafür“, so Kespohl.