Not bei der Notdurft

Bonner beklagen desolate Zustände in öffentlichen Toiletten

Die öffentlichen Toiletten wie hier in der Duisdorfer Ladestraße werden täglich gereinigt. Trotzdem sind sie schmuddelig und werden ungerne genutzt.

Die öffentlichen Toiletten wie hier in der Duisdorfer Ladestraße werden täglich gereinigt. Trotzdem sind sie schmuddelig und werden ungerne genutzt.

Bonn. Keiner mag sie, jeder braucht sie. In Bonn wird derzeit ein Konzept für die WCs erarbeitet. Viele wurden in den vergangenen Jahren aus Kostengründen geschlossen. In den verbliebenen gibt es Probleme unter anderem mit der Drogenszene.

Mit dem Zuknallen der schweren Edelstahltür verschwindet der letzte Sonnenstrahl. Vielleicht besser so. Im kalten Neonlicht sind die Urinspritzer vor dem Pissoir nicht mehr so gut zu erkennen. Doch der beißende Geruch von Ammoniak und Aprilfrisch-Klosteinen bleibt. Genau so wie die Gewissheit, dass man auf der öffentlichen Toilette am Duisdorfer Bahnhof nur so lange bleiben will, wie es wirklich nötig ist. Da wirkt es schon fast ironisch, dass sich ein junges Paar auf den weißen Kacheln über dem ebenfalls edelstählernen Lokus mit „V+M for ever“ verewigt hat.

Solche Toilettensprüche gewinnen jedenfalls an Seltenheitswert. Denn in ganz Bonn gibt es nur noch sechs öffentliche Toiletten. Von den ehemals 27 WCs hat die Stadt einen Großteil schon im August 2003 dicht gemacht – meist aus Kostengründen. In Ramersdorf und in der Marktgarage waren Drogendelikte und Übergriffe auf Frauen der Grund. Jedes Jahr musste der Kämmerer insgesamt mehr als 400.000 Euro für Reinigung, Strom, Wasser und Reparaturen ausgeben. Momentan sind es noch 140.000 Euro. Alleine durch die baustellenbedingte Schließung der Toilette am Hauptbahnhof wurden knapp 170.000 Euro eingespart. Angesichts dieser Summen ist es unmöglich, ein Geschäft mit dem Geschäft zu machen. Nur 3000 Euro werden jährlich durch Gebühren am Bertha-von-Suttner-Platz und am Moltkeplatz eingenommen. 50 Cent kostet dort jeder Toilettengang. Alleine der Preis für das Aufstellen lag vor zehn Jahren bei mehr als 200.000 Euro. „Die Kosten überschreiten die Einnahmen also bei weitem“, sagt Vize-Stadtsprecher Marc Hoffmann.

Für die Kommunen sind öffentliche Toiletten ein reines Zuschussgeschäft. Seit dem jüngsten Urteil des Oberlandesgerichts Münster sind sie auch nicht dazu verpflichtet, kostenlose öffentliche WCs bereitzustellen. Ein Mann, der unter krankhaftem Harndrang leidet, hatte die Stadt Essen darauf verklagt. Dort hatte man vor 20 Jahren per Ratsbeschluss öffentliche Toiletten komplett abgeschafft.

In Bonn sieht man das anders. „Öffentliche Toiletten in besucherstarken Bereichen sind eine wichtige Einrichtung für eine Stadt von der Größenordnung Bonns“, sagt Hoffmann. Ob die Benutzung dabei gegen Entgelt oder kostenfrei ermöglicht werden kann, müsse im Einzelfall abhängig vom Standort, Zustand der Toilette und weiteren Faktoren entschieden werden. „Derzeit ist keine Veränderung dieser Praxis vorgesehen.“

Bürger beklagen Mängel auf den öffentlichen WCs

Allerdings gibt es einen Vorstoß aus der Bürgerbeteiligung „Bonn packt's an“: Darin wird die Stadt aufgefordert, Konzessionen für zusätzliche öffentliche Klos zu vergeben, die von Drittanbietern betrieben werden könnten. Der Rat stimmte Ende 2016 einer verwaltungsinternen Prüfung zu. Seitdem wird ein Konzept erarbeitet, das voraussichtlich noch dieses Jahr vorgestellt werden soll. „Es geht darum, insbesondere Touristen und Besuchern der Stadt im Zentrum eine bessere Versorgung zu bieten“, erklärt Hoffmann. Wie die aussehen könnte, ist unklar. Fest stehe allerdings, das auf eventuellen neuen städtische Toiletten ein Nutzungsentgelt verlangt werden müsse. Handlungsbedarf in Sachen Vandalismus sieht die Stadt derzeit nicht.

Fragt man die Leute auf der Straße, ist das Konzept dringend nötig. Grundsätzlich gebe es zu wenig öffentliche Toiletten. Das Problem scheint aber ein ganz anderes zu sein. Denn niemand benutzt die WCs gerne. „Es stinkt und es ist schmuddelig. Das sind reine Bakterienschleudern. Da weiß man nicht, was man sich einfängt“, erzählt eine alte Dame, die oft vor einem Café am Bertha-von-Suttner-Platz sitzt. Direkt vor ihrer Nase: die städtische Toilette. Sie berichtet von „zwielichtigen Gestalten“, die sich eine halbe Stunde lang einsperren und „wer weiß was tun“. Ein Blick ins Innere lässt das Treiben erahnen. Zigarettenasche liegt auf dem Vorsprung vor dem Spiegel, ein benutztes Kondom auf dem Boden. Diesmal riecht es nach Marihuana und nicht ausschließlich nach Urin. Die 50 Cent, die pro Besuch fällig werden und am integrierten Automaten entrichtet werden müssen, scheinen eine gewisse Klientel nicht abzuschrecken. „Wenn ich auf Toilette muss, frage ich in Geschäften oder Gaststätten nach“, sagt die Dame. Viele lassen die Toilettengänge sogar kostenlos zu, manche verlangen 50 Cent.

Aber was tun, wenn weit und breit kein Geschäft ist? „Dann hat man keine andere Wahl“, sagt Mohamad Azizi. Er betreibt den Kiosk am Duisdorfer Bahnhof in der Ladestraße, wo es eine kostenlose städtische Toilette gibt. Wie die anderen wird sie jeden Tag gründlich gereinigt. Wie die anderen ist sie nach wenigen Stunden – um es mit Azizis Worten zu sagen – „eingesaut“. Das Toilettenpapier ist ständig leer, in der Ladestraße funktioniert der Wasserhahn nicht mehr. Und immer wieder gibt es Probleme mit der Drogenszene. Ein Mann berichtet, dass vor einigen Wochen eine Frau blutüberströmt aus der Behindertentoilette kam, nachdem sie sich eine Spritze in den Oberarm gesetzt hatte. „Da geh' ich lieber ins Gebüsch. Aber für Frauen ist das schwierig.“

Eine Lösung, wie öffentliche WCs attraktiver werden könnten, haben weder die Stadt, noch die Bürgerbeteiligung parat. Dabei wäre es ganz einfach. „Die Toilette ist nicht eklig. Es ist eklig, was die Leute damit machen“, sagt Kioskbesitzer Azizi.