Inoffizielle Versuchsreihe

Bonner atmen ständig dreckige Luft

Bonn. Der Meteorologe Karsten Brandt hat in einer Messreihe in Bonn auf Nasenhöhe von Kindern dramatisch hohe Werte von Feinstaub nachgewiesen. Offizielle Messungen der Behörden hält er für nicht realitätsnah.

Die Luft, die Bonns Bürger täglich auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit oder zum Supermarkt einatmen, ist vermutlich viel verdreckter als amtliche Messungen glauben machen. Vor allem besonders winzige Feinstaubpartikel, die in der Stadt zuvorderst durch Autoabgase verursacht werden, sind in Nasenhöhe weitaus höher in der Luft konzentriert als bislang vermutet. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt der Meteorologe Karsten Brandt nach einem einjährigen Selbstversuch. „Wir haben meines Wissens nach die erste lebensnahe Feinstaub-Messreihe weltweit angelegt“, sagt der Bonner Wetter-Experte. Seine Daten wird er im November beim Fachkongress Biomed in Stralsund präsentieren.

An 196 Schultagen im Schuljahr 2016/17 maß Brandt auf den Schulwegen seiner beiden Kinder vom Elternhaus „Im Bonnet“ zur Gesamtschule in Beuel und zur Marktschule mit mobilen Messgeräten die Feinstaubbelastung. Und zwar abweichend zu offiziellen Messungen – deren Daten stets in drei Metern über dem Boden gesammelt werden – auf Kinder-Nasenhöhe von einem Meter. Ein drittes Messgerät verblieb zur Kontrolle in der Wetterhütte von Brandts Online-Wetterdienst Donnerwetter.de, der unter anderem auch die Wetterberichte für Radio Bonn-Rhein/Sieg liefert.

Lasergeräte aus China

Bei der Auswertung zeigen die empfindlichen laserbasierten Geräte, die erst seit wenigen Jahren als Import aus China günstig zur Verfügung stehen, deutliche Ausschläge. An 25 Messtagen lag der Kontrollwert von Partikeln mit einer maximalen Größe von 2,5 Mikrometern (PM2,5), die bis in die Lungenbläschen eindringen können, in der Wetterhütte über dem maximal zulässigen Jahresmittelwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Der Jahresdurchschnitt ohne Wochenenden und Ferienzeiten lag bei 14,1.

Auf dem Weg zur Marktschule, der überwiegend auf Nebenstraßen verläuft, betrug der Durchschnittswert bereits 23,4. An 72 Tagen wurde der zulässige Jahresdurchschnitt überschritten. Auf dem Weg zur Gesamtschule lag der Durchschnittswert mit 26,6 Mikrogramm klar über dem gesetzlichen Höchstwert und wurde an 86 Tagen überschritten. Wenn der Grenzwert 2020 EU-weit auf 20 Mikrogramm pro Kubikmeter absinkt, werden die Vorgaben noch klarer verfehlt.

Höchstwerte nur an vier Tagen überschritten

Vergleichbare offizielle Messungen für Bonn gibt es nicht. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz misst lediglich die viermal größeren Feinstaubpartikel (PM10) – fern von städtischer Bebauung „An der Josefshöhe“ in Auerberg. Dass nicht auf Fußgängerhöhe gemessen wird, begründet das Landesamt mit Reglements. „Die Messhöhe von drei Metern ist eine Vorgabe der EU-Luftqualitätsrichtlinie“, sagt Pressesprecherin Birgit Kaiser de Garcia.

Dabei haben Ort, Messhöhe und Partikelgröße gravierende Auswirkungen auf die Ergebnisse: Bei drei Metern wurden 2016 in Auerberg nur an vier Tagen die Höchstwerte von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft überschritten. Überschreitungen an bis zu 35 Tagen sind zulässig. „An den anderen Standorten an der Bornheimer Straße und der Reuterstraße haben wir die Messgeräte abgebaut, weil keine Überschreitungen der Grenzwerte mehr zu erwarten waren“, so Kaiser de Garcia.

Schwankungen über die Jahreszeiten

Auffällig sind die jahreszeitlichen Schwankungen in Brandts Messungen: Im Oktober steigen die Feinstaubmengen signifikant an, im März fallen sie wieder deutlich ab. „Die Heizperiode und vermehrter Autoverkehr könnten dafür Ursachen sein“, so Brandt. Hauptgrund seien aber vermutlich deutlich höhere Niederschläge von Mai bis August, die den Staub im Sommer aus der Luft gewaschen hätten. Aber: Nicht die Dieselabgase sind der Hauptverursacher der hohen Feinstaubbelastung bei den größeren PM10-Partikeln, sondern „Aufwirbelungen und Abriebprozesse“. Das haben Messungen der Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg gezeigt.

Etwa 85 Prozent des Feinstaubs entstehen durch Reifen-, Bremsen- und Straßenabrieb sowie der Aufwirbelung der Staubschicht auf den Fahrbahnen. Dagegen wurde die Feinstaubsorte PM2,5, auf die sich Brandt konzentriert hat, vor allem im Abgas der Autos festgestellt. Trotz moderner Filter stoßen Diesel-Fahrzeuge in Deutschland nach Schätzungen des Bundesumweltministeriums 29 000 Tonnen Dieselruß aus, der von der Weltgesundheitsorganisation als krebserregend eingestuft wird.

Gute Messgeräte für unter 50 Euro

Karsten Brandt ist enttäuscht, auch aufgrund des Diesel-Skandals. „Der Staat lässt kein echtes Interesse an sauberer Luft erkennen“, zieht er Bilanz. Zwar seien die staatlichen Messreihen von wissenschaftlicher Relevanz und ihre Fortschreibung wünschenswert. „Aber sie sagen eben wenig darüber, welche Luft wir und unsere Kinder tatsächlich atmen.“ Bis heute habe der Staat den Automobilkonzernen keine Grenzen aufgezeigt. Und auch Autofahrer trügen durch ihr Verhalten zur schlechten Luft bei, während sie selbst sich mit modernen Aktivkohlefiltern im Fahrzeuginnenraum schützten.

Statt neuer Aktivitäten staatlicher Instanzen setzt Brandt nun auf bürgerschaftliches Engagement. Gute Messgeräte seien schon für rund 50 Euro unter dem Schlagwort „laser egg“ im Internet erhältlich. Sie speichern ihre Daten über Wlan in einer Smartphone-App. Brandt wünscht sich ein Bürgermesswerk in Bonn, das bald aussagekräftigere Daten liefert. „Nur so lassen sich gut belegte politische Forderungen erheben“, glaubt er. Interessenten können sich per Mail an service@donnerwetter.de melden.