Buch über "Grande Armée"

Bonner Soldaten starben in Napoleons Armee

Bonn. Der Historiker Norbert Flörken lässt in seinem Buch „Bonner Soldaten in Napoleons Armee“ zu Wort kommen. Grundlage sind Briefe von fünf Rekruten.

Die letzte Nachricht, die Stephan Wahlen am 1. September 1812 an seine Eltern am Bonner Dreieck schickte, war angsterregend. Der Sohn des Fassbindermeisters Wahlen stand im ostpreußischen Tilsit mit Napoleons Truppen kurz vor dem Einmarsch nach Russland. Tag für Tag „15 Stunden Marschieren, und wir kommen in kein Quartier, sondern schlafen unter freiem Himmel auf dem Felde und kochen uns wenig Fleisch mit Wasser“, schreibt der junge Bonner aus der „Grande Armée“ des angeblich so großen Eroberers.

Historiker Norbert Flörken hat im Bonner Stadtarchiv und in der Uni-Bibliothek 24 Briefe von fünf heimischen Rekruten wie Stephan Wahlen ausgegraben und in seinem Buch „Bonner Soldaten in Napoleons Armee. Zeugnisse der Jahre 1809-1815“ erstmals zusammengestellt. „Die Kriegslust kitzelten“ sie wahrlich nicht, erläutert Autor Flörken. Dabei waren sie als „Soldatenbriefe der Väter und Großväter“ vor dem Ersten Weltkrieg genau mit diesem Ziel gesammelt worden. Doch die Dokumente der schlichten Bonner Napoleonkämpfer dürften die Nachgeborenen wohl kaum zu den Fahnen getrieben haben. Spiegelten sie doch das erschreckende Leben hilfloser einfacher Soldaten.

„In den Erinnerungen werden aber vor allem auch die Gräuel des Kriegs drastisch geschildert“, sagt Flörken. Die hat Wahlen, der kleine Soldat im 36. Infanterieregiment Frankreichs, nämlich schon 1811 bei Calais erlebt. „Das Soldatenleben ist mir so verleidet, dass ich mir selber ein Leid antun könnte. Es kommt auch keiner davon, bis er nicht krumm und lahm geschossen ist“, steht in einem Brief, den seine Eltern sicher mit großem Schmerz lasen. Suizidgefährdet war ihr Junge also inzwischen.

Rheinische Jungs als Kanonenfutter

Im Oktober 1811 liegt er 27 Tage im Spital bei Boulogne, fiebernd, verlaust und ausgemergelt. Im Januar 1812 auf dem Weg nach Osten ist Wahlen frierend, verdreckt und hungernd gewiss, „dass ich mein Leben lang nicht mehr nach Hause kommen werde.“ Er hat die Kameraden sterben sehen. Der gerade mal 22-Jährige weiß, was ihn nun erwartet: der nackte Tod. Seit dem Frieden von Lunéville 1801 habe das linke Rheinufer offiziell zu Frankreich gehört, erläutert Autor Flörken. Folglich wurden die jungen Männer aus Bonn und den Nachbargemeinden zum Kriegsdienst in die „Grande Armée“ eingezogen, um auf den Schlachtfeldern in Deutschland, Spanien und Russland zu kämpfen. 176 Männer, alle Anfang 20, wurden erfasst. „In Briefen an Eltern und Geschwister beschreiben Einige das Leben in der Fremde. Mindestens 22 von ihnen sind später gefallen.“

Erstaunlich für ihn sei gewesen, dass in keinem Schreiben dieser jungen Kerle Hass gegen die Franzosen spürbar gewesen sei, sagt Flörken. Offenbar hätten diese rheinischen Jungs wohl auch nicht kapiert, dass sie als Kanonenfutter dienten. Kurze Zeit später zogen ja gerade in Bonn Prominente wie Ernst Moritz Arndt kräftig gegen die französische Okkupation vom Leder. Stephan Wahlen dagegen bewegte die Angst ums nackte Leben. Er lag im September 1812 in der buntscheckigen Truppe Napoleons bei Tilsit.

„In Russland ist es noch viel schlimmer“, schreibt er apathisch. Am 3. Juli 1820 teilt der Bonner Oberbürgermeister dem Fassbindermeister Wahlen mit, sein Sohn sei wohl Anfang 1813 in einem Spital in der heutigen Ukraine zu Tode gekommen. Demnach hatte der Junge zuletzt noch in russischer Kriegsgefangenschaft gelitten.

Das Buch „ Bonner Soldaten in Napoleons Armee – Zeugnisse 1809-1815“!, ist im Kid Verlag erschienen und kostet 19,80 Euro. Norbert Flörken liest daraus beim „Tag der Archive“ am Samstag, 3. März, ab 14 Uhr im Lesesaal des Stadtarchivs, Berliner Platz 2.