Interview mit Martin Schumacher

Bonner Kultur- und Sportdezernent vor dem Aus

Bonn. Martin Schumacher, Kultur- und Sportdezernent von Bonn, muss im Herbst wohl seinen Stuhl räumen. Im Interview spricht er über seinen größten Erfolg, den "Sonderfall" Pantheon und einen möglichen Umzug der Bonner Oper.

Nach allem, was bisher aus dem Rathaus verlautet, wird der Kultur- und Sportdezernent Martin Schumacher (parteilos) mit Ablauf seiner Wahlzeit im November seinen Posten im Rathaus wohl räumen müssen. Mit dem 62-Jährigen sprachen Andreas Baumann, Bernhard Hartmann und Lisa Inhoffen.

Gehen Sie von einer weiteren Amtszeit in Bonn aus?

Martin Schumacher: Bereits im vergangenen Jahr habe ich dem Oberbürgermeister mitgeteilt, dass ich nach Ablauf meiner Wahlzeit zum 30. November 2018 im Falle einer Wiederwahl gern zur Verfügung stehe. Mir macht die Arbeit nach wie vor Freude, trotz vieler Schwierigkeiten, die es immer wieder zu meistern gilt. Entscheiden wird letztlich der Stadtrat. Offiziell habe ich noch keine Rückmeldung. Eine Wiederwahl ist aber auch frühestens sechs Monate vor Ablauf einer Amtszeit möglich. Ich muss aber damit rechnen, dass es keine Wiederwahl geben wird. Ich würde dann aber noch nicht in den Ruhestand treten, der beginnt erst im März 2021. Ich bin für die Dauer meiner Amtszeit beim Goethe-Institut beurlaubt. Dort habe ich meine Rückkehr nach Auslaufen meiner Beurlaubung angekündigt mit dem Hinweis, dass ich im Falle einer Wiederwahl diese annehmen würde.

Wenn Sie eigentlich gern im Amt blieben, wollen sie so eine Art Wahlkampf in eigener Sache bei den Fraktionen führen?

Schumacher: Nein, das ist nicht meine Art. Ich möchte durch die Qualität der geleisteten Arbeit überzeugen und könnte es auch gut verstehen, wenn der Rat nach acht Jahren auch einmal einen personellen Wechsel möchte.

Was war Ihr größter Erfolg in Bonn?

Schumacher: Ganz spontan fällt mir dazu das Kulturkonzept ein, das die kulturpolitischen Ziele bis 2022 beschreibt. Es hat nicht nur zu einem gemeinsamen Verständnis in der Kulturszene und zu einem Prozess des Zusammenwachsens geführt, sondern auch trotz aller Sparzwänge erheblich dazu beigetragen, dass alle Kultureinrichtungen, auch die der freien Szene, unter ihren jeweiligen Leitungen eine hervorragende Arbeit leisten. Im Übrigen glaube ich, dass mit Nike Wagner, Bernhard Helmich und Dirk Kaftan in meiner Amtszeit sehr gute Persönlichkeiten für Bonn gewonnen werden konnten. Neu hinzugekommen ist das Haus der Bildung, ein großer Erfolg. Auch die nun begonnene Sportentwicklungsplanung ist ein guter Schritt für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Sportlandschaft. Zu nennen wäre auch der Bau zahlreicher Kunstrasenplätze.

Sie sprechen von einem großen Konsens in der Kulturszene. Man hört aber auch von Eifersüchteleien untereinander, denken Sie nur an den Streit um die Unterbringung des Pantheons in der Halle Beuel…

Schumacher: Das Pantheon war ein Sonderfall. Durch den Umzug des Pantheons fiel die Halle Beuel weg. Das war für das Theater Bonn schwierig, aber auch für die freie Szene, für die dort vieles möglich war. Auch für das Beethovenfest ist der Wegfall ein Verlust.

Was war Ihre bitterste Niederlage?

Schumacher: Niederlagen erlebe ich immer wieder im Bereich dringend notwendiger Bau- und Renovierungsmaßnahmen. Viele unserer Gebäude und Sportanlagen sind stark renovierungsbedürftig. Zu nennen sind unter anderem die Oper, die Kammerspiele, die Werkstätten des Theaters, an die 100 Turnhallen, von denen ein großer Prozentsatz sanierungsbedürftig ist, und die Schwimmbäder. Eine Niederlage war auch, dass das Bäderkonzept nicht früher durchging. Ich habe mehrere Vorschläge gemacht, die politisch nicht akzeptiert wurden. Das hat mich schwer belastet. Ich wusste, dass unausweichlich ist, was wir gerade erleben: Ein Schwimmbad nach dem anderen funktioniert nicht mehr.

Wie stehen Sie zur Idee, die Oper an einem anderen Standort, etwa im Kurpark in Bad Godesberg neu zu bauen?

Schumacher: Das lassen wir jetzt untersuchen. Ich bin dabei, den Auftrag abzuarbeiten, den der Rat beschlossen hat und der ja mehrere Varianten umfasst. Meine persönliche Meinung ist, eine Oper muss – wie ein Dom – im Zentrum der Stadt stehen. Unser Opernhaus steht genau an der richtigen Stelle. Es steht wie viele andere weltbekannte Opernhäuser am Wasser. Ich hielte ein Zweispartenhaus am bisherigen Standort für das Sinnvollste. Dann müsste man sich aber Gedanken machen, was in den Kammerspielen in Bad Godesberg entwickelt werden könnte. Aber auch die von der Verwaltung vorgeschlagene Instandsetzung des Opernhauses und der Kammerspiele wäre eine gute Lösung. Nach Vorliegen der Untersuchung der verschiedenen Varianten hat die Politik eine gute Grundlage für eine Entscheidung.

Sie selbst hatten die Instandsetzung der Oper im laufenden Betrieb vorgeschlagen. Warum konnten Sie den Rat nicht überzeugen?

Schumacher: Der Rat hat diese Option nicht abgelehnt, sondern eine vertiefte Untersuchung der verschiedenen Varianten beauftragt.

In der Oper gibt es seit Jahren massive Brandschutzmängel. Hätten Sie und die Theaterleitung nicht eher reagieren müssen?

Schumacher: Wir haben jedes Jahr reagiert. Wir haben jährlich mehrere 100 000 Euro dafür ausgegeben und werden es weiterhin tun. Das ist ein laufendes Geschäft. Diese Arbeiten müssen weiterhin gemacht werden, denn die Oper muss sicher sein. Unabhängig von der Diskussion um Neubau oder nicht.

Glauben Sie, dass sich Bonn einen Opernneubau leisten kann?

Schumacher: Das kann ich erst sagen, wenn die Ergebnisse aller Untersuchungen vorliegen. Was ich jetzt schon sagen kann: Die Neubaukosten werden sicher deutlich über 100 Millionen Euro liegen. Aber die Betriebskosten werden vermutlich niedriger sein. Wir brauchen eine gesamtwirtschaftliche Betrachtung.

War es richtig, die Beethovenhalle zu sanieren, anstatt sie abzureißen und neu zu bauen?

Schumacher: Man hätte sie abreißen müssen, um dort das Festspielhaus zu bauen. Doch dazu kam es bekanntlich nicht. Jetzt finde ich es absolut richtig, dass die Beethovenhalle saniert wird. Und ich bin sicher, dass das Ergebnis überzeugend wird. Diese Halle hat einige Nachteile, aber auch gewaltige Vorteile. Wir haben eine für viele andere Formate geeignete Konzerthalle. Darum geht es doch heutzutage. Ich muss die Menschen, die bisher nicht so gerne in ein Konzert gehen, ebenfalls in das Haus locken können. Und nicht zu vergessen: Wir bekommen einen wunderbaren Kammermusik- und Probensaal für das Beethoven Orchester. Sie sehen also in mir einen großen Verfechter der Sanierung.

Ist das WCCB als Konzerthausersatz wirklich geeignet?

Schumacher: Es ist ein Ersatz. Und als Ersatz ist es gut geeignet.

In zwei Jahren feiert Bonn das Beethoven-Jubiläum anlässlich des 250. Geburtstages von Beethoven. Ist Bonn noch im Zeitplan für die Vorbereitungen insgesamt?

Schumacher: Wir gehen davon aus, dass die Beethovenhalle pünktlich fertig wird. Das ist unser Ziel. Mit Sicherheit wissen können wir es nicht. Der Stand der Vorbereitung für das Jubiläum ist sehr gut. Das liegt auch daran, dass es die Beethoven-Jubiläums-Gesellschaft gibt, die in der Lage war, ganz erhebliche Geldbeiträge beim Bund zu akquirieren und dies wohl auch beim Land und beim Rhein-Sieg-Kreis erreichen wird. Wir sind jetzt bei einer Größenordnung von voraussichtlich mehr als 25 Millionen Euro, auf die wir mehr als stolz sein können. Das ist ein Riesenerfolg. Und es gibt eine Fülle an Projektideen für das Fest. Das ist auch für die freie Kulturszene eine riesige Chance, sich einzubringen. Und das Schöne ist, es wird Geld dafür fließen, denn das Geld ist da!

Das Theater Bonn erhält 30 Millionen an Zuschüssen pro Jahr, zehn Millionen bekommt das Beethoven Orchester. Kommt die freie Kultur da nicht zu kurz?

Schumacher: Die freie Kultur hat 3,2 Millionen Euro. Das sind etwa fünf Prozent des Kulturetats, und das ist vergleichsweise zu vielen anderen Kommunen ein guter Satz. Die freie Kultur ist aus meiner Sicht in absoluten Zahlen betrachtet gut ausgestattet. Dass das Geld für die vielen Kultureinrichtungen gleichwohl nicht auskömmlich ist, darüber, glaube ich, brauchen wir gar nicht zu reden.

Die Pantheon-Macher wollen entgegen der Absprachen die Halle Beuel doch nicht umbauen. Sind Sie dafür, im Gegenzug die äußerst niedrige Miete anzuheben?

Schumacher: Dazu haben wir gerade das erste Gespräch mit Rainer Pause geführt. Mehr kann ich zurzeit nicht dazu sagen.

Es gab Verteilungskonflikte zwischen Sport und „Hochkultur“: Hätten Sie, zuständig für beide Bereiche, stärker zwischen den Streithähnen vermitteln müssen?

Schumacher: Ja, im Rückblick hätte ich wahrscheinlich noch mehr machen sollen. Ich bin aber manchmal ein wenig ratlos gewesen, vor allem als ich auch noch ausgerechnet als kommissarischer Sozialdezernent für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig war. Generell muss ich sagen, solche Konflikte und Verteilungskämpfe gab es schon immer. Mal ist es das Soziale und der Sport, mal die Kultur und der Sport. Das werden wir immer wieder haben.

Welche Impulse können von dem neuen Macke-Haus-Anbau für die städtische Museumslandschaft ausgehen?

Schumacher: Das neu geschaffene Macke-Haus ist einerseits ein äußerst attraktiver authentischer Erinnerungsort und eröffnet mit den sehr schön gestalteten Räumen die Möglichkeit, sich mit dem Leben und Werk von August Macke und seiner Zeitgenossen auseinanderzusetzen. Es ergänzt somit in sehr sinnvoller Weise die Arbeit des Kunstmuseums, in dessen Sammlung zum Rheinischen Expressionismus wichtige Werke August Mackes vertreten sind.

Wie weit sind die Pläne für Stadtarchiv und Stadtmuseum gediehen?

Schumacher: Der Rat hat beschlossen, das Archiv auf dem Areal der Pestalozzischule anzusiedeln. Die Planung für das Archiv ist in Arbeit. Der Planungsauftrag umfasst auch die dortige Anordnung des Stadtmuseums. Eine Entscheidung, ob diese dann auch realisiert wird, wird später getroffen.

Sollten Sport und Kultur künftig weiterhin in einem Dezernat vereint bleiben?

Schumacher: Die Qualität der Aufgabenerledigung ist nicht so sehr abhängig von der Zuordnung sondern von der Aufgabenwahrnehmung und der Unterstützung, die diese erfährt. Kultur und Sport haben vieles gemeinsam. Beide Bereiche tragen in hohem Maße zum Zusammenhalt der Stadtgesellschaft bei.