Dramatische Schilderungen

Bonner Krankenschwester beklagt Zustände in der Pflege

Themenbild: Eine Krankenschwester steht an einem Krankenbett auf der Intensivstation. Laut Schilderung einer Bonner Schwester bleibt immer weniger Zeit, um sich angemessen um die Patienten zu kümmern.

Themenbild: Eine Krankenschwester steht an einem Krankenbett auf der Intensivstation. Laut Schilderung einer Bonner Schwester bleibt immer weniger Zeit, um sich angemessen um die Patienten zu kümmern.

Bonn. Schwester Sabine ist seit 38 Jahren im Dienst in einer Bonner Klinik. Sie sagt: So schlimm wie heute war es mit der Arbeitsbelastung und den Zuständen auf den Stationen noch nie.

Wenn die Luftzufuhr des Beatmungsgerätes gedrosselt wird, findet sie die Lage besonders schlimm. „Patienten müssen sich langsam wieder an die Eigenatmung gewöhnen“, sagt Sabine Schneider. Schon oft hat die examinierte Krankenschwester diese heiklen Stunden miterlebt. „Viele Menschen bekommen Panik. Sie halluzinieren oder sind verwirrt.“ Man müsse den Patienten erklären, was passiert, sie beruhigen, aufpassen. Stattdessen würden die Betroffenen oftmals mit den Händen ans Bett fixiert – zu ihrem Schutz. Zum Aufpassen bleibt im Krankenhausalltag für das Pflegepersonal einfach keine Zeit.

Sabine Schneider, deren Namen wir zu ihrem Schutz geändert haben, ist seit 38 Jahren im Beruf. Viele Jahre arbeitete die Bonnerin auf einer Intensiv-Station in ihrer Heimatstadt. Heute ist sie in der Orthopädie eingesetzt. „Wenn es gut läuft, ist es ein schöner Beruf. Wir können wirklich helfen“, sagt Schneider, die sich mit einigem Berufsstolz gerne „Schwester Sabine“ rufen lässt.

Gut läuft es im Krankenhaus allerdings immer seltener, denn das Pflegepersonal ist rar. Wie viele Stellen in ihrem Haus gestrichen wurden oder vakant sind, weiß Schneider nicht genau. Aber auf Station herrscht ständig der Notfallmodus. 35 Betten haben Schneider und ihre Kollegen zu betreuen. Eine normale Schicht beginnt morgens früh um 6 Uhr mit der Übergabe von der Nachtschicht und einer Tasse Kaffee. Eine halbe Stunde später richtet Schneider die Medikamente her. Ab 7.15 Uhr ist Visite, viel zu früh für die noch verschlafenen Patienten, denen ihre Fragen erst später gegenüber den Schwestern und Pflegern einfallen werden.

Jeder Handgriff muss dokumentiert werden

Ab 8 Uhr beginnt der richtige Stationsalltag. Fünf bis sieben Patienten muss Schneider waschen, kämmen, rasieren, aufs WC begleiten. Die einen müssen in den OP gebracht, andere abgeholt oder verwirrte Bettflüchtige wieder eingesammelt werden. Infusionen, Schmerzmittel, Eisbeutel werden gebraucht. Immer wieder klingeln die Patienten nach den Schwestern und unterbrechen damit die Routinen.

Dazu kommt der Papierkram bei Neuaufnahmen und Entlassungen. Jeder Handgriff muss dokumentiert werden, damit er später abgerechnet werden kann. Am Wochenende müssen die gut ausgebildeten Schwestern auch noch das Mittagessen austeilen. Dabei genießt Schneider schon ihre neue Station. Dort gibt es auch geplante OP's. Menschen, die mit einem gebrochenen Knochen kommen und nach wenigen Tagen mit Aussicht auf volle Heilung wieder gehen.

Vier Schwestern oder Pfleger in der Frühschicht, drei im Spätdienst und einer in der Nacht sowie ein Springer im Haus – damit ließe sich die Arbeit gut bewältigen, glaubt Schneider. Solche Besetzungen sind heute Ausnahmen. Wenn der Personalschlüssel einmal stimme, würden Kräfte auf andere unterbesetzte Stationen abgezogen. Auf ihrer jetzigen Station habe sie schon häufiger mit ein, zwei Praktikanten oder Krankenpflegeschülern allein dagestanden. „Ich muss dann offiziell die Verantwortung ablehnen“, sagt Schneider.

Dazu komme das Sprachproblem. 70 Prozent der Pflegekräfte sprächen nicht Deutsch als Muttersprache. Viele seien fachlich gut. Aber es hapere an der Abstimmung. „Wir verstehen uns einfach nicht – und dann dauert alles viel länger, als es müsste“.

Ekel ist ein ständiger Begleiter

Als Lohn für die Mühe geht Schwester Sabine am Monatsende mit 2000 Euro netto nach Hause – nach 38 Berufsjahren. Jedes zweite Wochenende hat sie Dienst, dazu alternierend an allen Feiertagen, in Schichtperioden von elf Tagen. Viele Kollegen seien mit Burnout dauerkrank, andere hätten sich ins Büro verabschiedet.

Im Intensiv-Bereich hat Schneider viel Leid und Tod gesehen, bevor selbst sie die Segel strich. Ekel ist hier ein ständiger Begleiter. Die folgenden Sätze sind deshalb nichts für empfindliche Naturen. Patienten in Narkose können ihren Stuhlgang nicht halten. Hilflos liegen sie in ihren eigenen Ausscheidungen. Andere spucken Blut, erbrechen sich. Gerüche, Geräusche, Anblicke zum Fürchten. Es gibt niemand, hinter dem Schwester Sabine und ihre Kollegen sich verstecken können. „Wir sind die Letzten, die sich kümmern“.

Trotz allem möchte Schwester Sabine ihre Arbeit gut machen. Sie möchte die Patienten beruhigen und trösten, möchte nicht, dass sie alleine sind und panisch nach Luft schnappen. Ihren Kollegen gehe es genauso. Trotzdem lasse sich der Mangel vielfach nicht verbergen, „auch wenn wir das System irgendwie am Laufen halten“.

Eine regelmäßige Supervision gibt es im Krankenhaus von Schwester Sabine nicht und auch andernorts ist sie nicht die Regel. Niemand begleitet das Pflegepersonal psychologisch. Man spricht nicht gemeinsam über das Erlebte. Wer sich beklage, dem werde schlicht die Kündigung nahegelegt.

Dienstkleidung ist billig und unangenehm

Schwester Sabine hat nicht gekündigt in all den Jahren. Es könne sich doch nicht jeder verdrücken, findet sie. Aber die nicht vorhandene Wertschätzung, die sei am schlimmsten. Stattdessen würden die Zahlen von der Pflegedienstleitung geschönt und allerorten Lücken gestopft.

Und es wird gespart, auch im Detail. So muss Schneider heute andere Dienstkleidung tragen. Die ist günstiger im Einkauf, aber fast nur aus Polyester, im Sommer extrem unangenehm. Auch das Essen wurde einem günstigeren Anbieter übertragen. Seither komme nichts Appetitliches mehr auf die Teller. Dass Kranke eigentlich besonders verwöhnt werden müssten, zumindest viele Vitamine benötigen, interessiert nach Schneiders Beobachtungen in der Krankenhausleitung niemanden.

Schneider hat sich ihre Erfahrungen gegenüber dem General-Anzeiger von der Seele geredet, weil sie das wollte. Auch andere machen inzwischen den Mund auf, wie jener junge Pfleger, der Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Sendung vor der Wahl zur Rede stellte.

Mit ein bisschen Systemkosmetik ist es aus Sicht der Praktikerin nicht getan. „Warum müssen wir als Krankenhaus heute ein Wirtschaftsbetrieb sein und Gewinne machen?,“ fragt Schwester Sabine. „Warum können wir nicht einfach kranke Menschen möglichst wieder gesund machen?“