Nach Vorfall im Hofgarten

Bonner Juden trauen sich nicht, die Kippa zu tragen

Der „Engel“ am Hofgarten vereint Davidstern, Kreuz und Mondsichel.

Der „Engel“ am Hofgarten vereint Davidstern, Kreuz und Mondsichel.

Bonn. Ariel trägt keine Kippa. Er kennt auch keine Juden, die mit einer Kippa draußen herumlaufen würden. Ariel und zwei andere junge Männer erzählen, was sie nach dem Angriff auf den jüdischen Professor im Hofgarten bewegt.

So wie alle Personen in dieser Geschichte, heißt Ariel eigentlich anders. Er ist Mitte Zwanzig und arbeitet am Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt. Mehr darf hier über seine Person nicht stehen, zu groß sei das Risiko, erkannt zu werden. An diesem Abend sitzt Ariel im Café Blau. Sein rechtes Bein wippt auf und ab, seine Hände umklammern die Kaffeetasse. Das Café ist nur einen Katzensprung entfernt vom Hofgarten. Dort war am 11. Juli der in den USA lebende jüdische Professor Yitzhak Melamed erst von einem 20-jährigen Deutschen mit palästinensischen Wurzel attackiert worden, und dann schlugen Polizisten auf ihn ein und verletzten ihn. Sie hatten ihn mit dem Täter verwechselt.

Als Ariel die Nachricht las, dass ein Mann mit Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung, angegriffen wurde, war er traurig – aber nicht überrascht. Er sagt, es sei noch nie sicher gewesen, in Deutschland Kippa zu tragen. Auch wenn Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, 2015 davor warnte: Religiöse Juden seien schon lange vorher auf Baseballcaps umgestiegen, um ihren Kopf unterwegs zu bedecken. Ariel würde sich nicht als religiös bezeichnen, eher als „typisch weltlich-traditionell“. Die Kippa würde er trotzdem tragen, wenn es in Deutschland denn möglich wäre. Aber Religionsfreiheit, so sagt er, gibt es für Juden nur hinter geschlossenen Türen. Die Synagoge in Bonn stehe unter ständigem Polizeischutz.

Seine jüdischen Freunde trifft Ariel außerhalb der Gemeinde. Seit etwas mehr als anderthalb Jahren gibt es an der Uni Bonn eine jüdische Hochschulgruppe. Die Mitglieder treffen sich einmal im Monat, feiern zusammen die Feiertage, organisieren Vorträge oder gehen in eine Bar. Ariel betont, dass das Judentum mehr ist als nur der Kampf gegen Antisemitismus. An der jüdischen Gemeinschaft liebt er ihre lebendige Vielfalt, dass man miteinander viel lacht, tanzt und singt. Bloß über Politik könne man unter Juden schwer reden, sagt er mit einem Zwinkern. Dann würde man sich nur noch streiten, nach dem alten Sprichwort: „Zwei Juden, drei Meinungen.“

"Nicht feige, sondern vorsichtig"

Dabei müsste man sich erst einmal darauf einigen, was das Judentum nun eigentlich ist. Eine Religion, ein Volk, eine Sammlung von Traditionen? Für Leonard ist es vor allem eines: eine Schicksalsgemeinschaft. An einem viel zu heißen Nachmittag sitzt der promovierende Naturwissenschaftler auf einer Parkbank im Hofgarten und erzählt vom Schweigen. Vom Schweigen darüber, Jude zu sein. Offiziell gibt es 100.000 Juden in Deutschland. Aber Schätzungen zufolge gibt es 100.000 weitere deutsche Juden, die in keinerlei Gemeinde angemeldet sind. „Ich gehöre zur zweiten Hälfte“, sagt Leonard.

Bei ihm zu Hause hängen an den Türpfosten keine Mesusot – kleine Kapseln, in denen sich ein Stück Pergament befindet. An Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, zündet seine Familie keine Kerzen an. „Mit meinen blonden Haaren und blauen Augen gehe ich problemlos als Deutscher durch.“ Nur ein hauchdünner, kaum hörbarer russischer Akzent verweist auf seine Familiengeschichte.

Mit neun Jahren ist er in den Neunzigern nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit seinen Eltern aus Moskau nach Bonn gekommen. In seiner Klasse am Gymnasium war er bekannt als der Streber, er liebte es zu lernen. Seine Leistungen überschatteten die anderen Bestandteile seiner Identität. Lieber sollten sie ihn halt Streber nennen als Russe, Ausländer oder Jude. „Meine Großtante wollte das Wort Jude nicht in den Mund nehmen. Wenn jemand fragte, waren wir Franzosen.“

Gemeint ist die Großtante, deren ganze Familie 1941 von Soldaten in Weißrussland ermordet wurde. Der Begriff des „Franzosen“ wurde im Familienjargon zu einer Art tragischem Platzhalter, der an die Gefahr erinnert, anders zu sein. Leonard fixiert mit seinem Blick einen Punkt am Horizont, denkt lange nach und sagt: „Ich weiß nicht, ob es Feigheit ist. Nennen wir es lieber Vorsicht.“

Dialog zwischen den Religionen

Ein paar Meter von der Parkbank entfernt treffen sich Judentum, Christentum und Islam – auf einer in den Boden eingelegten Stahlplatte. Benjamin (26) vertrat bei der Eröffnung des „Engels der Kulturen“ 2011 die jüdische Gemeinde Bonn. Während er von der Feier im Zeichen des Friedens erzählt, macht sich in seinem Gesicht ein Lächeln breit. Der interreligiöse Dialog liegt ihm sehr am Herzen. Als Politik-Student beschäftigt er sich viel mit Antidiskriminierung, will Strategien gegen Antisemitismus und Rassismus finden. „Es gibt einfach zu viel Hass in der Gesellschaft“, sagt er.

Mitten im Gespräch nähert sich dem Engel eine Reisegruppe aus Israel. Sie macht eine Art Pilgerfahrt, besucht werden Orte in Deutschland, wo jüdisches Leben einst florierte. Frauen tragen Rock und Perücke, Männer laufen wie selbstverständlich mit Kippa auf dem Kopf. Der Reiseführer kommt mit Benjamin auf Englisch ins Gespräch und erfährt, dass er Jude ist. „Warst du schon mal in Israel?“ – „Noch nie. Ich will es aber unbedingt bald besuchen.“ –„Nein nein, nicht besuchen. Leben!“

Laut „Jerusalem Post“ wanderten seit dem Jahr 2000 mehr als zehn Prozent der französischen Juden nach Israel aus – davon mehr als die Hälfte in den vergangenen fünf Jahren. Ähnliche Zahlen lassen sich für Deutschland nicht berichten, obwohl sich Premierminister Netanjahu schon 2015 an alle europäischen Juden wandte mit den Sätzen: „Israel ist euer Heim! Wir erwarten euch mit offenen Armen.“ Seine Einladung war eine Reaktion auf einen islamistischen Anschlag auf die Kopenhagener Synagoge.

Israel als "religiöse Utopie"

Ariels Eltern sind deutsche Juden, die nach dem Sechstagekrieg 1967 aus Israel zurück nach Deutschland kamen. Der Physiker ist hier aufgewachsen, hat für seinen Abschluss aber ein Jahr lang in einer Forschungsgruppe in Haifa gearbeitet. „Ich habe nicht in der Armee gedient, so konnte ich das Land dann trotzdem unterstützen.“ Auf Dauer zurückkehren nach Israel will er erst einmal nicht, er schätzt die Stabilität, in der er in Deutschland lebt.

In Benjamins Vorstellung ist Israel eine religiöse Utopie. Er hat Angst, dass diese Vorstellung zerbricht, wenn er tatsächlich hinflöge. Denn mit der Politik des Staates geht er durchaus kritisch um. Nach dem Master würde er gerne ein halbes Jahr in einem Kibbuz arbeiten. Doch er betont: „Ich bin deutscher Jude. Meine Heimat ist hier in Deutschland.“

Auch Leonard war noch nie in Israel. Seit Längerem spielt er aber schon mit dem Gedanken, eine Wohnung in Tel Aviv zu kaufen, ganz nah am Meer. Dann könnte er jeden Sommer dort hinfliegen, dann müsste er eine Weile lang nichts mehr verleugnen. Es soll schön sein dort.

Autor Jonathan Fridman ist einer von neun Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung, die in einem Seminar in Kooperation mit dem General-Anzeiger aktuellen Themen nachgegangen sind. Ihre Texte erscheinen in loser Folge im GA.