80. Jahrestag der Novemberpogrome

Bonner Juden fühlen sich nicht mehr sicher

Zur Gedenkfeier am Synagogen-Mahnmal am Moses-Hess-Ufer spricht Bürgermeister Reinhard Limbach.

Zur Gedenkfeier am Synagogen-Mahnmal am Moses-Hess-Ufer spricht Bürgermeister Reinhard Limbach.

Bonn. Am Donnerstag wurde in Bonn bei einer Veranstaltung zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome den Opfern gedacht. Dabei machten die Teilnehmer auch auf die heutige Situation der Juden in Bonn aufmerksam.

Die Mitglieder der Bonner Synagogengemeinde fühlen sich nicht mehr sicher. Aus Angst vor Anfeindungen verbergen sie ihre religiösen Symbole. Synagogen und jüdische Einrichtungen müssen im Jahr 2018 geschützt werden. Die Situation, die Bürgermeister Reinhard Limbach am Donnerstagnachmittag beschreibt, bezeichnet er selbst als „unerträglich“. Antisemitische Parolen seien wieder an der Tagesordnung. Während Limbach spricht, patrouillieren drei Polizisten rund um das Synagogen-Mahnmal am Moses-Hess-Ufer, wo sich Bonner versammelt haben, um der Pogrome vor 80 Jahren zu gedenken.

Im Jahr 1938 brannten die Synagogen in Bonn, Beuel, Bad Godesberg, Poppelsdorf und Mehlem – eine davon stand genau dort, wo Limbach am Donnerstag zum Gedenken einen Kranz niederlegen lässt. Damals wurden jüdische Geschäfte zerstört und Menschen verschleppt. Angst hätten Juden aber auch heute wieder, sagt die Vorsitzende der Bonner Synagogengemeinde Margaret Traub: „Wir fühlen uns auf der ganzen Welt nicht mehr sicher.“ Es gebe heute sogar Bonner Juden, die darüber nachdenken, nach Israel auszuwandern, fügt Limbach hinzu.

Die Rede, die Traub hält, dreht sich überwiegend um die aktuelle Situation ihrer Glaubensgemeinschaft. „Jüdisches Leben ist in Deutschland und Europa wieder gefährdet“, erklärt sie. Es sei wichtig, den ermordeten Juden zu gedenken, aber das allein reiche nicht aus. Erst wenige Tage vor der Gedenkveranstaltung starben in der US-amerikanischen Stadt Pittsburgh bei einem Attentat auf eine Synagoge elf Menschen.

Gruppe BDS kündigt Aktionstag an

Dass Antisemitismus nicht immer soweit entfernt ist, zeigte der Angriff im Sommer auf den jüdischen Professor Yitzhak Melamed im Bonner Hofgarten. „Es ist höchste Zeit, den Judenhass beim Namen zu nennen“, sagt Traub. Sie frage sich vor allem, warum es jede Woche in Bonn überall möglich sei, diesen Judenhass öffentlich demonstrieren zu dürfen: Sie beobachte fast wöchentlich Mitglieder der Organisation BDS. „Sie stehen mit „Kauft keine israelischen Produkte“-Schildern vor Geschäften. Das sei aber nicht alles. Sie stürmten auch Veranstaltungen mit Holocaust-Überlebenden. Die Bundesregierung hat die israelkritische Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) als antisemitisch eingestuft.

Auf ihrer Internetseite kündigt die Gruppe für diesen Freitag einen Aktionstag für eine Welt ohne Mauern an. Mit der Ankündigung wirft sie Israel „mörderisches Vorgehen gegenüber palästinensischen Demonstranten“ vor. Für Traub ist das Datum kein Zufall: „Dieses Datum ist in meinen Augen Absicht, ein Faustschlag ins Gesicht, offene antisemitische Provokation.“ Traub fordert dazu auf, der sechs Millionen unschuldiger jüdischer Opfer von damals zu gedenken, aber gleichzeitig die Stimme zu erheben für ein „Nie wieder“.