Der Fall Jens Bleck

Bonner Bürger stellen hohe Belohnung in Aussicht

Bonn. Der Fall Jens Bleck ist am Mittwoch erneut Thema im NRW-Landtag. Der Schlüssel zur Aufklärung könnte die Auswertung der Videos durch Spezialisten sein. Am Donnerstag findet ein Gedenkgottesdienst statt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Zwei zermürbende Wochen lang klammerten sich Alma und Torsten Bleck an die vage Hoffnung, ihr vermisster Sohn könne vielleicht doch noch eines Abends unversehrt vor der elterlichen Haustür stehen. Am Abend des 24. November 2013 starb die Hoffnung.

An jenem Abend vor drei Jahren wurde den Eltern des 19-jährigen Jens Bleck die Nachricht überbracht, dass man die Leiche ihres Sohnes im Norden Kölns im Rhein gefunden hatte. Der Tote trug um das Handgelenk das All-inclusive-Bändchen der Bad Honnefer Diskothek „Rheinsubstanz“, in den Taschen der Kleidung fand man den Personalausweis des Studenten.

„Steine der Erinnerung" für Jens Bleck

Zum Jahrestag des Auffindens lädt Pfarrer Siegfried Eckert gemeinsam mit dem Bonner Jazz-Pianisten Marcus Schinkel am Donnerstag um 18.30 Uhr zu einem Gedenkgottesdienst in die Krypta der Bonner Kreuzkirche. Der Pfarrer ermuntert jeden Besucher, einen Stein mitzubringen: „Steine der Erinnerung – in Anlehnung an die jüdische Tradition, einen Stein auf dem Grabmal abzulegen“, sagt Eckert. „Wir wollen aus den mitgebrachten Steinen eine Klagemauer auf dem Altar errichten.“

Während des Gedenkgottesdienstes vor einem Jahr hatten Bonner Bürger einen Brief an die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) verlesen, den rund 100 Menschen unterschrieben. Die Antwort aus Düsseldorf kam nicht von der Ministerpräsidentin, sondern Monate später von einem Mitarbeiter des Justizministeriums. Der verwies auf die Sitzung des Rechtsausschusses des NRW-Landtages. Dort hatte die FDP-Fraktion den Fall Jens Bleck zum Thema gemacht.

Die in der Sitzung vorgestellte schriftliche Stellungnahme des NRW-Justizministers Thomas Kutschaty (SPD) befriedigte aber weder die Bonner Bürgerinitiative noch die FDP-Landtagsfraktion – weshalb Dirk Wedel, rechtspolitischer Sprecher der Liberalen und ehemaliger Richter am Landgericht Düsseldorf, den Fall Jens Bleck nun erneut auf die Tagesordnung des Rechtsausschusses setzen lässt.

Nachdem das Papier des Justizministers den Eindruck erwecken sollte, im Fall des 19-Jährigen sei erschöpfend ermittelt worden, möchte die FDP-Fraktion in der nächsten Sitzung des Ausschusses am Mittwoch vom Justizminister erfahren, was denn die Kölner Generalstaatsanwältin kürzlich dazu bewogen hat, nach monatelanger Prüfung der Aktenlage in der Kölner Dienstaufsichtsbehörde nun die Bonner Staatsanwaltschaft anzuweisen, ihre bereits am 18. Januar 2016 offiziell eingestellten Ermittlungen wieder aufzunehmen. Ferner will die FDP-Fraktion den aktuellen Stand der Ermittlungen erfahren.

Belohnung für sachdienliche Hinweis

Unterdessen unternimmt die Bürgerinitiative einen weiteren Schritt: „Diese erneuten Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft möchten wir durch die Auslobung einer Belohnung für sachdienliche Hinweise unterstützen“, erklären die beiden Sprecher der Initiative, Anna-Barbara von Bülow und Jan Maresch. „Grundsätzlich ist es Sache der Staatsanwaltschaft, eine solche Belohnung zur Aufklärung von Verbrechen auszusetzen. Die Ermittlungsbehörde hat davon keinen Gebrauch gemacht. Wir halten es aber für sinnvoll und jetzt geboten, auch diese Möglichkeit zu nutzen in der Hoffnung auf eine Aussage, die vielleicht doch noch zur Klärung des tragischen Todes von Jens Bleck führt.“

Im Bad Godesberger Todesfall Niklas P., der bundesweit für Schlagzeilen sorgte, hatte die Bonner Staatsanwaltschaft eine Belohnung in Höhe von 3000 Euro ausgesetzt. In ihrer jetzigen Rundmail an die damaligen Unterzeichner des Briefes an die Ministerpräsidentin schreiben die Bonner Initiatoren: „Die Belohnung sollte so hoch sein, dass sie die Scheu, sachdienliche Beobachtungen mitzuteilen, überwindet. Um eine so erhebliche Summe zu erhalten, benötigen wir möglichst viele Spenderinnen und Spender. Daher bitten wir Sie um Ihre zeitnahe finanzielle Unterstützung und wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie auch Ihre Freunde und Nachbarn ansprechen könnten.“

Im Rundschreiben folgen die Kontoverbindung (Initiative-Jens-Bleck / Belohnung für sachdienliche Hinweise / Sparkasse KölnBonn / IBAN: DE65 3705 0198 1933 5488 42) und der abschließende Hinweis: „Wir werden die Belohnung für sachdienliche Hinweise über die Medien bekannt geben. Sollten keine verwertbaren Hinweise in einer gegebenen Zeit eingehen, besteht die Möglichkeit, den Erlös der Sammlung für die Beauftragung eines professionellen Privatdetektivs einzusetzen. Über den Einsatz Ihres Beitrags informieren wir Sie.“

 

Hendricks bezweifelt ausreichende Sorgfaltspflicht

Auch wenn dies zehn Monate her ist: Den Tag der erneuten Einstellung der Ermittlungen durch die Bonner Staatsanwaltschaft wird die Bonner SPD-Landtagsabgeordnete Renate Hendricks so schnell nicht vergessen. Denn noch am Nachmittag des 15. Januar 2016 (ein Freitag) berichtete sie Alma und Tosten Bleck freudestrahlend, sie komme soeben von einem Termin mit dem Leiter der Behörde, und der habe ein Gespräch der zuständigen Abteilung Kapitalverbrechen mit den Eltern in Aussicht gestellt.

Bevor es dazu hätte kommen können, erhielt der Anwalt der Eltern Post von der Behörde: die Mitteilung der Ermittlungseinstellung. Datum des Schreibens: 18. Januar 2016. Ein Montag. Unterstellt man, dass solche umfangreichen Schriftsätze nicht übers Wochenende verfasst werden, könnte die Einstellung also bereits beschlossene Sache gewesen sein, als die Landespolitikerin mit dem Behördenleiter sprach.

„Ob die Abteilung Kapitalverbrechen im Fall Jens Bleck den vorliegenden Hinweisen in ausreichender Art und Weise nachgegangen ist und ob sie mit ausreichender Sorgfaltspflicht die Ermittlungen geführt hat, kann nicht erst seit der jetzt wieder aufgenommenen Ermittlung bezweifelt werden“, sagte Renate Hendricks vergangene Woche im Gespräch mit dem General-Anzeiger. „Ich bedauere sehr, dass es nicht unmittelbar nach dem Tod von Jens zu umfassenden Begutachtungen auch des Videomaterials gekommen ist, weil sich daraus unter Umständen Hinweise auf die Eskalation am Rhein hätten ergeben können. In jedem Fall haben die Eltern und die Öffentlichkeit ein sehr begründetes Interesse, dass die Hintergründe dieses Todes aufgeklärt werden.“

Dem Vernehmen nach soll die Generalstaatsanwältin angeregt haben, das Videomaterial der Überwachungskameras der inzwischen geschlossenen Bad Honnefer Diskothek zur technischen Aufbereitung an ausgewiesene Experten weiterzureichen – die gibt es sowohl beim Landeskriminalamt in Düsseldorf als auch beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden.

Kölner holten sich Hilfe bei Scotland Yard

Auch bei der Aufklärung der Massenverbrechen in der Kölner Silvesternacht spielen Videos eine entscheidende Rolle – Überwachungskameras am Hauptbahnhof und Amateuraufnahmen per Handy. Die Kölner Ermittler holten sich dafür Hilfe bei Scotland Yard: Die britischen Kollegen Eliot Porritt und Andy Eyles sind Mitglieder einer Londoner Spezialabteilung („Super Recognizer“) zur Identifizierung von Personen auf Videos mangelhafter Qualität. In Köln identifizierten die beiden Detective Sergeants binnen zwei Wochen aus 313 Videos und Fotos Dutzende Opfer und mutmaßliche Täter.

Die verstrichene Zeit seit den eklatanten, kaum nachvollziehbaren Versäumnissen der ersten Wochen und Monate nach dem 9. November 2013 machen eine Aufklärung nach drei Jahren nicht eben leichter. Kaum nachvollziehbar bleibt aber auch manches Geschehen abseits der Ermittlungen.

So geht Pfarrer Siegfried Eckert ein Telefonat einige Wochen nach seinem Gedenkgottesdienst am 8. Dezember 2015 nicht aus dem Kopf: „Da rief mich ein leitender Polizeibeamter des Bonner Präsidiums an. Er drückte darin sein Bedauern über den Bericht im General-Anzeiger über den Gottesdienst aus. Dieser habe bei seinen Kollegen große Betroffenheit ausgelöst.“

 

Der Artikel berichtete unter anderem von der Fürbitte, die ein Teilnehmer sich im Gottesdienst von der Seele geschrieben hatte: „Wir beten für alle die, die Jens nicht geholfen haben, die also Hilfe unterlassen haben.“ Ferner wurde im Bericht ein Satz der Bürgerinitiative zitiert: „Es liegen so viele nicht nachvollziehbare Handlungen oder Unterlassungen vor, dass sich der Eindruck aufdrängt, dass sich hinter dem Todesfall des Studenten Grundsätzlicheres verbirgt.“

Pfarrer will keine Fürbitten zensieren

Eckert zeigte im Telefonat Verständnis, dass die Berichterstattung auch auf Seiten der ermittelnden Polizei Betroffenheit auslöste, erklärte dem leitenden Beamten aber, dass er als Pfarrer keine Fürbitten zensiere und auch der gegründeten Initiative keinen Maulkorb verpasste, als diese sich im Gottesdienst zu Wort meldete. Eckert weiter: „Während des Telefonates berichtete mir der Beamte von der erneuten Einstellung des Ermittlungsverfahrens - noch bevor die Eltern von Jens Bleck über ihren Anwalt davon Kenntnis hatten. Ich war schon sehr irritiert über die Motivation, den Zeitpunkt, den Inhalt und die Art des Anrufes.“

Gedenkgottesdienst am Donnerstag, 18.30 Uhr, Krypta der Bonner Kreuzkirche (Nebeneingang, Straße „An der Evangelischen Kirche“)